Es ist also die entwickelte Wahrnehmung ebensowenig wie die Vorstellung ein einfaches und von vornherein fertiges Erlebnis, sondern neue Relationserkenntnisse treten zu der Dingerfassung hinzu und machen aus ihr entweder eine Wahrnehmung oder eine Vorstellung. Aus diesem Grunde begreift sich nun einerseits, wie es nicht immer zu einer Wahrnehmung oder Vorstellung kommen kann, z. B. wenn die Eindrücke von den Durchschnittserlebnissen abweichen, indem etwa die Wahrnehmung sehr schwach oder die zentral erregte Vorstellung sehr lebhaft ist. Ein absoluter Eindruck kommt da nicht auf, und auch ein absichtlicher Vergleich führt nicht immer zur Entscheidung darüber, ob wir wahrnehmen oder vorstellen. Anderseits wird verständlich, daß es auch bei ausgesprochenen Erlebnissen nicht immer zum Wahrnehmungserlebnis kommen muß. Beziehungserkenntnisse können nämlich ausbleiben, namentlich wenn der Gesichtspunkt für sie fortfällt. Ein Dichter hat bisweilen durchaus nicht den Eindruck, daß er die Personen seiner Dichtung und deren Handlungen nur vorstelle, und umgekehrt vermag der Inhalt des Wahrgenommenen uns bisweilen so zu fesseln, daß wir uns fragen: wache ich, oder träume ich? Und endlich versteht man so die Täuschungen über Wahrnehmung und Vorstellung. Sind die Züge, die bei der Wahrnehmung durchschnittlich stärker auftreten als bei der Vorstellung, infolge besonderer Umstände einmal bei den zentral erregten Bewußtseinserscheinungen stärker ausgebildet, dann stellen sich Illusionen oder Halluzinationen ein. Bei der Illusion wird die wirkliche Wahrnehmung durch nur Vorgestelltes ergänzt: eine wirklich gesehene Klingel hören wir fälschlicherweise auch tönen. Der Halluzinant hingegen glaubt Dinge im objektiven Raum wahrzunehmen, die ganz und gar seiner subjektiven Vorstellungstätigkeit entspringen.
Namentlich solche Täuschungen weisen uns darauf hin, daß unsere Wahrnehmungen den Charakter der Wirklichkeit tragen, die Vorstellungen den des „nur Eingebildeten“. In den Wahrnehmungen vermeinen wir den wahrgenommenen Gegenstand selbst zu ergreifen, in den Vorstellungen nicht so. Auch diese Züge sind keine den beiden Erlebnisweisen absolut zukommende. Die Erfahrung lehrt uns vielmehr: bei Erlebnissen der einen Klasse, für die wir später den Namen „Wahrnehmungen“ lernen, zeichnet sich der Gegenstand des Bewußtseins durch größere Dauer aus; eine nähere Beschäftigung mit ihm hat auch andere Folgen als mit einem solchen der anderen Erlebnisklasse: ein Berühren der Kerzenflamme in der Wahrnehmung verläuft anders als in der Vorstellung. So gewinnen wir einen Einblick in einen besonderen Beziehungszusammenhang. Auch diese Einsicht kann als Erfahrung dem Beziehungsgedächtnis anvertraut werden. Auch sie wird, was allerdings durch die experimentelle Forschung noch eigens nachzuweisen bleibt, einen absoluten Eindruck erzeugen. Auf diese Weise gestalten sich die peripher bedingten und die zentral bedingten Eindrücke allmählich durch die Beziehungserfassungen, durch das Beziehungswissen und durch den absoluten Eindruck zu verschiedenartigen Erlebnissen aus, die praktisch nur in seltenen Fällen verwechselt werden können. Es empfiehlt sich darum, auch die Worte Wahrnehmung und Vorstellung nur von den so ausgestalteten Erlebnissen zu gebrauchen und die noch nicht durch Relationserfassungen ergänzten Eindrücke als absolute Wahrnehmungen bzw. absolute Vorstellungen zu bezeichnen. Unter Anwendung dieses Sprachgebrauches gilt dann: zwischen absoluten Wahrnehmungen und absoluten Vorstellungen besteht kein wesentlicher Unterschied; sie gehen unmerklich ineinander über — zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht ein wesentlicher Unterschied; sie sind durch eine übergangslose Kluft getrennt.
Literatur
J. Lindworsky, Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).
4. Kap. Begriffe und Kategorien
Aristoteles und nach ihm Thomas von Aquin mit seiner Schule faßten die Begriffe (Pferd, Seele, Gerechtigkeit) als species intelligibiles, als einzelne unsinnliche Bewußtseinsinhalte, die uns das Wesen der Dinge zeigen. Sie fußen auf der unbezweifelbaren Beobachtung, daß wir bei dem Anhören solcher Begriffswörter einen ganz positiven Bewußtseinsinhalt erleben. Die experimentellen und pathologischen Erfahrungen über das Wortverständnis geben ihnen Recht: von der ungestalteten Klangwahrnehmung geht es über die gestaltete Worterfassung zum sinnvollen Verständnis, und jede dieser Stufen kann für sich versagen. Außerdem betonten die Thomisten schon gegenüber den Nominalisten, die Bedeutung der Begriffswörter gehe nicht nur über den Wortklang als solchen hinaus, sie sei auch durch kein Phantasma wiederzugeben; denn jedes Phantasma, jede anschauliche Vorstellung ist individuell, die Begriffe hingegen sind wesentlich allgemein, ihr Inhalt kann unverändert auf jedes Individuum angewandt werden. Damit hatten sie eigentlich den Streit zwischen Locke und Berkeley schon vorweggenommen. Die Erfahrung lehrte sie aber auch die Unentbehrlichkeit der anschaulichen Vorstellungen kennen. Sie vereinigten darum beide Erkenntnisse in der Lehre, der Verstand könne im gegenwärtigen Zustand nur durch Hinwendung zu den Phantasmata etwas erkennen. Hiermit war mit bewundernswerter Schärfe herausgestellt, was eine Theorie der Begriffe zu leisten hat: es muß erklärt werden, woher die allgemeingültigen, durch keine anschauliche Vorstellung zu ersetzenden Bewußtseinsinhalte kommen und wie zu diesen Tatsachen die Behinderung des Denkens infolge der Behinderung des Vorstellens paßt.
Den Allgemeinvorstellungen Lockes, den Typenbildern Galtons sowie allen Verdichtungs- und Möglichkeitstheorien war damit schon der Boden entzogen. Die Klarheit der Begriffe erlaubt eben nicht, sie als eine Zusammenziehung verschiedener Individualvorstellungen auszugeben; der tatsächlich vorhandene Bewußtseinsinhalt widerspricht der Deutung, der Begriff Pferd sei in der Möglichkeit beschlossen, zu dem Wort Pferd die verschiedensten anschaulichen Vorstellungen zu reproduzieren: ein nur möglicher Bewußtseinsinhalt kann mir nichts sagen. Anderseits weckte die Lehre von der Unentbehrlichkeit der Phantasmen auch Zweifel an den Versuchsergebnissen Bühlers, dessen Vpn absolut unanschauliche Gedanken frei von jeder Vorstellung erlebt haben wollten. Dazu kamen die Beobachtungen anderer Experimentatoren, die wenigstens bei länger dauernden Vergegenwärtigungen von Begriffen stets die Entwicklung anschaulicher Vorstellungen fanden (Schwiete). Aber auch die im übrigen bestechende Theorie (Witaseks), wir beachteten nur das den verschiedenen Individuen Gemeinsame und abstrahierten negativ von den Verschiedenheiten, genügt nicht ganz. Welches anschauliche Gemeinsame halten wir denn zurück, wenn wir aus verschiedenen Grünschattierungen den Allgemeinbegriff grün gewinnen?
Die Lösung dieses Problems dürfte in dem Erlebnis der Beziehungserfassungen und in der Fähigkeit zum Sachverhaltswissen ruhen. Im Umgang mit dem Pferde z. B. erfassen wir mancherlei Sachverhalte, die sich auf es beziehen: es hat eine bestimmte Größe, vier Beine, einen langen Schweif usw. Haben wir nun sechs Pferde kennen gelernt, so können wir eine Anzahl dieser Sachverhalte auf alle anwenden, manche jedoch nur auf einen Teil. Die Summe jener Sachverhalte, die von allen sechs Tieren gelten, ist dann unser Begriff vom Pferde. So erklärt sich wohl das meiste: Die auf die sechs Pferde anwendbaren Sachverhalte sind ihrer Natur nach allgemein; wie sie auf ungezählte Individuen anwendbar sind, so sind sie anderseits durch keine anschauliche Vorstellung adäquat wiederzugeben. Dennoch sind sie weder erstmalig zu erlangen, noch später gedächtnismäßig zu verwerten ohne Vorstellungen. Sachverhalte schließen ja Beziehungen ein. Beziehungen lassen sich aber erstmalig nur an anschaulichen Inhalten abstrahieren, und niemals wird ein realer Gegenstand restlos in Beziehungen aufgelöst und darum auch nicht durch Beziehungsinhalte allein wiedergegeben werden können.
So erhellt ferner, wie unsere Begriffe einer beständigen Ergänzung und Berichtigung durch die Erfahrung unterliegen. Weiter: setzt sich der Begriff aus einer Summe von Sachverhaltserfassungen zusammen, so kann bei der Verwendung des Begriffes die Reproduktion von einzelnen Teilen dieser Summe versagen und somit irrige Urteile verschulden, obwohl man sich zuvor den richtigen Begriff angeeignet hat, eine Tatsache, die bei der Annahme einfacher geistiger Begriffsgrößen nur schwer zu deuten ist. Auch die widersprechenden Ergebnisse Bühlers und Schwietes sind nunmehr zu vereinbaren: Wir wissen heute, daß Beziehungen erfaßbar sind, noch bevor die Fundamente der Beziehungen klar im Bewußtsein stehen. Bei einer komplexen Denktätigkeit haben nun die einzelnen anschaulichen Vorstellungen, die uns die Beziehungserkenntnisse liefern, keine Zeit, sich zu entfalten; sie sinken alsbald wieder unter die Schwelle, und auch die beste Vp wird unter gewöhnlichen Verhältnissen mit Sicherheit behaupten, der Gedanke sei jeglicher Vorstellungen bar erlebt worden. Es gelang uns ja nur ganz zufällig, unter außer gewöhnlichen Bedingungen, die anschaulichen Vorstellungen zu entdecken, die, kaum bewußt, die Grundlagen von Beziehungserfassungen bilden. Bietet man den Vpn jedoch nur einzelne Wörter, so bleibt den Vorstellungen Raum und Energie, sich zu entfalten. Ist endlich für solche Entwicklung keine volle, sondern nur eine spärliche Möglichkeit belassen, so begreift man, wie sich infolge der zufällig herrschenden Konstellation nur einzelne Teile der zugehörigen oder der mitangeregten Vorstellungen höher über die Schwelle heben; möglicherweise sind diese Teile für das Wesentliche des Begriffes ganz nebensächlich, und wir gelangen so zu der schon lang als Paraphantasie bekannten Erscheinung.
Von hier aus klärt sich auch das Erlebnis des Erkennens von wahrgenommenen Gegenständen. Man hat richtig hervorgehoben, es genüge zum Erkennen von Dingen nicht, ihr sinnliches Bild in uns aufzunehmen, das Ausschlaggebende sei die zum Sinneseindruck hinzukommende Bedeutung; derselbe Sinneseindruck vertrage sich etwa mit der Auffassung Tonscherbe und Speckschwarte (Schapp). Wir können jetzt angeben, was diese geheimnisvolle Bedeutung ist: nichts anderes als das Wissen von den Beziehungen, in denen der sinnliche Eindruck zu andern Dingen steht. Das sind zunächst jene allgemeinen Beziehungen, die ihm den Charakter des Dinges, und zwar des wahrgenommenen Dinges, verleihen. Dann etwa Beziehungen zu seiner Verwendung, seiner Herkunft usw. Wenn aber solche Beziehungen überhaupt nicht vorhanden oder doch von uns nicht gewußt wären? Dann hätten wir gleichwohl den Gegenstand wahrgenommen, nur bliebe er uns unverständlich. Zur Wahrnehmung gehört mithin wesentlich nur, daß der Eindruck als von einem unabhängig von uns existierenden Dinge herrührend erkannt wird. Seine weitere Bedeutung ermöglicht nur die verständnisvolle Erfassung. Und diese Bedeutung schwebt nicht wie die platonischen Ideen irgendwo, sondern ist assoziativ mit dem Sinneseindruck verbunden. Man darf auch nicht behaupten, sie sei immer das Ausschlaggebende für den Sinneseindruck. Normalerweise wird der Eindruck die mit ihm assoziativ verknüpften Fundamente der Beziehungen und damit diese selbst ins Bewußtsein ziehen. Es kann aber auch infolge der Konstellation z. B. infolge der Erwartung die Bedeutung zuerst gegeben sein und so den undeutlichen Sinneseindruck entweder richtig ergänzen oder wie in der Illusion unzweckmäßig ausstaffieren oder abändern.