Klingen die Reproduktionstendenzen an, ist aber die vollständige Reproduktion behindert, so erscheint uns ein Gegenstand bekannt, aber wir wissen nicht, „wo wir ihn hintun sollen“. Werden auch die ersten Ansätze zur Reproduktion nicht lebendig, so halten wir den Gegenstand für neu. Wir können aber anderswoher wissen, daß der betreffende Gegenstand uns doch bekannt sein muß, und so mag das eigenartige Fremdfinden bedingt sein: spricht man ein geläufiges Wort der Muttersprache oftmals rasch hintereinander aus, so klingt es mit einemmal merkwürdig fremd und sinnlos. Vermutlich werden durch das rasche Aufsagen die mit dem Wort assoziierten Vorstellungen nicht mehr angeregt, entsprechend dem allgemeinen Gesetz der Bahnung; das Wort besagt uns also nichts mehr, während wir doch gleichzeitig wissen, daß es einen Sinn hat. Die sog. Entfremdung der Wahrnehmungswelt dürfte jedoch damit nur teilweise erklärt sein.

Dem Ausfall der Erinnerung steht deren Fälschung gegenüber. Man könnte füglich eine teilweise und eine vollständige unterscheiden. Bei der teilweisen Fälschung vermischen sich infolge der Konstellation fremde Vorstellungselemente mit der Erinnerungsvorstellung. Tragen diese eingeschobenen Elemente keine von der Erinnerungsvorstellung stark abweichenden Züge, so werden auch sie als Bilder früherer Erlebnisse genommen, namentlich wenn die Gesamtvorstellung unmittelbar als Erinnerung aufgefaßt wird. Findet eine eigentliche Beurteilung, ob wirklich erlebt oder nicht, statt, so wird es unter anderem auch von der Begabung des Individuums abhängen, ob es einer Erinnerungstäuschung verfällt oder nicht. Kinder unterliegen deshalb leichter diesen Täuschungen als Erwachsene. Bei ihnen kommt auch die totale Erinnerungsfälschung in der Form der Phantasielügen häufig vor: während sie am Erzählen sind, drängt sich ihnen das Phantasiebild mit der gleichen Leichtigkeit und Klarheit wie das Erinnerungsbild auf und wird darum als solches ausgegeben. Wegen ihrer reicheren Phantasiebegabung sind darum auch Frauen derartigen Täuschungen mehr ausgesetzt als Männer.

Eine andere Art der Erinnerungsanomalie täuscht nicht hinsichtlich des Inhaltes, sondern des Aktes: ein neuer Eindruck erscheint fälschlich als bekannt. Namentlich in pathologischen Fällen wird die Bekanntheitsqualität durch neue Eindrücke ausgelöst, ohne daß der Kranke von der Neuheit der Eindrücke überzeugt ist. (Reduplizierende Paramnesie.) Anders bei dem oft besprochenen déjà vu: obwohl wir genau wissen, daß die Lage, in der wir uns augenblicklich befinden, völlig neu ist, haben wir doch den überwältigenden Eindruck, genau das gleiche schon einmal erlebt zu haben. Bekanntlich stützt sich die Lehre von der Seelenwanderung mit Vorliebe auf solche Erlebnisse. Die allgemeine Erklärung dieser Erscheinung ist wohl folgende: Durch irgendeinen Umstand wird der Bekanntheitseindruck hervorgerufen, während wir doch gleichzeitig, auf andere Gründe gestützt, genau wissen, daß wir zum erstenmal dies erleben. Ist der Bekanntheitseindruck von einem lebhaften Gefühl begleitet, so mag er durch einen ganz nebensächlichen Zug an dem Erlebnis ausgelöst sein, er wird sich über das Gesamterlebnis ausbreiten und dieses selbst als bekannt erscheinen lassen. Nach meinen bisherigen Beobachtungen möchte ich zwei Arten des déjà vu unterscheiden: Bei der ersten regt ein (nebensächlicher) Zug der Wahrnehmung eine Reproduktion an, die weiter nicht beachtet wird, aber das Bekanntheitsgefühl auslöst, das fälschlich auf das Gesamterlebnis bezogen wird. Diese Fälle sind niemals so überraschend wie die alsbald zu besprechenden. Es gelingt auch häufig, den Reproduktionsvorgang rückschauend festzustellen. Dementsprechend zeigen sich allmähliche Übergänge von dem falschen Wiedererkennen zu der ganz normalen Reproduktion im Anschluß an eine Wahrnehmung. Die andere Art habe ich vor Jahren zum erstenmal auf Grund einer zuverlässigen Beobachtung beschrieben (ArPs 15 [1909]) und kann sie heute durch neue Beobachtungen sicherstellen. Das Schema des ganzen Vorganges ist dieses: Eine flüchtige Wahrnehmung wird unterbrochen oder eine alsbald erfolgende Wahrnehmung wird in der Vorstellung vorweggenommen. Darauf tritt eine Ablenkung ein, durch die der Bewußtseinszusammenhang bei dem ermüdeten oder psychasthenischen Individuum für einen Augenblick abgebrochen wird. — Die nervöse Erschöpfung ist nach den Untersuchungen Heymans eine besonders günstige Vorbedingung des falschen Wiedererkennens, weshalb auch diese Erscheinung in der Pubertätszeit besonders häufig ist. — Gleich nach der kurzen Ablenkung wendet man sich wieder der Wahrnehmung zu. Da somit derselbe Bewußtseinsinhalt wiederkehrt, der unmittelbar vor der Ablenkung uns beschäftigte, erscheint das Erlebnis als bekannt, ohne daß wir den Bekanntheitseindruck erklären können, während wir anderseits sehr wohl wissen: die Situation ist neu. Ein Beispiel. Ich gehe mit einigen Begleitern einen Gartenweg entlang. „Haben Sie schon gehört ...“, beginnt einer von ihnen und kündigt eine mir sehr wohl bekannte Geschichte an, die mir nunmehr als Ganzes im Bewußtsein steht. Weil sie mich aber langweilt, befasse ich mich beim Weitergehen mit den Blumen am Wege. Als wir nun am Ende des Weges umkehren wollen, erlebe ich ein ganz ausgesprochenes déjà vu, und zwar besagt es: genau diese individuelle Situation mit all ihren Einzelheiten hast du schon erlebt. Da ich damals schon meine Theorie der Fausse Reconnaissance veröffentlicht hatte, besinne ich mich darauf, wo eine Wiederholung eines Teiles der Wahrnehmung vorliege, finde jedoch keine und stelle mit Bedauern fest, daß die Theorie hier versage. Erst nach einiger Zeit kommt mir der Augenblick wieder zu Bewußtsein, wo die Erzählung angekündigt worden war. Die Erklärung des Phänomens lag nun zutage. Bei der Ankündigung der Erzählung hatte ich sie in der Vorstellung vorweggenommen. Dann wurde ich durch das Betrachten der Blumenbeete abgelenkt. Als ich am Ende des Weges wohl oder übel wieder einen Teil der Erzählung anhören mußte, wurde die Eingangssituation reproduktiv angeregt, konnte aber infolge einer an diesem Tage sehr merklichen Schlaffheit, sowie wegen der unmittelbar vorausgegangenen Ablenkung nicht hinreichend reproduziert werden, weshalb ein unerklärliches Bekanntheitsgefühl verspürt wurde, das sich nach Art aller Gefühle auf die gesamte Lage verbreitete. Wegen der augenblicklichen Reproduktionsstörung konnte natürlich auch die das ganze Erlebnis bedingende Eingangslage nicht sofort wieder bewußt werden, die Theorie mußte für den Augenblick als unzureichend erscheinen, wodurch eine ganz vorzügliche Kontrolle der Zuverlässigkeit der Beobachtung gegeben war. Die wichtige Voraussetzung dieser Erklärung, daß durch die vorstellungsmäßige Vorwegnahme einer Wahrnehmung schon ein Bekanntheitseindruck bedingt wird, läßt sich übrigens experimentell nachweisen.

Literatur

M. Rosenberg, Über die Erinnerungstäuschungen usw. ZPaPs 1 (1912).

3. Die Aussage

Ein wichtiges Anwendungsgebiet unseres Problems hat eingehende experimentelle Untersuchung erfahren, die Zeugenaussage. Man ließ Kinder und Erwachsene Bilder betrachten oder zuvor verabredeten Begebenheiten beiwohnen und teils unmittelbar darauf, teils nach bestimmter Frist frei über das Erfahrene berichten, sowie in einem sorgfältig vorbereiteten Verhör entsprechende Fragen beantworten. Die Erinnerungstäuschungen, die hierbei unterliefen, waren nun überraschend zahlreich. Allgemeingültige Zahlenwerte lassen sich begreiflicherweise nicht anführen, da die Fehlermenge sich ebensowohl mit dem Subjekt wie mit dem Gegenstand wie endlich mit der Art der Aussage ändert. Im allgemeinen gilt etwa folgendes: Ein Zeugnis ist niemals im ganzen zu bewerten, da auch ein zuverlässiger Zeuge Erinnerungstäuschungen unterworfen ist. Der unbeeinflußte Bericht kann bisweilen genau sein, von einem Verhör darf man das nie erwarten. Fragt man, wie in den Versuchen, nach allen Einzelheiten eines Erlebnisses, so darf man mit ungefähr einem Drittel falscher Antworten rechnen. Die Fehlerzahl steigt, wenn die Fragen eine bestimmte Antwort nahelegen (Suggestivfragen), namentlich bei Kindern. Kinderaussagen sind überhaupt nur mit größter Vorsicht zu veranlassen und zu bewerten. Werden dieselben Fragen in einem Verhör wiederholt, so wächst die Zahl der Antworten, aber auch die der Fehler. Hinsichtlich des zu berichtenden Vorfalles gilt, daß Aussagen über Vorgänge nur dann zuverlässig sind, wenn die Vorgänge mit Aufmerksamkeit und ohne zu große Gemütsbeteiligung beobachtet wurden. Aussagen über Nebenumstände sind überhaupt von fraglichem Wert, namentlich über Farben, Zeit- und Größenverhältnisse. Diese Versuche bestätigen sehr hübsch die theoretisch bedeutsame Tatsache, daß uns keine gesonderten Erinnerungsvorstellungen zu Gebote stehen, sondern daß alle unsere Vorstellungen zu Erinnerungen werden können, je nachdem sie sich mit den Kriterien der Erinnerungen auszustatten vermögen.

Die Aussage ist aber mehr als eine Erinnerung. Sie ist ein Urteil, das gleichzeitig über den vorgestellten Sachverhalt abgegeben wird, daß man ihn eben erlebt habe. Es hängt darum die Aussage nicht allein von den Erinnerungskriterien ab, die sich an die auftauchenden oder nahegelegten Vorstellungen anschließen; es müssen diese Kriterien auch beurteilt werden. Da macht sich nun stark die individuelle Urteilsbereitschaft geltend, ferner die Urteilseinstellung auf die Behauptung, etwas erlebt zu haben, endlich alle die Beweggründe, die zu einem Urteil führen können: das Interesse an dem Grundsachverhalt, das Interesse an dem Begleitsachverhalt, der Gewißheit, und an dem Urteilsakt, wie etwa der Wunsch, ein ergiebiger Zeuge zu sein.

Literatur

W. Stern, Beiträge zur Psychologie der Aussage. 2 Bde. 1903/6.