Die Gesichtspunkte, mit deren Hilfe man eine Beziehung leichter findet, z. B. die Frage: sind a und b einander gleich?, stammen natürlich aus früheren Beziehungserfassungen. Somit muß die erstmalige Entdeckung einer Beziehung stets ohne vorausgehenden Gesichtspunkt zustande kommen. Aber wir würden diese erstmalige Entdeckung nicht leisten, blickten wir nicht „zufällig“ in jener geistigen Sehrichtung auf die Dinge, die später willkürlich vermittels des Gesichtspunktes herbeigeführt werden kann.

Übrigens erfassen wir nicht alle Beziehungen direkt an den Außendingen. Gleichheits- und Lagebeziehungen z. B. „sehen“ wir unmittelbar in der Außenwelt. Die Relation der Ursächlichkeit hingegen erfassen wir direkt nur bei unserer inneren Willenstätigkeit. Da wir nun vermittels einer Gleichheitserfassung bemerken, daß Körper, die zueinander in räumliche Berührung kommen, unter gewissen Bedingungen — schematisch gesprochen — sich so verhalten wie Willensentschluß und Willenshaltung, so sehen wir nach dem Gesetz der Komplexergänzung ([S. 173]) unsere Tätigkeit in die Dinge hinein und vermeinen fast, die Relation der Ursächlichkeit unmittelbar zu erfassen. Aber diese Beziehungserfassung, deren Kerngedanke durch spätere Erfahrungen und Überlegungen gerechtfertigt wird, ist nur eine indirekte.

Literatur

K. Bühler, Die geistige Entwicklung des Kindes³ (1922), § 15: Das Vergleichen und die Relationswahrnehmung.

2. Kap. Die Dingerfassung

Wir müssen uns wohl an den Neugeborenen wenden, um etwas über die Entstehung der Dingerfassung zu erfahren; uns Erwachsenen scheint es ja eine ganz unmittelbare, unableitbare Gegebenheit zu sein, daß wir außer uns nicht Eindrücke, sondern Dinge gewahren. Manche Philosophen lehrten sogar, der Substanzbegriff sei das erste, unmittelbar Gegebene. Wenn es aber gelingt, die Dingauffassung aus elementaren Funktionen verständlich zu machen, so wäre unsere Anschauung bis auf weiteres gesichert.

Nach allem, was wir vom Neugeborenen wissen, ist ihm zunächst nur eine bunte Mannigfaltigkeit von Eindrücken gegeben, ein „Zusammen“, das weder Struktur noch „Undverbindung“ ist. Irgendwie kristallisiert sich aus dieser Mannigfaltigkeit ein Ichbewußtsein primitivster Art heraus. Genaueres läßt sich heute noch nicht darüber angeben, aber die Unableitbarkeit des Ichbewußtseins überhaupt, die wir anderswo aufzuzeigen haben, verlangt, daß es auch beim Kinde in irgendeiner Form angenommen werde. Von diesem Ansatz aus läßt sich dann die Dingauffassung leicht gewinnen. Das Kind hat ungezählte Gelegenheiten zu beobachten, wie sich ein Teil seines Empfindungskomplexes anders verhält als es selbst: gewisse Teile seines Empfindungskomplexes verändern sich, andere bleiben. Dieser Erfassung des Gegensatzes dürfte die Erfassung einer gewissen Gleichheit parallel gehen. In der Tat liegen ja viele Gleichheitsbeziehungen vor: die Menschen der Umgebung vollführen ähnliche Bewegungen wie das Kind, lassen ähnliche Laute vernehmen usf. Finden wir nun schon beim Erwachsenen, daß er bei Feststellung etwaiger Gleichheit stets geneigt ist, das Vorhandensein größerer Gleichheit anzunehmen, d. h. dem zweiten in einer Hinsicht als gleich erkannten Gegenstand noch weitere Züge des ersten beizulegen, so wird dies beim Kinde auch zu erwarten sein. Das Kind wird hinter dem teils gleich-, teils andersartigen Eindruck Züge seines eigenen Ich vermuten. Das Nächste, was ihm seine Beziehungserfassungen liefern, sind also nicht Dinge, sondern Neben-iche. Der animistische Zug, den die Kinderforscher immer wieder feststellen, dürfte ein Rest davon sein. Allmählich schreitet nun die Beziehungserfassung fort, entdeckt immer neue Verschiedenheiten von dem eigenen Ich, und auf dem Weg der später zu schildernden Begriffsbildung wird aus dem Neben-ich ein sehr abstraktes „Ding“.

3. Kap. Wahrnehmung und Vorstellung

Die peripher erregten Eindrücke unterscheiden sich, wie oben ausgeführt wurde, von den zentral bedingten nur graduell. Es gibt kein Charakteristikum, das nur der einen von beiden Erlebnisklassen eigen wäre. Dennoch verwechseln wir im gesunden Zustande nur ganz selten Wahrnehmung und Vorstellung. Im Gegenteil schreibt das vorwissenschaftliche Denken der Wahrnehmung ganz andere Eigenschaften zu als der Vorstellung: in der Wahrnehmung stehen wir dem Gegenstande selbst gegenüber, in der Vorstellung nicht; die Wahrnehmung hat Wirklichkeitscharakter, die Vorstellung gibt sich als bloßer Schein. Und zwar unmittelbar, ohne besondere Überlegung. Es fragt sich also: wie kommen solche Unterschiede zustande, wenn die inhaltlichen Merkmale bei beiden Erlebnisklassen wesentlich die gleichen sind?

Wir haben oben schon bemerkt, daß gewisse inhaltliche Züge der Wahrnehmung, andere der Vorstellung in höherem, ausgeprägterem Grade eignen: die Empfindungsintensität ist bei der Wahrnehmung im allgemeinen größer als bei der Vorstellung; die Konstanz und Fülle der Inhalte desgleichen; an die Wahrnehmung schließen sich bisweilen Erlebnisse an, die bei der Vorstellung ausbleiben; wahrgenommenes Feuer brennt, vorgestelltes nicht. Diese graduelle Verschiedenheit der Durchschnittswahrnehmung von der Durchschnittsvorstellung kann nun in einem beziehenden Akte erkannt werden: das Kind kann die Wahrnehmungseindrücke einer brennenden Kerze mit den Vorstellungseindrücken vergleichen und deren Verschiedenheit erkennen. Diese einmalige Einsicht vermag sich als Sachverhaltswissen (vgl. [S. 178 f.]) einzuprägen. Vermittels einer weiteren Beziehungserfassung kann es, fußend auf dem genannten Sachverhaltswissen, zu der Erkenntnis vordringen: Erlebnisse bei geschlossenen Augen unterscheiden sich in bestimmter Weise von Erlebnissen bei offenen Augen. Es braucht jetzt nur von seiner Umgebung einen Sammelnamen für beide Erlebnisarten zu erfahren, um dauernd zu wissen: Wahrnehmungen unterscheiden sich in einer bestimmten Weise von Vorstellungen. Noch ein Moment ist hinzuzufügen, um diese Erfahrung zu einer stets verwendbaren zu gestalten: Wir sahen, bei wiederholten Vergleichungen bildet sich aus dem Durchschnitt der Erlebnisse ein unbemerkter Maßstab heraus, an dem ein neuer Eindruck unwillkürlich gemessen wird; man hat dann den absoluten Eindruck der Schwere, der Kälte usw. Dieser absolute Eindruck haftet scheinbar an dem wahrgenommenen Gegenstand selbst, erscheint wie eine seiner Eigenschaften. In genau der gleichen Weise kann sich auch bei den vielen beabsichtigten und unbeabsichtigten Vergleichungen von Erlebnissen der einen (Wahrnehmungs-) zu denen der andern (Vorstellungs-) Gruppe ein absoluter Eindruck des Wahrnehmungs- bzw. Vorstellungsmäßigen herausbilden. Wir wissen dann sofort, noch vor jeder Erinnerung und Vergleichung, ob wir es mit einer Wahrnehmung oder Vorstellung zu tun haben.