Das erste Problem ist nach den neueren Untersuchungen über die Vorstellungen gelöst bzw. auf ein allgemeineres verschoben: da die absolute Vorstellung sich nicht von der absoluten Wahrnehmung unterscheidet ([S. 102 ff.]), so finde ich mich in der Vorstellung auf dieselbe Weise gegenwärtig wie in der Wahrnehmung. Und ebenso wie ich in der Wahrnehmung in der Regel eine Beziehung auf mein Ich vorfinde, so auch in der Vorstellung. An diesem Umstande ändern auch die zur absoluten Vorstellung hinzukommenden Beziehungserfassungen nichts. Wenigstens gilt dies für die entwickelte Situationsvorstellung. Die Vorstellung eines vereinzelten Gegenstandes jedoch wird entweder nicht als mein Erlebnis bewußt oder sie gewinnt diesen Zug aus anderen Kriterien, die die Erfahrung uns als unseren Erlebnissen anhaftend kennen lehrte.
Schwieriger abzuleiten ist der andere Zug, das Vergangenheitsmoment. Wie kommt überhaupt eine zeitliche Bestimmung in das Vorstellungsbild hinein? Ein Bild ist doch an und für sich zeitlos; es kann ebensogut ein niemals geschehendes, wie ein vergangenes, gegenwärtiges oder zukünftiges Ereignis darstellen. Ein erster Lösungsversuch berief sich auf ein Bekanntheitsgefühl oder eine Bekanntheitsqualität, die früher wahrgenommenen Dingen ebenso anhaftet wie vertrauten Vorstellungen früherer Erlebnisse (Höffding). In der Tat verspüren wir oft ein solches Gefühl, und es vermittelt uns wirklich und scheinbar ohne weiteres die Sicherheit, einem alten Bekannten gegenüberzustehen. Man erklärte dann dieses Gefühl dadurch, daß der früher schon erlebte Eindruck lebhafter und allseitiger als nichterlebte die Reproduktion der mit ihm verbundenen Vorstellungen anrege, was in uns ein eigenartiges Gefühl des Angenehmen wecke. Die angeführte Tatsache wie ihre weitere Deutung wird man gelten lassen müssen, aber wie daraus der Vergangenheitscharakter entspringen soll, ist nicht einzusehen; es sei denn, jenes Bekanntheitsgefühl erwecke unmittelbar auf Grund einer apriorischen Zuordnung die angeborene Idee der Vergangenheit.
A. Lehmann zeigte experimentell, daß Gerüche als bekannt beurteilt wurden, wenn sie assoziativ Vorstellungen früherer Erlebnisse wachriefen. Aber nehmen wir auch an, von dem Bild des früheren Erlebnisses führe eine lückenlose Reihe anderer Erlebnisvorstellungen bis auf meine gegenwärtige Situation, so hätte ich in dieser Vorstellungskette doch noch nicht das zeitliche Moment, wenn es nicht von vornherein in jeder einzelnen Vorstellung wäre. Es könnte ja eine solche Bilderreihe reine Phantasie sein, und wie soll man spontan auftretende Phantasiebilder von Erinnerungen unterscheiden, wenn nicht gerade durch den zeitlichen Charakter? Darum hilft auch der Lösungsversuch Claparèdes u. a. nichts, die Bekanntheit in der Verbindung mit dem Ich zu suchen. Denn auch die Phantasievorstellungen können aufs innigste mit dem Ich des Bewußtseins verbunden sein.
Das Rätsel des Sicherinnerns läßt sich lösen, wenn man zwei Faktoren berücksichtigt, welche die bisherige Diskussion außer acht ließ: das Beziehungswissen und das Zeiterleben. Lassen wir einen Ton für einen Augenblick erklingen, so ist die in uns geweckte Tonempfindung nicht mit dem Aufhören des physikalischen Reizes schon verschwunden; sie steht noch im unmittelbaren Gedächtnis, und wir können ihr allmähliches Verlöschen beobachten. Die einzelnen Stadien dieses Verlöschens sind uns nicht diskontinuierlich wie mikroskopische Schnitte gegeben, sondern wir erleben das Verlöschen des Klangbildes kontinuierlich mit: wir erleben es, daß der Eindruck, der stark war, schwach wird (vgl. [S. 130 f.]). In solchen anschaulichen Zeiterlebnissen erfassen wir die Zusammenhangsrelation: zu einer Bewußtseinserscheinung von eigenartiger Schwäche, Verblasenheit usw. gehört eine andere, lebhaftere, aus der jene schwache hervorging. Aus der Verallgemeinerung dieser Erfahrungen werden Eigentümlichkeiten wie die Verblasenheit von Bewußtseinserscheinungen zu einem Kriterium der Zugehörigkeit zu einem anderen Eindruck, aus dem sie hervorgingen, d. h. eben zu einem Kriterium der Vergangenheit.
Zu diesen Fundamentalkriterien treten im Verlauf der Entwicklung andere hinzu, die sich in der Regel mit ihnen vereint finden. So die relative Festigkeit einer Erinnerungsvorstellung gegenüber einer Phantasievorstellung, die Möglichkeit, von der Erinnerungsvorstellung bis auf die augenblickliche Lage des Subjektes eine geschlossene Bildreihe herzustellen, die Tatsache, daß Erwartungen, die von Erinnerungsvorstellungen geweckt werden, sich durch die folgende Wahrnehmung bestätigen, endlich das eigenartige Vertrautheitsgefühl, das Erinnerungsvorstellungen häufig begleitet. G. E. Müller hat aus den Selbstbeobachtungen bei Gedächtnisversuchen eine erstaunliche Menge derartiger Kriterien gesammelt. Die meisten dieser Kriterien dürften sekundärer Natur sein. Es können also die verschiedenen älteren Erklärungsversuche nebeneinander bestehen, nur weisen sie nicht auf den Kernpunkt, die Entstehung des Zeitmerkmales in einer Vorstellung hin.
Das Wiedererkennen verhält sich zur Erinnerung ähnlich wie die Begründung zum Schluß. Nehmen wir einen früher gesehenen Gegenstand wahr, so weckt sein Bild vielleicht die Vorstellung von jener ersten Wahrnehmung, und zwar erscheint nach dem Gesagten jene Wahrnehmungssituation als mein früheres Erlebnis. Die Identität des Gegenstandes ist uns dabei implizite gegeben, und wir wissen deshalb: der in der Wahrnehmung vor mir stehende Gegenstand ist derselbe, mit dem ich es schon einmal, und zwar bei jener Gelegenheit, zu tun hatte. Aus solchen ausführlichen Wiedererkennungsvorgängen lernen wir die mit ihnen regelmäßig verbundenen Begleiterscheinungen als Kriterien der Bekanntheit kennen. Noch bevor die ausführliche Wiedererkennung eintritt, verspüren wir die eigenartigen Zustände der einsetzenden Reproduktion (man denke an den Zustand, den wir durchmachen, wenn uns ein gesuchter Name „auf der Zunge liegt“), schwache Lustgefühle, eine merkwürdige Steigerung unseres Interesses für jenen Gegenstand. Da solche Erlebnisse in der Regel von dem Wiedererkennen gefolgt sind, werden sie uns selbst zu den Symptomen der Bekanntheit (Bekanntheitsqualität). Aber nur darum, weil sich mit ihnen das Beziehungswissen verbindet: solche Zustände sind die Wirkung bekannter Eindrücke, vermitteln sie uns das Bekanntheitsbewußtsein. Ohne ein solches Wissen käme es höchstens wie beim Tier zu einer besonderen Weise der Reaktion, wie sie gewohnten und darum zumeist auch lustbetonten Eindrücken gegenüber zu beobachten ist.
Nach unserer Darlegung müßte in der Entwicklung des Menschen zuerst die Erinnerung und dann das Wiedererkennen auftreten. Es wird schwer sein, dies beim Kinde festzustellen, da zweifellos beim Kinde die soeben genannten, auch beim Tier zu beobachtenden Reaktionsweisen gegenüber gewohnten Dingen zuerst einsetzen und ein Wiedererkennen vorzutäuschen imstande sind.
Auch unsere Erklärung der Erinnerung wie des Wiedererkennens greift auf die Reproduktionsvorgänge zurück. Das könnte bedenklich erscheinen, weil Reproduktion und Erinnerung verschiedenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Allein die Leistung ist in beiden Fällen eine ganz andere: die Reproduktion hat einen bestimmten Vorstellungsinhalt selbst vorzuführen; mit Stellvertretern, Symptomen u. dgl. ist ihr nicht gedient. Das Wiedererkennen hingegen hat ein Beziehungswissen zu wecken und kann sich dazu mannigfacher Symptome bedienen. Und drittens können diese Symptome — wohl nach einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit der Beziehungserlebnisse (vgl. [S. 178]) — schon wirksam werden, wenn sie eben die Bewußtseinsschwelle überschritten haben, während eine Reproduktionsaufgabe in diesem Zustande noch nicht als gelöst gelten kann.
2. Erinnerungstäuschungen
Reproduktion früherer Eindrücke, anhebende Reproduktionen, Gefühle, die durch letztere angeregt werden, Beziehungserfassungen, Reproduktion eines Beziehungswissens und endlich, was bisher noch nicht genannt wurde, Beurteilungen und Schlüsse auf Grund mannigfacher Kriterien können zusammenwirken, um eine Vorstellung als Bild eines früheren Erlebnisses oder einen neuen Eindruck als die Wahrnehmung eines bekannten Gegenstandes erscheinen zu lassen. Von jedem einzelnen dieser Faktoren wissen wir nun, daß er gelegentlich versagen kann, und dürfen darum erwarten, daß aus solchem Versagen Erinnerungstäuschungen bzw. Erinnerungsausfälle entstehen.