1. Kap. Die Vorbereitung des Willensaktes

Während ein Akt der absoluten Wahrnehmung keinerlei Vorbereitung im Bewußtsein voraussetzt, sondern theoretisch wenigstens ein erster Bewußtseinsvorgang sein kann, ist ein Willensakt nicht denkbar, der nicht ein gewisses Vorspiel in der Seele hätte. Von den Inhalten nun, die einem Willensakt vorausgehen, scheinen einige in nur zufälliger, andere in notwendiger Verbindung mit ihm zu stehen. Man nannte letztere die Motive des Wollens.

1. Das Wesen des Motives

Die wenigen Forscher, die den Motivationsvorgängen experimentell beizukommen suchten, konnten sich noch nicht auf eine Begriffsbestimmung des Motivs einigen. Sie zählten darunter sowohl verstandesmäßige Beweggründe, wie unwillkürliche Strebungen, Gefühle und Bewegungsvorgänge. Vergleicht man jedoch die von ihnen als Motive bezeichneten Erlebnisse miteinander, so stellt sich heraus, daß man die Vorbedingungen der äußeren Willenshandlung, in der sich der Willensakt kundgab, mit denen des inneren Willensaktes verwechselte und dabei die Wirkursachen reproduktiver Vorgänge nicht von den Beweggründen des Entschlusses unterschied. Führt man diese Unterscheidung durch, so ergibt sich ein einheitlicher Begriff des Motives: Motiv des Willensaktes ist alles, was sich der Seele als ein durch den Willensakt zu verwirklichender Wert vorstellt. Dabei verstehen wir unter Wert alles, was für das betreffende Individuum vorteilhaft ist.

Diese Art Motive sind nun von verschiedener Gestaltung. Die niederste Stufe von ihnen wird durch einfache Sinneseindrücke oder richtiger durch einfachste, sinnlich wahrnehmbare Gegenstände gebildet. Sie müssen aber lustbetont sein, damit ihr Besitz als ein Vorteil für das Subjekt erscheinen kann. Auf dieser Stufe ist das niedere Gefühl ausschlaggebend. Nicht als ob das Gefühl als solches erstrebt würde, erstrebt wird immer nur der gefühlsbetonte Gegenstand; aber würde dieser Gegenstand nicht ein Lustgefühl wecken, wäre er nicht tatsächlich ein „Bringer der Lust“, so hätten seine übrigen Eigenschaften keine Anziehungskraft. Andere Gegenstände erwecken nicht unmittelbar als solche ein merkliches Gefühl, und nur verstandesmäßig und mit einer gewissen Nüchternheit werden sie als vorteilhafte Dinge erkannt. Allein entgegen den früheren Ansichten reicht diese kühle Einsicht hin, das Verlangen nach ihnen auszulösen. So erkennt man das Studium als eine dem Individuum zuträgliche Sache und wendet sich ihm zu, auch wenn kein erkennbares Lustgefühl uns diese Arbeit angenehm macht. Ebensowenig wie ein Gefühl ist eine besondere Anschaulichkeit der Motivwerte erforderlich; auch ganz abstrakt erfaßte Vorteile können entschiedene Willensentschlüsse hervorrufen.

2. Einteilung der Motive

Als niedere oder elementare Motive können wir solche bezeichnen, deren ganzer Wert in dem unmittelbar von ihnen erregten Lustgefühl beruht. Höhere Motive hingegen sind diejenigen, deren Wert erst durch eine Beziehungserfassung erkennbar ist. Diese psychologische Einteilung deckt sich natürlich nicht mit einer gleichlautenden aus der Ethik oder der Wertlehre: ein psychologisch hoher Wert kann ein ethischer Unwert sein.

Innere Motive sind solche, die dem Willensziel selbst entnommen sind, etwa die Schönheit oder die Nützlichkeit der Ordnung, falls diese der Gegenstand des Entschlusses ist. Äußere Motive wären in diesem Falle die Rücksicht auf andere Menschen, der Wunsch, seiner bisherigen Gewohnheit zur Ordnung nicht untreu zu werden, oder auch ein rein subjektives Verlangen, eine Art Laune, jetzt einmal sich für die Ordnung zu entscheiden. Die bisher besprochenen Motive werden von positiven Werten gebildet. Ein negativer Wert, ein Unwert hat keine Anziehungskraft. Es muß aber vorerst die Frage noch offen bleiben, ob ein negativer Wert ein Motiv für ein negatives Streben bilden kann. Die experimentellen Forschungen reichen noch nicht hin, die Tatsächlichkeit eines besonderen negativen Strebens zu beweisen. Es könnte sein, daß die Flucht vor einem Unwert psychologisch derselbe Vorgang wäre wie das positive Streben, dessen Richtung nur in unserer Auffassung doppelt gekennzeichnet wäre, nämlich durch den Ausgangspunkt und durch den Zielpunkt. Dann würde auch der zu meidende Unwert nicht als solcher willensbestimmend wirken, sondern das Gut, der Vorteil, der in dieser Flucht vor dem Unwert enthalten ist.

3. Vorbedingungen für die Wirksamkeit von Motiven

Als allgemeinste Vorbedingung ist das Bewußtwerden der Motive zu nennen. Werte, Vorteile sind keine Wirkursachen, die sich geltend machen können, ohne selbst bewußt zu sein, wie das bei den Reproduktionstendenzen der Fall ist. Diese gehören zu dem Mechanismus unseres geistigen Lebens, sie wirken ohne selbst erkannt zu sein. In der Motivation hingegen treten die Inhalte vor die Seele. Sie gehören also in eine ganz andere Gattung der seelischen Kräfte. Darum kann es streng genommen keine unbewußten Motive geben. Doch kann der Wert oder Unwert in sehr verschiedener Weise bewußt werden: Er wird z. B. vorstellungsmäßig im voraus verkostet, oder der Gedanke an ihn weckt ein Gefühl, und dieses bleibt als Motiv stehen, während der Gedanke schwindet. Sehr häufig ist uns jedoch ohne besondere Gefühle mehr oder weniger die Bedeutung des Zieles gedanklich gegenwärtig; Gedanken, die freilich um so abstrakter werden, je häufiger sie wiederkehren. Bedenkt man nun, daß uns verschiedene Seiten eines Wertes oder Unwertes gleichzeitig, und zwar auf verschiedene Weise gegeben sein können, daß sich ferner diese gleichzeitigen Werterlebnisse häufig auf verschiedenen Bewußtseinsstufen befinden, so versteht man die bisweilen festzustellende Unklarheit über die eigenen Ziele und die „Lüge des Bewußtseins“, d. h. die Täuschungen über die wirklich ausschlaggebenden Motive unseres Handelns.