Teilt man eine Silbenreihe in Gruppen zu je drei Silben, läßt sie in anapästischem Rhythmus (

) lesen und bietet später der Vp eine der betonten Silben mit der Aufforderung, die nächsteinfallende Silbe auszusprechen, so wird die zweitvorhergehende Silbe häufiger reproduziert als die unmittelbar vorausgehende (initiale Reproduktionstendenz). Es besteht sonach eine Tendenz, ausgehend von einem Glied des Komplexes, den ganzen Komplex ins Bewußtsein zu heben. Läßt man eine Silbe aus einem solchen Komplex in einer zweiten Reihe sich mit einer komplexfremden Silbe assoziieren, so läßt sich die generative und effektuelle Hemmung, die nach dem obigen zu erwarten wäre, an jener Silbe nicht nachweisen, sobald sie innerhalb des Komplexes reproduziert wird (Frings). Es wird also offenbar beim Aufsagen einer in Komplexe eingeteilten Reihe nicht jede Silbe für sich reproduziert, sondern der Komplex, in dem sie sich befindet, wird als Ganzes wieder erneuert. Ähnliche Beobachtungen macht man auch bei der freien und gebundenen Reproduktion bedeutungshaltiger Vorstellungen. Wir müssen somit unsere Auffassung der Assoziationen dahin erweitern, daß sich nicht nur an ein einzelnes Element nach verschiedenen Richtungen hin andere Elemente anschließen, sondern daß auch häufig eine Mehrheit von Elementen in einem Komplex vereinigt sind und daß solche Komplexe ähnlich wie die Elemente untereinander assoziativ verknüpft sind.

Einen Komplex hat man sich jedoch nicht wie eine eingeprägte Silbenreihe zu denken, deren letzte Silbe man wieder mit der ersten assoziiert hätte und deren Glieder umso fester miteinander verknüpft sind, je häufiger sie wiederholt werden. Dem Komplex ist es vielmehr charakteristisch, daß er als ein Ganzes eingeprägt und als ein Ganzes reproduziert wird. Ist nun ein Teil eines solchen Komplexes gegeben, so geht die Reproduktion nicht so sehr auf den nächstfolgenden Teil als vielmehr auf den ganzen Komplex. Häufig ist uns jedoch nicht ein Teil, sondern eine schematische Antizipation des Komplexes gegeben; wir haben ihn gleichsam in Umrissen, ähnlich wie wir von einer entfernten Inschrift nur die Umrisse der Wortbilder sehen. Ein solches antizipierendes Schema hat nun gleichfalls die Tendenz, den zugehörigen Komplex zu reproduzieren. So tritt uns bisweilen aus dem in seinen Einzelheiten nicht erkannten Wortbild das Wort selbst ins Bewußtsein, ohne daß die Buchstaben deutlich zu werden brauchen. (Gesetze der Komplexergänzung.) So versteht man, daß unser Vorstellungsleben der von der mannigfachen Verknüpfung der Elemente ausgehenden Hemmung nicht unterliegt. So erklären sich auch die beim unmittelbaren Behalten erwähnten Tatsachen: wir prägen uns eine Anzahl Wörter fast ebenso leicht ein wie die nämliche Anzahl Buchstaben. Gleichwohl sind die Elemente in dem gesamten Reproduktionsvorgang nicht ohne Bedeutung: die von ihnen ausgehenden Reproduktionstendenzen geben oft den Ausschlag, wenn mehrere zu demselben antizipierenden Schema passende Komplexe miteinander konkurrieren.

Die Einführung der Komplexe im soeben dargelegten Sinne stellt die Gedächtnisforschung vor ganz neue Probleme. Vielleicht muß einmal die gesamte Gedächtnislehre auf diesem Begriff neu aufgebaut werden, da wir unsere Eindrücke möglicherweise überhaupt nur in Komplexen aufnehmen[7]. Wie dem auch sei, zwei Bedingungen lassen sich heute schon angeben, welche die Bildung von Komplexen fördern. Ohne Zutun des Subjektes muß sich ein Komplex bilden, wenn in der Menge wechselnder Eindrücke ein Empfindungsganzes häufig unverändert wiederkehrt. So hebt sich für das junge Tier wohl allmählich das Bild des Futters, des Herrn usw. heraus. Mit dem Zutun des Subjektes entstehen Komplexe durch Zusammenfassung (s. [S. 124]). Ganz von selbst teilen die Vpn eine Silbenreihe in einzelne Gruppen ab; die rhythmische Betonung bestimmter Silben leistet dabei eine große Hilfe: die einfache Zusammenfassung wird zur Gestaltauffassung. Je größer bei gleicher Übersichtlichkeit ein Komplex gemacht werden kann, um so leichter wird die ganze Reihe erlernt.

Auch das sinnvolle Lernen versteht man am besten als einen Sonderfall der Komplexassoziation. Sinnvolles Lernen ist nämlich nur dadurch möglich, daß eine Beziehung zwischen den beiden einzuprägenden Vorstellungen hergestellt und das so entstandene Beziehungsganze eingeprägt wird. Allerdings kann man auch zwei Vorstellungen zu einer sinnvollen Gesamtvorstellung vereinigen, Muster und Neffe zu Musterneffe; man bildet so durch einfache Addition zweier Komplexe einen größeren, doch ist hier der Sinn des neuen Komplexes von untergeordneter Bedeutung, lassen sich ja auch mit demselben Nutzen sinnlose Verbindungen dieser Art, wie „Kliometerthal“, verwerten. Sobald aber eine Beziehung zwischen den einzuprägenden Vorstellungen gefunden ist, hat man einen Sachverhalt und damit einen eigenartigen sinnvollen Komplex gewonnen. Dieser Komplex wird tatsächlich reproduziert. Es fragt sich aber noch, ob der Beziehungsgedanke als solcher eingeprägt wird. Wäre dies der Fall, so hätte man neben den Residuen anschaulicher Vorstellungen noch ein neues Gedächtniselement anzuerkennen: die unanschaulichen Dispositionen unanschaulicher Gedanken. Die sachliche Schwierigkeit dieser Annahme reicht nicht aus, sie a limine abzuweisen. Indes ist die Frage heute noch nicht spruchreif. Es bleiben nämlich zur Erklärung der heute bekannten Tatsachen noch mancherlei Möglichkeiten. Zunächst kann das Wissen um einen Sachverhalt vermittels eines Satzes oder Wortes eingeprägt werden. Weiterhin kann der Beziehungsgedanke schon früher eine anschauliche Repräsentation z. B. durch Schemata, wie Gleichheitszeichen u. ä., gefunden haben, so daß es jetzt genügt, wenn die zwei Vorstellungen mit jenem geläufigen anschaulichen Symbol zu einem assoziativen Komplex verbunden werden. Ferner kann die Sachverhaltserfassung die beiden Vorstellungen bzw. ihre in Beziehung zueinander tretenden Seiten so hervorheben, daß bei ihrer Reproduktion der früher erkannte Sachverhalt gar nicht mehr übersehen werden kann. Befinden sich z. B. unter einer Anzahl gleichzeitig dargebotener Figuren zwei formgleiche, so kostet es anfangs vielleicht Mühe, diesen Sachverhalt aufzufassen. Hebt man alsdann die gleichen Figuren durch Verstärkung ihrer Umrisse heraus, dann wird man die Zeichnung kaum noch ansehen können, ohne die Gleichheit jener Figuren geradezu unmittelbar wahrzunehmen. Es wäre nun möglich, daß infolge der Sachverhaltserfassung die Gedächtnisspuren zweier Vorstellungen in ähnlicher Weise herausgehoben würden, wie die Umrisse jener Figuren. Endlich mag in vielen Fällen die scheinbar eingeprägte Beziehung beim Wiederauftauchen der Vorstellungen neu erfaßt werden. Erst wenn das Gebiet der eben bewußtwerdenden Vorstellungen näher bekannt ist, wird eine endgültige Stellungnahme möglich sein. Wir wissen auf jeden Fall heute schon, daß die eben auftauchenden Vorstellungen eine hohe Bedeutung im Seelenleben haben und daß aller Wahrscheinlichkeit nach Beziehungen zwischen Vorstellungen erfaßbar sind, bevor diese selbst zur klaren Bewußtheit gelangen.

Literatur

M. Offner, Das Gedächtnis. 3. Aufl. 1913.

O. Selz, Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs, 1913.

E. Becher, Gehirn und Seele, 1911.