Schon die Alltagserfahrung besagte: je öfter man einen Lernstoff wiederholt, um so tiefer prägt er sich ein. Die Experimente bestätigen diese allgemeine Regel, zeigen aber auch, daß nicht einfachhin eine Proportionalität zwischen der Anzahl und dem Einprägungswert der Wiederholungen herrscht. Die erste Lesung hat bei sinnlosem Material den größten Einprägungswert; bei sinnvollem gilt dies von der zweiten, da die erste der Orientierung dient. Ist die Reihe einmal gelernt, so prägen die überschüssigen Wiederholungen sie verhältnismäßig nicht viel mehr ein, sind darum weniger zweckmäßig.

b) Einfluß des Lernstoffes

Zunächst ist die Stellung der einzelnen Elemente von Bedeutung. Anfang und Ende einer Silbenreihe werden zuerst behalten, die Mitte wird regelmäßig am schwersten gelernt. Unmittelbar vorausgehende und unmittelbar nachfolgende Einprägungen scheinen einer weiteren Assoziationsstiftung nachteilig zu sein. Je geläufiger sodann die einzelnen Silben einer Reihe oder überhaupt die Elemente eines Lernstoffes sind, um so leichter prägen sie sich ein: eine Reihe, die aus bekannten Silben aufgebaut ist, wird leichter erlernt als eine aus unbekannten. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb die Einprägung längerer Reihen mehr Wiederholungen beansprucht als die kürzerer. Je stärker ferner und je eindringlicher die Elemente dargeboten werden, um so besser werden sie behalten. Das gilt in gewissem Sinne auch für die Dauer der Einwirkung: bleiben die einzelnen Silben längere Zeit sichtbar, so vermehren sich die Treffer. Anderseits werden die Reihen unter sonst gleichen Bedingungen aber doch schneller erlernt, wenn sie schneller gelesen werden. Man hat dieses Paradox durch den Einfluß der Perseveration zu klären gesucht: bei dem Trefferverfahren, das 5 Minuten nach der Darbietung einsetzt, spielt die Perseveration eine größere Rolle als bei dem Erlernungsverfahren, wo die ganze Reihe unmittelbar nach der Einprägung aufgesagt wird. Nun ist die Perseveration um so stärker, je länger der Eindruck währte. Sie kann also bei langsamer Darbietung mehr zur Geltung kommen als bei schneller (Ephrussi). Vielleicht kann noch folgender Umstand berücksichtigt werden. Bei dem Trefferverfahren kommt es (auch subjektiv) darauf an, nur je ein Silbenpaar einzuprägen, und dafür ist eine längere Darbietung vorteilhaft. Bei dem Erlernungsverfahren hingegen soll immer die ganze Reihe behalten werden. Wenn nun wirklich, wie wir oben annahmen, die Hauptbedingung für die Assoziationsstiftung in der gleichzeitigen Vereinigung der Inhalte im Bewußtsein besteht, dann wird innerhalb gewisser Grenzen eine schneller gelesene Reihe sich leichter zu einem Gesamtbewußtseinsinhalt vereinigen lassen als eine langsam gelesene, und es ist zu erwarten, daß die Reproduktion der Teilinhalte eines Gesamtbewußtseins gegenüber der Reproduktion mehrerer aufeinanderfolgender Bewußtseinszustände im Vorteil ist.

c) Die Gesetzmäßigkeiten des Vergessens

Das Abnehmen der Assoziationsfestigkeit bestimmte zuerst Ebbinghaus vermittels der Methode der Ersparnisse: Mehrere gleichartige Reihen werden erlernt. Nach zwanzig Minuten wird eine von ihnen so oft wiederholt, bis sie wieder aufgesagt werden kann; nach einer Stunde wird eine zweite auf die gleiche Weise wieder aufgefrischt; nach acht Stunden eine dritte usf. Es stellte sich heraus, daß die erlernten Reihen — Ähnliches gilt von allen anschaulichen Vorstellungsfolgen, z. B. auch von Handfertigkeiten — anfangs sehr rasch und später sehr langsam vergessen werden. Daraus ergibt sich unmittelbar: sind uns zwei Lernstoffe augenblicklich gleich geläufig, so werden wir nach einiger Zeit denjenigen von beiden besser wissen bzw. weniger vergessen haben, den wir zuerst gelernt haben.

Da sich innerhalb gewisser Grenzen auch ein dauerndes Behalten erzielen läßt, das keine Wiederholungen mehr erfordert, so kann eine bis zum eben Hersagen erlernte und jeden Tag bis zu demselben Punkte wieder aufgefrischte Reihe nicht jedesmal gleichviel an ihrer Assoziationsstärke verlieren. Somit werden alte Assoziationen durch gleich viele Wiederholungen mehr gestärkt als junge (Jost). Das Experiment lehrt aber außerdem noch, daß das rasche Sinken der Assoziationsstärke namentlich durch die erste Wiedererlernung aufgehalten wird (Meumann). Mit dem Jostschen Satz hängt die wichtige Tatsache zusammen, daß es für die Einprägung vorteilhafter ist, die Wiederholungen möglichst zu verteilen, als den Lernstoff auf einmal zu bewältigen. Von besonders hohem Einprägungswert sind ferner jene Wiederholungen, die in Aufsageversuchen bestehen. Rezitationen, die zwischen einfache Wiederholungen eingeschoben werden, ersparen eine beträchtliche Zahl Wiederholungen. Die Aufsageversuche nämlich machen die schwachen Stellen kenntlich, lenken somit bei weiteren Einprägungen die Aufmerksamkeit auf sie und leiten zur Gruppenbildung an. Damit kommen wir zu neuen Lernbedingungen. die mit der Wiederholung als solcher nichts gemein haben.

d) Die Bedeutung des allgemeinen psychischen Verhaltens

Ein großes Hindernis der Einprägung bildet die geistige Ermüdung. Der späte Abend eignet sich durchschnittlich ebensowenig wie die Zeit der Verdauung zum Memorieren. Weiterhin stören Unlustgefühle gewaltig den Lernprozeß, während eine nicht allzu lebhafte Freude fördert. Das Interesse beschleunigt die Einprägung wohl in erster Linie wegen der Aufmerksamkeitssteigerung, die es bedingt. Zwar läßt sich nicht behaupten, ohne Aufmerksamkeit sei jegliches Behalten ausgeschlossen, aber im Bereiche der willkürlichen Einprägung bildet die Aufmerksamkeitskonzentration einen ausschlaggebenden Faktor, weshalb auch die Gedächtnispädagogen in erster Linie zur Beherrschung der Aufmerksamkeit erziehen. Ähnliches gilt von dem Willen zur Einprägung. Ohne diesen bringen auch recht zahlreiche Wiederholungen nicht merklich voran. Neuere Untersuchungen legen endlich nahe, daß es ein Behalten auf bestimmte Fristen gibt: was nur für einen bestimmten Termin eingeprägt ist, scheint rascher vergessen zu werden als das für immer Gelernte. Doch bedarf diese Frage noch weiterer Untersuchungen.

Die oben ([S. 102 f.]) erwähnten Vorstellungstypen machen sich auch für das Lernen geltend. Im allgemeinen gilt: jene Darbietungsweise ist die günstigste, welche dem Vorstellungstypus des Lernenden entspricht. Diese allgemeine Regel erleidet aber durch die besonderen Umstände zahlreiche Ausnahmen. So wird der Visuelle eine Reihe römischer Zahlen akustisch einprägen, weil ihm die akustischen Zahlvorstellungen geläufiger sind als die römischen Zahlbilder. Umgekehrt wird der Akustiker sich des visuellen Gedächtnisses bedienen, wenn ihm mehrere optische Bilder vorgeführt werden, für die er keinen Namen besitzt. Beides wegen des oben ([S. 167]) genannten Gesetzes, daß sich eine Reihe aus bekannten Elementen leichter merken läßt als eine aus völlig neuen gebildete.

e) Nebenassoziationen