3. Die Frage

Das psychologische Wesen der Frage bietet nunmehr keine Schwierigkeit. Die eigentliche Frage ist offenbar der (geäußerte) Wunsch, den herrschenden Sachverhalt kennen zu lernen. Das gilt für die allgemeine Frage: Was gibt’s? Dieser Wunsch hat sich in der Sprache eine charakteristische Ausdrucksform geschaffen und ist mit dieser ebenso innig verschmolzen wie das Wollen mit dem ausgeprägten Urteil. Wir stellen aber auch spezielle Fragen: Regnet’s? Diese Art zu fragen wird uns nur durch die Fähigkeit, Annahmen zu bilden, ermöglicht. Eine solche bestimmte Frage ist ja nichts anderes als der geäußerte Wunsch, das Verhältnis des tatsächlich bestehenden zu einem schlicht angenommenen Sachverhalt kennen zu lernen. Dieser Frage nach dem Grundsachverhalt tritt die Frage nach dem Begleitsachverhalt: „Wirklich?“ an die Seite (Überzeugungsfrage).

Wie es scheinbare Urteile gibt, so gibt es auch scheinbare Fragen. In solchen beobachten wir die uns bekannte Verhaltungsweise des Fragenden, beabsichtigen aber damit nicht den erfragten Sachverhalt kennen zu lernen, sondern verfolgen andere Zwecke: Der Examinator will die Beziehung zwischen dem Wissen des Gefragten und dem in der Frage gemeinten Sachverhalt erfahren; andern dient die Frage dazu, den Gefragten zu irgendwelchen Reaktionen zu veranlassen.

Literatur

F. Brentano, Von der Klassifikation der psychischen Phänomene. 1911.

K. Bühler, Die geistige Entwicklung des Kindes³, 1922, S. 341 ff.

[8] Damit wird die bekannte Schwierigkeit der negativen Urteile der Erklärung der negativen Sätze zugeschoben. Die negativen Sätze lassen sich wohl am einfachsten als der in der Sprachentwicklung herausgebildete Ausdruck für den Sachverhalt der Andersartigkeit zwischen einem angenommenen und dem tatsächlich bestehenden Sachverhalt auffassen.

9. Kap. Die höheren Gedächtnisleistungen

1. Erinnerung und Wiedererkennen

Aus der Erforschung der Reproduktionsvorgänge wissen wir, wie es geschehen kann, daß etwa der Anblick eines Apfels mich an einen Landaufenthalt erinnern oder, genauer gesprochen, die Vorstellung jenes Landaufenthaltes wachrufen kann. Es weckt da nicht der Anblick des gesehenen Apfels die Vorstellung eines anderen, damals gesehenen, und die Vorstellung von diesem die mit ihr vereinigten Bilder der Umgebung jenes früher gesehenen Apfels, sondern unmittelbar bringt der wahrgenommene Apfel die gesamte Erinnerungsvorstellung ins Bewußtsein, nach jenem allgemeinen Gesetz: eine Vorstellung hat die Tendenz, sich zur Gesamtvorstellung zu ergänzen. Damit ist nun freilich wohl der Reproduktionsvorgang, aber noch nicht die Gedächtnisleistung erklärt. Denn jede Gedächtnisleistung besagt, daß ich das reproduzierte Bild als mein früheres Erlebnis erkenne. Außer der Vorstellungserneuerung ist also begreiflich zu machen, warum die reproduzierte Vorstellung als mein Erlebnis und warum sie als mein früheres Erlebnis erscheint.