2. Die geschichtliche Entwicklung der experimentellen Psychologie

Die experimentelle Psychologie, wie sie soeben von uns aufgefaßt wurde, hat noch keine Geschichte, ja genau genommen, liegt sie selbst noch in der Zukunft. Die experimentelle Psychologie ist nämlich zurzeit in dem Prozeß der Loslösung von der Philosophie begriffen, den die Physik schon lange hinter sich hat. Gegenwärtig will ein Teil der Autoren nur die experimentelle Psychologie allein gelten lassen, während die Mehrheit die reinen Tatsachenfragen zusammen mit den philosophischen behandelt, freilich zum Schaden beider. Nur wenige entschließen sich zur klaren Sonderung beider Wissenschaften. Läßt sich sonach eine Geschichte der experimentellen Psychologie noch nicht schreiben, so kann man doch die Entwicklung kenntlich machen, die bis zu dem gegenwärtigen Stadium der allmählichen Verselbständigung geführt hat.

Die Psychologie hat niemals völlig der empirischen Grundlage entbehrt. Erfahrungen wie Träume, Erinnerungen u. ä. bildeten häufig den Ausgangspunkt und die Anregung zu den psychologischen Erwägungen der alten griechischen Philosophen. Man wird aber kaum sagen können, daß selbst ein Aristoteles, dem doch schon eine Formulierung der Assoziationsgesetze gelang, in ähnlicher Weise darauf ausgegangen wäre, psychische Tatsachen zu sammeln, wie er biologische und zoologische Beobachtungen beigebracht oder überliefert hat. Und so blieb es auch in der Hauptsache im Mittelalter. Einige wenige leicht zugängliche Selbstbeobachtungen waren der Unterbau, auf dem sich alsbald das spekulativ erarbeitete System der lebenswichtigen philosophisch-psychologischen Fragen erhob. Das braucht nicht zu befremden. Denn dies sind Fragen, zu denen jeder Mensch irgendwie Stellung nimmt, während die psychischen Einzelerscheinungen eine solche Bedeutung zumeist nicht beanspruchen und infolge ihrer Alltäglichkeit und engsten Zugehörigkeit zu unserem Ich nicht einmal unsere Verwunderung erregen — die doch nach Aristoteles allein den Anstoß zur Forschung gibt.

Um die Aufmerksamkeit der Forscher auf die seelischen Prozesse zu lenken, genügte die Abwendung Descartes’ von der herkömmlichen Psychologie noch nicht, obwohl er in der Seele nicht mehr das Prinzip des Lebens, sondern das des Bewußtseins sah; es bedurfte der Opposition der englischen Aufklärungsphilosophie, die in ihrem tendenziösen Kampfe gegen die grundlegenden Begriffe der Substanz und Kausalität die Tatsachen der Assoziation in den Mittelpunkt der Betrachtung stellte. So entstand die Assoziationspsychologie, begründet von Locke, Hume und Hartley, erneuert von J. St. Mill und zuletzt durch Bain glänzend vertreten. Mit ihrer Leugnung des Denkens und Wollens regte sie zu lebhaftem Widerspruch an und sah sich auch selbst gezwungen, in stets erneuten Versuchen die seelischen Erscheinungen allein durch Empfindung und Vorstellung verständlich zu machen. So hat sie sich ohne Zweifel um das Studium der Bewußtseinsphänomene verdient gemacht. Sie stand jedoch der tieferen Einsicht ins Seelenleben im Wege, wo immer sie jede Erörterung über die seelischen Elemente in dogmatischer Befangenheit von vorneherein ablehnte und die widerstrebenden Tatsachen mit der Zwangsjacke sensistischer Terminologie vergewaltigte.

Eine zweite Wurzel der heutigen experimentellen Psychologie hat man in der Anbahnung einer physiologischen Psychologie zu erblicken. Es waren zunächst Theoretiker, die von der Physiologie wertvolle Aufschlüsse erwarteten. Die extremsten unter ihnen waren allerdings auf dem besten Wege, die Psychologie zugrunde zu richten. So schon der Assoziationspsychologe Priestley, der die psychologische Analyse durch die Physik des Nervensystems abgelöst wissen wollte, und ähnlich Comte, der an jeder Selbstbeobachtung verzweifelnd, Physiologie und Phrenologie an die Stelle der Psychologie setzte. Besonnener gingen Lotze, Horwicz und Maudsley voran. Die eigentliche Befruchtung durch die Physiologie ist aber den experimentierenden Physiologen wie Helmholtz, Weber, Hering zu danken. Sie bildeten wichtige Methoden aus, deren sich später die Psychologen bedienten.

Das Geburtsjahr der experimentellen Psychologie ist das Jahr 1860, wo Fechners „Elemente der Psychophysik“ erschienen. Angeregt durch E. H. Webers Untersuchungen über den Tastsinn, hat Gustav Theodor Fechner mit bewußter Absicht das Experiment zur Erzielung psychologischer Erkenntnisse angewandt und die Grundlage zu der ausgedehnten experimentellen Methodik geschaffen, deren sich heute die Psychologen erfreuen. Mit stärkerer Heranziehung der Physiologie setzte W. Wundt das Werk Fechners fort und erwarb sich namentlich durch die Gründung des ersten psychologischen Laboratoriums bleibende Verdienste um die neue Wissenschaft. Seitdem hat sie, gepflegt von einer stattlichen Zahl hervorragender Forscher und empfohlen durch die Fülle der von ihr in kurzer Frist festgestellten Tatsachen und Gesetzmäßigkeiten, sich ihren Platz im System der Wissenschaften gesichert. Ein Markstein in ihrer Entwicklung wird durch den Namen Oswald Külpe bezeichnet, insofern Külpe mit Entschiedenheit für die Verselbständigung der experimentellen Psychologie als Einzelwissenschaft eintrat.

Gegenwärtig bahnt sich eine neue Entwicklung der Psychologie an. Wie sich die Physik allmählich von der Naturphilosophie loslöste und zur Experimentalphysik wurde, dann aber eine theoretische Physik ausbildete, der nicht zuletzt die großen Fortschritte der gesamten Physik zu danken sind, so melden sich heute die Ansätze zu einer theoretischen Psychologie. Während die experimentelle Psychologie die Haupterscheinungen des Seelenlebens erforscht, sucht die theoretische auf Grund der experimentellen Befunde die allgemeinsten Gesetze des Psychischen aufzustellen, aus denen sich dann die Einzelerscheinungen begreifen und ableiten lassen[1].

Hinsichtlich der bevorzugten Methoden lassen sich unter den heutigen Psychologen drei Gruppen unterscheiden. Neben der großen Zahl der prinzipiell experimentierenden Forscher finden sich solche, die wie Lipps und Brentano nur die schlichte Selbstbeobachtung heranziehen. Ihnen steht die phänomenologische Richtung nahe, deren bedeutsamster Vertreter Husserl ist. Sie geht allerdings nicht auf die Herausstellung von psychischen Einzeltatsachen aus, sondern bemüht sich, durch „Wesensschauung“ den Kern, das Wesentliche der seelischen Erlebnisse aufzuzeigen. Der besonnene Experimentalpsychologe wird weder die schlichte Selbstbeobachtung noch die phänomenologische Wesensschauung aus seiner Werkstätte verbannen. Namentlich die letztere kann ihm zur Vorbereitung wie zur Kontrolle der experimentellen Forschung schätzenswerte Dienste leisten. Jedoch der Erfolg dürfte schon heute dahin entschieden haben, daß beide Methoden für sich allein kein ausreichendes Fundament mehr abgeben für den weitauslagernden Bau der Tatsachenpsychologie.

Verwandt mit der Sonderung infolge der Methodik ist die durch den theoretischen Standpunkt hervorgerufene. Hier haben wir die „reinen“ Psychologen, die eine Ergänzung unseres psychologischen Wissens durch die Physiologie ablehnen und nur auf die bewußten Prozesse das psychologische Lehrgebäude errichten wollen. Dementsprechend verzichten sie auch auf die Klärungen, die von der Physiologie zu erhoffen sind. Ihnen gegenüber weist die größere Mehrzahl darauf hin, daß die Kette der Bewußtseinserscheinungen nicht lückenlos ist und daß sich außerdem gesetzmäßige Beziehungen zwischen physiologischen Zuständen und gewissen Seelenvorgängen nachweisen lassen. Diese Gruppe heißt also jeden Aufschluß willkommen, den die Physiologie zu geben vermag; gleichwohl betont auch sie, je länger je mehr, daß die seelischen Erscheinungen in erster Linie zu beachten sind. Innerhalb dieser Gruppe stehen sich nun wieder zwei oder drei Richtungen gegenüber. Die eine bekennt sich rundweg zur Assoziationspsychologie und weigert sich vorerst noch, elementare Denk- und Wollenserlebnisse anzunehmen. Die Schar ihrer Anhänger lichtet sich mit jedem Jahr; ihr bedeutendster Vertreter ist heute Th. Ziehen. Über sie suchte der angebliche Voluntarismus Wundts hinauszukommen, ohne jedoch mit seiner Apperzeptionslehre außerhalb des engsten Schülerkreises Anklang zu finden. Die dritte Gruppe endlich ging namentlich aus der Schule Külpes hervor. Wie sie jede wissenschaftliche Methode auszunutzen gewillt ist, so sträubt sie sich auch nicht, neue seelische Grundphänomene anzuerkennen, wenn anders sie durch zuverlässige Beobachtungen verbürgt sind. Infolgedessen hat sie, von der Wundtschen Richtung ausgehend, ihren Standpunkt bezüglich der Probleme des Denkens und Wollens in stets neu aufgegriffenen Untersuchungen allmählich wesentlich geändert und damit die Verbindung mit den von der aristotelischen Philosophie herkommenden Forschern gewonnen.

Literatur