5. Die Beziehungen des Gefühls zu andern Funktionen
Gefühle schaffen Werte, sobald sie sich mit einem Gegenstand verbinden, mag diese Verbindung eine ursprüngliche oder durch Gefühlsübertragung entstandene sein. Dementsprechend beeinflussen sie auch alle Werturteile, d. h. sie begründen Werturteile. Ebenso unmittelbar ist ihr Einfluß auf das Streben, das ja stets auf einen Wert gerichtet ist. Wenig geklärt ist jedoch ihre Bedeutung für die Entstehung eines Entschlusses oder einer Willenshandlung, wenn die Gefühle sich nicht mit dem Ziel des Strebens verbinden, sondern gewissermaßen das Milieu sind, in dem die Willenshandlung geboren wird. Erregende Gefühle, Unlust ebensowohl wie Lust, scheinen zum Entschluß und zur Handlung anzutreiben, niederdrückende scheinen sie zu hemmen.
Deutlich ist die Einwirkung der Gefühle auf die Vorstellungen. Lustgefühle vermehren den Reichtum an Vorstellungen, Unlustgefühle erschweren die Vorstellungsreproduktion, vermutlich deshalb, weil Lust die Blutzufuhr nach dem Gehirn steigert, Unlust sie herabsetzt. Die Gefühle wirken sodann stark konstellierend, d. h. sie bestimmen die Auswahl der Vorstellungen. Ein Affekt läßt nur solche Vorstellungen aufkommen, die ihm entsprechen: ein Unglück weckt traurige, ein Glücksfall fröhliche Erinnerungen. Das erklärt sich teils aus der assoziativen Verbindung, welche Vorstellungskomplexe gleicher Gefühlsbetonung eingehen, teils aus den gleichartigen Affekten gemeinsamen Organempfindungen, die ihrerseits wieder zu Reproduktionsmotiven der früheren Erlebnisse werden, teils daraus, daß uns in einem Affekt Erinnerungen bzw. Vorstellungen von andersartigem Gefühlston unwillkommen sind und darum schon auf der Schwelle unterdrückt werden.
Sodann sind die Gefühle bedeutungsvoll für die Erinnerung. Erlebnisse, die gefühlsbetont sind, haben, wie experimentelle Untersuchungen lehrten, größere Erinnerungsfestigkeit als indifferente, vielleicht weil sie größere Aufmerksamkeit fanden, vielleicht weil man sich willkürlich mehr mit ihnen beschäftigte. Dabei werden lustbetonte häufiger erinnert als unlustbetonte (Erinnerungsoptimismus), wohl darum, weil wir uns willkürlich von der aufsteigenden Erinnerung unlustvoller Erlebnisse abwenden. Nur wenn das unliebsame Geschehnis von sehr großer Bedeutung für den Erlebenden war, verschafft es sich eine bevorzugte Stelle unter den Erinnerungen.
Literatur
Th. Ribot, Psychologie der Gefühle. 1903.
G. Störring, Psychologie des menschlichen Gefühlslebens. 1916.
A. Mosso, Die Furcht. 1899.
[9] Die besonderen Formen der Zusammensetzung dieser Inhalte berücksichtigt die phänomenologische Einteilung Schelers, der sinnliche Gefühle, Lebensgefühle (Gefahr), seelische Gefühle (Freude) und geistige Gefühle (Seligkeit) unterscheidet. Vgl. Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik.