Zweifellos müssen diese organischen Begleiterscheinungen den Affekten ein ganz eigenartiges Gepräge verleihen. Die James-Langesche Theorie der Affekte ging in ihrer Bewertung sogar so weit, in ihnen das Wesen dieser Gemütsbewegungen zu sehen: wir weinen nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Diese Theorie schoß in doppelter Hinsicht über das Ziel hinaus. Zunächst übersah sie die von allen Organempfindungen wesentlich verschiedenen Gefühlstöne der Lust und Unlust. Sodann beachtete sie nicht das Begründungsverhältnis, das tatsächlich in jedem Affekt normalerweise vorhanden ist: wir sind uns dessen bewußt, daß wir wirklich wegen des Verlustes traurig oder wegen des Gewinnes freudig sind. Gleichwohl nähert sich unsere Auffassung der Affekte in beiden Rücksichten wieder mehr der James-Langeschen Theorie. Da wir die unterscheidenden Merkmale der verschiedenen höheren Gefühle nicht in spezifischen Gefühlsqualitäten, sondern in den sie begleitenden Bewußtseinsvorgängen suchen, schreiben wir notwendig den organischen Erscheinungen beim Affekt eine größere Bedeutung zu. Sodann erkennen wir zwar das Begründungsverhältnis des unbefangenen Bewußtseins an: ich freue mich, weil ich Erfolg habe, aber wir teilen nicht die Ausweitung dieses Zusammenhanges, die das naive Bewußtsein vornimmt. Dem naiven Menschen erscheint die gefühlsmäßige Freude oder Trauer ebensosehr als die unmittelbare und notwendige Antwort der Seele auf die Einsicht in den vorausgehenden Erfolg oder Mißerfolg, wie die Erkenntnis der Gleichheit oder Ungleichheit die unmittelbare und notwendige Reaktion der Seele ist, wenn ihr zwei gleiche oder verschiedene Inhalte mit der Aufgabe zu vergleichen gegeben sind. Es braucht aber nur wenig kritischen Blick, um zu erkennen, daß zwischen den Inhalten „Erfolg“ und „Freude“ ebensowenig ein denknotwendiger Zusammenhang besteht wie zwischen einem Rot und dem mit ihm kontrastierenden Grün. In der Tat kann ja auch infolge krankhafter Störungen die normalerweise zu erwartende Gefühlsreaktion bei der Wahrnehmung eines Erfolges oder Mißerfolges ausbleiben. Die Grundlage zu einer jeden Gefühlsreaktion bildet eben nicht ein logischer, sondern ein physiologischer Zusammenhang, nämlich der zwischen Empfindung und Empfindungsgefühl.

Den Affekten stellt man die Stimmungen gegenüber. Während man unter Affekt einen stärkeren, aber akuten Seelenzustand versteht, denkt man bei Stimmung an eine mäßigere, aber dauernde Verfassung ähnlicher Art. Dabei ist dem Affekt der Sachverhalt, um dessentwillen er sich entwickelt hat, gegenwärtig, während er der Stimmung wieder entschwunden sein kann. Zumeist dürfte die Stimmung aus einem Affekt hervorgehen. Die charakteristischen Organempfindungen pflegen nämlich länger standzuhalten als die sie hervorrufenden Erkenntnisse, und da sie selbst zumeist von ähnlichem Gefühlscharakter sind, rücken sie teils immer wieder, sobald man sie beachtet, das betreffende Gefühl in den Vordergrund des Bewußtseins, teils führen sie die Erinnerung an den die Stimmung auslösenden Sachverhalt herbei.

Die Leidenschaften sind nicht mehr den Gefühlen oder Affekten beizuzählen. Unter Leidenschaft versteht der Sprachgebrauch vielmehr ein vorherrschendes Interesse, das stark genug ist, um zu schwierigen, gelegentlich auch zu wenig überlegten Handlungen anzutreiben.

Das Vorhandensein von Gefühlsdispositionen zeigt sich darin, daß einzelne Individuen zu bestimmten Gefühlen mehr hinneigen als andere. Die Ursache hiervon wird an physiologischen Zuständen liegen. Es läßt sich denken, daß die beiden Funktionsweisen des nervösen Apparates, an welche Lust bzw. Unlust gebunden ist, nicht bei jedem Individuum gleich gut entwickelt seien. Sodann können abnorme Körperzustände dauernd eine gewisse Menge einseitig gefühlsbetonter Empfindungen liefern und somit eine Steigerung der Gefühle in der einen oder der anderen Richtung veranlassen. So sind Schwindsüchtige mehr zur Heiterkeit, Diabetiker zur Verdrossenheit disponiert. Endlich dürfen auch die psychischen Dispositionen nicht übersehen werden. Wer sehr viel Leid erfahren hat, dem stehen mit diesen Erinnerungen ebensoviele Quellen zu Unlustgefühlen zur Verfügung.

4. Gesetzmäßigkeiten des Gefühlslebens

Nach unserer Auffassung sind die höheren Gefühle etwas sehr Kompliziertes. Man wird darum bei ihnen auch keine einfachen und klar umschriebenen Gesetze erwarten dürfen. Außerdem werden sich diese Gesetze häufiger auf den dem Gefühle zugrunde liegenden Sachverhalt als auf das emotionale Moment beziehen.

Das Kontrastgesetz: ein Gefühl wird durch sein Kontrastgefühl gesteigert. Die Lust am warmen, erleuchteten Zimmer wird gesteigert durch die Wahrnehmung des unfreundlichen Wetters; die Unlust über solches Wetter, durch welches man marschieren muß, infolge des Anblickes einer gemütlichen Wohnung. Man erkennt hier leicht, daß bei solchen Kontrasten auch ganz neue Sachverhalte erfaßt werden, die dann ihrerseits den Zuwachs des Lust- oder Unlustgefühles verschulden. — Der Folgesatz: eine Reihe von Lust- oder Unlustgefühlen bedeutet nur dann eine merkliche Steigerung des betreffenden Gefühles, wenn jedesmal ein stärkeres Gefühl erzeugt wird. Der Satz gilt zweifellos nur im allgemeinen und ist in der Hauptsache wohl psychologisch durch die Herabsetzung der Bewertung häufig erscheinender Dinge zu erklären, wenn auch die Abstumpfung gegen den Gefühlston, die er auch voraussetzt, physiologisch bedingt sein muß.

Noch wenig geklärt sind die Gesetze der gleichzeitigen Verbindung mehrerer Gefühle. Gleichartige Gefühle scheinen sich irgendwie zu summieren. Doch nicht in einfacher algebraischer Weise. Sie behalten stets eine gewisse Selbständigkeit. Ihre Vereinigung ist um so inniger, je mehr die Erkenntnisgrundlagen miteinander verschmelzen. Das Gefühl wird eben stärker, je mehr sich unsere Aufmerksamkeit dem Gefühlserreger zuwenden kann, was bei der Abhängigkeit des Gefühls von seinen Reproduktionsgrundlagen leicht verständlich ist. Die mannigfachen Reize eines Festmahles kann man nicht alle gleichzeitig in größter Intensität auf sich einwirken lassen. Darum scheinen die von ihnen erweckten Gefühle eher nebeneinander zu stehen. Bei einem Ornament hingegen kann Form und Farbe gleichzeitig und fast in vollster Intensität im Blickpunkt der Beachtung stehen, und darum scheint es ein einheitliches Gefühl hervorzurufen. Aus demselben Grunde will sich Lust und Unlust aus verschiedenen Quellen nicht recht mischen. Sie treten vielmehr abwechselnd in den Vordergrund, je nachdem wir dem einen oder dem andern mehr Beachtung schenken. Dennoch erscheinen sie nicht einfachhin voneinander getrennt, sondern die Unlust verleidet uns die Freude, und die Lust läßt vermutlich das Leid nicht zur vollen Entwicklung gelangen. Anders bei den sog. gemischten Gefühlen, wie dem Spannenden, Romantischen, Tragischen, wo die Unlust eine notwendige Vorbedingung des angenehmen Gefühles ist. Allerdings darf man hier nicht übersehen, daß diese vorausgehende Unlust eher ein Scheingefühl ist oder doch wenigstens durch die bestimmte Erwartung des glücklichen Ausganges gemildert wird. Sonst zerfällt das gemischte Gefühl in zwei gesonderte Phasen, der Unlust und der Lust.

Praktisch bedeutsam ist die zeitliche und gegenständliche Verschiebung des Gefühles. Zeitlich verschiebt sich das Gefühl, indem es einer Erinnerungsvorstellung vorauszueilen scheint. Genauere Beobachtung und der Vergleich mit erstmaligen Wahrnehmungen, die Gefühle wecken, noch ehe sie selbst zur klaren Entfaltung gelangt sind, lehrt indes, daß diese Verschiebung nur eine scheinbare ist. Es genügt aber eine gerade überschwellige Reproduktion, damit schon ein merkliches Gefühl verspürt werde. Dieses lenkt nun sofort die Aufmerksamkeit auf sich, wodurch dann häufig die angefangene Reproduktion wieder versagt und das Gefühl als ein völlig unbegründetes erscheinen läßt. Die gegenständliche Verschiebung ist unter dem Namen der Gefühlsübertragung oder der Irradiation des Gefühlstones bekannt und schon bei den elementaren Gefühlen besprochen worden ([S. 141 f.]).

Ebenso stimmt es zu unseren theoretischen Anschauungen sehr wohl, daß sich ein eigentliches Gefühlsgedächtnis nicht nachweisen läßt. Ein Gefühlserlebnis ist immer nur durch die Vergegenwärtigung seiner erkenntnismäßigen Grundlage zu erneuern. Dabei werden bezeichnenderweise die einfacheren Gefühle schwerer reproduziert als die zusammengesetzten: die Vergegenwärtigung der Lust an einer Speise ist weit schwächer als die an einer Melodie oder an einem Erfolg. Die Lust an einem Sinneseindruck gründet sich nämlich einzig auf diesen isolierten Reiz, und dieser ist bekanntlich nicht mehr in gleicher Stärke zu reproduzieren. Die Lust an einem Erfolg hingegen ist in der Hauptsache eine Beziehungslust, die schon beim ersten Erleben nicht aus dem unmittelbaren Sinneseindruck, sondern reproduktiv aus den Gefühlsvorräten geschöpft wurde. Diese sind aber heute noch ebenso reichhaltig wie beim ersten Erleben.