J. Lindworsky, Fordern die Reproduktionserscheinungen ein psychisches Gedächtnis? Phil. Jahrbuch 1920.

[7] Vgl. meine Besprechung von O. Selz, Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums, in ZPs 93 (1923).

III. Buch
DIE HÖHEREN SEELISCHEN LEISTUNGEN DES EINZELNEN

ERSTER ABSCHNITT
Die höheren Erkenntnisleistungen

1. Kap. Die Vergleichung

Das Zusammenwirken von Gedächtnis und Erkenntnisfähigkeiten ermöglicht die höheren Erkenntnisleistungen, deren wichtigste im folgenden besprochen werden sollen. Die Vergleichung zweier unmittelbar und gleichzeitig gegebener Bewußtseinsinhalte oder äußerer Gegenstände, der sog. Simultanvergleich, beansprucht allerdings fast gar nicht das Gedächtnis, wenn wir von seinem sprachlichen Ausdruck etwa absehen. Er scheint sogar vielen überhaupt nicht über die sinnliche Wahrnehmung hinauszugehen: wenn das Auge nebeneinander rot und grün erblickt, so meint man, müsse es auch notwendig die Verschiedenheit dieser Farben auffassen. Die innere Unmöglichkeit dieser Anschauung haben wir schon dargetan ([S. 108 ff.]). Hier betonen wir nur, daß auch bei einem so einfachen Erlebnis eine Mehrheit von seelischen Funktionen, allerdings reduziert und in ein einheitliches Phänomen verschmolzen, vorliegt. Die Experimente lehren nämlich, daß zwei objektiv gleiche Gegenstände nicht nur im Bewußtsein stehen, sondern sogar eigens beachtet werden können, ohne darum als gleich erkannt werden zu müssen. Wenn sich auch die ersten und einfachsten Verschiedenheiten z. B. ohne weiteres aufdrängen werden, so ist für gewöhnlich zum Zustandekommen eines Vergleiches vor allem der Gesichtspunkt (die Aufgabe) notwendig, unter dem die zu vergleichenden Gegenstände betrachtet werden müssen. Bisweilen ist sodann ein wiederholtes Zusehen erforderlich. Hat man einmal den Gesichtspunkt der vergleichenden Betrachtung geübt, so verharrt er häufig als Einstellung, und unwillkürlich drängt sich alsdann auch bei anderen Wahrnehmungen die objektiv bestehende Beziehung der Gleichheit, Ungleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit usw. auf und bedingt die Täuschung, der Vergleichsakt sei nichts Neues gegenüber der schlichten Wahrnehmung.

Ganz neue und schwierige Probleme enthüllte die experimentelle Untersuchung des Sukzessivvergleiches. Bislang glaubte man, wenn man zwei nacheinander erlebte Eindrücke vergleiche, so stelle man der Wahrnehmung des zweiten Reizes das Erinnerungsbild des ersten gegenüber, und es wiederholten sich die Vorgänge des Simultanvergleiches. Bei sehr schwierigen oder gestörten Vergleichen geht man bisweilen in der Tat so voran. Aber nach den einstimmigen Befunden aller Forscher werden die richtigsten und sichersten Vergleichsurteile dann gefällt, wenn die Vpn gar nicht an den vorausgegangenen Eindruck denken, wenn sie ihn ganz bestimmt nicht mehr im Bewußtsein gehabt zu haben erklären. Ist das Gedächtnisbild des ersten Reizes vorhanden, so verbessert es nicht die Vergleichsleistung. Ja, es kann sogar ein solches Gedächtnisbild vorhanden sein und selbst als ungenau erkannt werden.

Schumann suchte das Problem durch die Verwertung der Nebeneindrücke zu lösen. Tatsächlich begründen die Vpn manchmal ihr Vergleichsurteil mit dem Auftreten eines Nebeneindruckes: die zu zweit gesehene Kreisfläche scheint zusammenzuschrumpfen und wird darum als kleiner beurteilt; der dritte Schlag eines Schallhammers überrascht, und darum muß die Zeitspanne zwischen dem zweiten und dritten Schlag kleiner sein als die zwischen dem ersten und dem zweiten. Solche Nebeneindrücke seien bei den ersten Simultanvergleichen des Kindes aufgetreten, hätten sich darum mit den Urteilen kleiner-größer verknüpft und dienten jetzt umgekehrt zur Begründung dieser Urteile. Hie und da mag dem in der Tat so sein. Allein längst nicht bei allen Sukzessivvergleichungen sind Nebeneindrücke bezeugt, und sehr viele der bezeugten Nebeneindrücke sind beim eigentlichen Simultanvergleich ganz unmöglich, so das Zusammenschrumpfen und Anschwellen einer Fläche u. a. Brunswig glaubte darum, es genüge die Erfassung des zweiten Eindruckes mit einer Richtung auf den ersten und einem latenten Wissen von diesem. Eine beträchtliche Erklärung ist indes damit nicht geboten. Neuere Befunde dürften die merkwürdige Erscheinung aufhellen. Unsere Bewußtseinsinhalte befinden sich auf verschiedenen Stufen der Klarheit und Beachtung (Westphal). Außerdem ist stets eine Gruppe von Vorstellungen im Begriff, über die Schwelle des Bewußtseins zu steigen bzw. unter sie zu sinken; schon eine geringe Veränderung der Konstellation kann sie unbewußt oder schwach bewußt machen. Es ist nun, wie Michotte und der Verfasser selbst gefunden haben, eine Beziehungserkenntnis möglich, bevor die bezogenen Bewußtseinsinhalte klar erfaßt sind. So wird also der zweite Eindruck nicht mit dem Gedächtnisbild, d. h. einer reproduzierten und als solcher bewußten Vorstellung der ersten Wahrnehmung verglichen, sondern mit dem der Schwelle nahen und darum nicht mehr oder noch nicht beachteten ersten Eindruck.

Läßt man paarweise Gewichte miteinander vergleichen, so wird bisweilen das zuerst gehobene sofort als „schwer“ bzw. „leicht“ oder gar als schwerer, leichter beurteilt, noch bevor der Vergleichsreiz gegeben ist. Maßgebend für ein solches Urteil ist der „absolute Eindruck“. Die genauere Untersuchung ließ erkennen, daß in dergleichen Fällen durch die häufigen Hebungen eine Vorstellung entweder des unveränderten Vergleichsgewichtes oder eine Vorstellung eines mittleren Gewichtes in Bereitschaft gesetzt wurde. Diese tritt nun bei der Hebung des Gewichtes über die Schwelle und ermöglicht in der nämlichen Weise, wie es bei dem Sukzessivvergleich beschrieben wurde, die Einsicht: schwer. Dieser absolute Eindruck kommt auf den verschiedensten Gebieten vor und ist für die Entwicklung unseres geistigen Lebens von allerhöchster Bedeutung. Es ist also im Grunde der absolute Eindruck nur ein sehr abgekürzter Vergleich des neuen Reizes mit einem nicht klar als solchen erkannten Durchschnittswert. Er wäre darum richtiger ein relativer Eindruck zu nennen.

Was hier über die Vergleichung gesagt wurde, dürfte in der Hauptsache von allen Beziehungserfassungen gelten. Auch bei den anderen Relationen ist eine Beziehungserfassung möglich, schon bevor der zweite Beziehungspunkt klar bewußt ist. Auch bei ihnen wird es absolute Eindrücke geben, denen man allerdings heute noch nicht weiter nachgespürt hat. Und endlich können alle Beziehungserfassungen zu einem reproduzierbaren Beziehungs- oder Sachverhaltswissen werden.