Weitere interessante Einzelheiten über die Erschließung eines Wertes ergeben die Untersuchungen von Michotte und Prüm.

So ist es nicht gleichgültig, in welcher Reihenfolge mehrere werthaltige Gegenstände vorgelegt werden, wenn es sich darum handelt, zwischen ihnen eine Wahl zu treffen. Und auch die Art und Weise der Wertprüfung ist von Bedeutung. Sie kann nämlich entweder analytisch zergliedern oder mehr großzügig aufs Ganze gehen. Trägt der zu prüfende Gegenstand seinen Wert ziemlich offen zur Schau, so ist es im allgemeinen günstig, ihn an erster Stelle vorzulegen. Man entscheidet sich dann leicht für ihn ohne eingehendere Prüfung. Will man dagegen, daß der Wählende sich für einen Gegenstand von nicht offenkundigem Wert entschließe, so ist es ratsam, ihm zunächst einen anderen mit offenkundigen Mängeln vorzuhalten. Er wird dann in der Regel diesen ersten nach einer oberflächlichen Besichtigung ablehnen, den zweiten hingegen einer ins einzelne gehenden Prüfung unterwerfen, bei der sich dann der Wert des zweiten deutlicher herausstellt.

Eine andere Vorbedingung für das Wirksamwerden der Motive ist die Erreichung einer entsprechenden Kraft. Soweit unser jetziges Wissen reicht, kann man nicht behaupten, daß angesichts einer bestimmten Werthöhe notwendig ein Willensakt ausgelöst werde, aber daß nicht jedes Motiv stark genug ist, unter allen Umständen uns zu einem bestimmten Entschluß zu vermögen, das offenbarte sich auch schon in den Wahlversuchen. In solchen Fällen hilft dann die gegenseitige Verstärkung der Motive über den toten Punkt hinweg. Die Vereinigung mehrerer Motive kann nämlich einen Gesamtwert ergeben, angesichts dessen der Entschluß zustande kommt. Dabei gewinnen die äußeren Motive ihre hervorragende Bedeutung. So namentlich die Rücksicht auf die bisherige Gewöhnung. Damit eröffnet sich ein doppelter Weg zur Beeinflussung des Willens: ein direkter durch unmittelbares Vorhalten der Motive und ein indirekter durch die Gewöhnung, der dann ein äußeres Motiv entnommen werden kann, nämlich die Gleichförmigkeit des eigenen Handelns.

2. Kap. Die unmittelbaren Wirkungen des Willensaktes

1. Die determinierenden Tendenzen

Das Wesen des Willensaktes wurde schon oben bei Darstellung der elementaren Funktionen besprochen. Während nun die anderen seelischen Elemente sich zu höheren Leistungen komplizieren können, scheint der Willensakt als solcher stets der gleiche zu bleiben. Eine besondere Ausgestaltung scheinen nur die Objekte des Wollens zu erfahren. Wir wenden uns darum gleich den Wirkungen des Willensaktes zu.

In den verschiedenartigsten Reaktionsversuchen hatte es sich immer deutlicher herausgestellt, daß der Verlauf des ganzen Erlebnisses in eigenartiger Abhängigkeit stand von der Aufgabe, welche die Vp übernahm. Am auffälligsten wurde das in hypnotischen Versuchen. Da erhält z. B. die Vp die Aufgabe, die ihr nach der Hypnose vorzulegenden Zahlen zu multiplizieren. Aufgeweckt, erblickt sie das Zahlenpaar 5/7 und spricht augenblicklich die Zahl 35 aus, ohne im geringsten angeben zu können, was sie zum Aussprechen dieser Zahl veranlaßt hat. Ach wollte diesem Vorgang durch die Aufstellung der determinierenden Tendenzen (im folgenden det. T.) gerecht werden. Der in der Übernahme einer Aufgabe liegende Willensakt erzeugt die det. T. zur Ausführung dieser Aufgabe. Diese Tendenzen sind nach Ach weder mit den assoziativen noch mit den perseverierenden Reproduktionstendenzen gleichzusetzen, sondern stellen eine ganz neue Art von Tendenzen dar. Sie wirken im Unbewußten und ziehen ein spontanes Auftreten der determinierten (d. h. von der Aufgabe verlangten) Vorstellung nach sich. Nach Achs Vorgang stellte später Koffka eine ganze Reihe von det. T. auf, darunter auch solche, die nicht von einem Willensakte, sondern von einem Gedanken ausgehen sollten.

Zweifellos haben Ach und die ihm nahestehenden Forscher eine wichtige Tatsache mit dem Namen der det. T. gekennzeichnet. Die Zielstrebigkeit, die in unserem Denk- und Handlungsverlauf herrscht, sobald ein bestimmter Willensentschluß gefaßt worden ist, ist derart, daß man nicht recht glauben mag, sie könne durch die konstellierende Kraft einer Obervorstellung (Liepmann) bewirkt werden. Es muß eine ordnende Kraft in den Ausführungen unserer Entschlüsse herrschen. Es ist aber nicht erwiesen, daß dies eine neuartige, von der Zielvorstellung ausgehende Tendenz sei. Denn die Leistungen, die insbesondere dieser Tendenz zugeschrieben werden, lassen sich auch durch die bekannten Reproduktionstendenzen verständlich machen. Die Aufgabe bildet nämlich als antizipierendes Schema ([S. 173]) ein Reproduktionsmotiv für das Erscheinen der determinierten Vorstellungen, und die oft unvermittelt und ohne Erinnerung an die Aufgabe erscheinende richtige Lösung findet ihre Parallele bei offenkundigen Reproduktionsvorgängen, die keiner Aufgabe entsprungen sind.

Anderseits ist die Willkürhandlung doch nicht rein assoziativ bedingt. Sie müßte sonst ebenso leicht entgleisen wie ausschließlich assoziativ geleitete Reproduktionen. Den „Einfällen“, die uns die Assoziationen liefern, ist es ja charakteristisch, daß sie sehr wenig vom Sinn beherrscht sind und „vom Hundertsten ins Tausendste“ führen. Vor allem aber muß dem in den Willensexperimenten beobachteten Erlebnis des „ich will“ seine Stelle und Bedeutung in dem ganzen Vorgang werden. Wir müssen uns da freilich noch mit Hypothesen begnügen und denken uns den einfachen Willensvorgang folgendermaßen. Die Vp habe sich in der Vorperiode dazu entschlossen, beim Erscheinen eines bestimmten Reizes den niedergedrückten Taster loszulassen. Der Reiz erscheint, die Vp erkennt ihn als das vereinbarte Zeichen und erblickt angesichts der Gesamtlage in dem Loslassen des Tasters ein zu wollendes Ziel. Jetzt erfolge der eigentliche Willensakt: die Vp will das Loslassen. Nehmen wir nun an, der Vp sei dabei neben anderen Vorstellungen auch die zum Loslassen des Tasters erforderliche Bewegungsvorstellung gegenwärtig, so ist zu erklären, warum von den verschiedenen ihr gegenwärtigen Vorstellungen nur diejenige zum Ausgangspunkt einer Reproduktion wird, die sich auf das Loslassen des Tasters bezieht. Der Assoziationspsychologe behauptet hier: der aufgetauchte Reiz reproduziert den in der Vorperiode gefaßten Vorsatz und damit die Vorstellung des Loslassens, und so wird diese verstärkt und vor allen anderen zum Reproduktionsmotiv. Wir bestreiten nun durchaus nicht, daß ein solcher assoziativ bedingter Vorgang stattfindet und in gewissen Fällen sogar die Bewegung herbeiführen kann. Aber das gilt doch nur für jene Fälle, wo die Zielvorstellung auf diese Weise hinreichend intensiv gemacht werden kann. Es erklärt aber nicht die Zielstrebigkeit unserer Vorstellungen und Bewegungen, wie sie sich etwa auf einem Geschäftsgang mitten durch die lebhaftesten Eindrücke einer Großstadt, und zwar bei nahezu völligem Zurücktreten des Zielgedankens, zeigt. Ferner wird so nicht verständlich, warum alle unsere Willenshandlungen von einer Bedeutung beherrscht sind, und endlich wäre der tatsächlich vorhandene Willensakt in dieser Auffassung höchst überflüssig. Wir nehmen darum an, das „ich will loslassen“ sei eine Hinwendung zu der Bewegungsvorstellung und verstärke durch diese Hinwendung unmittelbar diese Vorstellung, so daß sie zu einem wirksamen Reproduktionsmotiv für die weiterhin notwendigen Bewegungsvorstellungen werden kann. Die gleiche Leistung, die unter anderen Bedingungen die assoziative Konstellation vollbringt, schreiben wir also dem Willensakt zu. Wir stützen uns für diese Annahme auf eine Reihe von Beobachtungen (von Stumpf, G. E. Müller u. a.), nach denen die willkürliche Beachtung einer Empfindung oder Vorstellung diese verstärkt.

Bei zusammengesetzten Willenshandlungen wird der Beginn auf die nämliche Weise von statten gehen. Ist dann eine gewisse Reihe von Vorstellungen abgelaufen, so stockt die Willenshandlung. Rein reproduktiv taucht nun wieder die Aufgabe bzw. der Vorsatz auf und reproduziert dadurch eine weitere Reihe von Vorstellungen, denen gegenüber sich der Willensakt wie bei der einfachen Willenshandlung wiederholt. Geschieht dies nicht oder wird die Zielvorstellung nicht aufs neue lebendig, so kommt es zu den merkwürdigen, rein assoziativ bedingten Fehlhandlungen, oder man fragt sich verwundert: Was wollte ich doch? Ein Akt des Besinnens leitet dann zur alten Fährte zurück. Der Wille verhütet also, daß unsere Handlungen nicht einzig von der zufälligen Intensität der Vorstellungen abhängen. Er befreit uns darum aus dem Banne der Assoziationen. Er sorgt auch dafür, daß unsere Willenshandlungen nicht beständigen Stockungen unterliegen, wie das Aufsagen eines schlecht gelernten Gedichtes. Das Perseverieren der Aufgabe oder ihre öftere Zurückführung ins Bewußtsein ermöglicht uns sodann, durch einen Vergleich unserer Handlungsweise mit dem vorgesteckten Ziele deren Richtigkeit zu kontrollieren.