Eine befriedigende Theorie der höheren Gefühle sollte sich eigentlich auf eine erschöpfende Aufzählung, Beschreibung, Gruppierung und Analyse sämtlicher höheren Gefühle stützen. Dazu fehlen jedoch die Vorarbeiten. Wir streben darum auf kürzerem Wege eine vorerst noch hypothetische Auffassung der höheren Gefühle an, die uns zugleich ermöglicht, die Mannigfaltigkeit der Gefühle zu überblicken.
Vor allem fragt es sich, ob es höhere Elementargefühle gibt, ähnlich wie es höhere Erkenntnisleistungen elementarer Natur gibt. Wir verneinen bis auf weiteres diese Frage. Denn bis heute ist es noch nicht gelungen, solche höhere Gefühlselemente aufzuzeigen, ähnlich wie man Lust und Unlust aufzeigen kann. Die Unmöglichkeit, eine befriedigende Einteilung der Gefühle vom inhaltlichen bzw. qualitativen Gesichtspunkt aus zu gewinnen, spricht auch dafür. Die Zahl der höheren Gefühle scheint praktisch unbegrenzt zu sein, da fast jeder Sachverhalt ein besonderes Gefühl nach sich zieht. Neben all den ästhetischen, religiösen, logischen Gefühlen lassen sich mit ebensoviel Recht besondere Gefühle für jeden Stand und jede Lebenslage finden: von einem Hochzeits- und Begräbnisgefühl kann man ebensogut reden wie von einem Sextaner-, Quintaner-Gefühl usw. Das beweist, daß das Charakteristische der höheren Gefühle in der Regel in dem Sachverhalt liegt, auf den sie sich beziehen. Und wären Gefühle, die weder der Einsicht dienen, noch — von Lust, Unlust abgesehen — das Streben leiten sollen, nicht ein wahrer Luxus? Auch die von Bain genannten Eigentümlichkeiten der höheren Gefühle deuten auf ihre Zusammensetzung und Ableitbarkeit hin. Endlich sprechen dafür pathologische Fälle, bei denen die Einsicht in die Erfreulichkeit oder Unerfreulichkeit eines Sachverhaltes klar erfaßt wurde, ohne daß ein merkliches Gefühl zu beobachten war. Wie hier die körperliche Erkrankung, so weist die Förderung und Hemmung auch höherer Gefühle durch Alkohol oder Brom darauf hin, daß das emotionale Moment ebenso wie bei den niederen Gefühlen in enger Berührung mit den physiologischen Vorgängen steht. Es wird aber nicht angehen, sie einfachhin als eine Verbindung von Sachverhaltserfassungen mit den sinnlichen Gefühlen anzusprechen. Dem steht einerseits der bezeichnende Unterschied von Ernst- und Phantasiegefühlen (der nur phantasierte Sachverhalt erweckt andere Gefühle als der wirklich erlebte), anderseits das scheinbare Vorkommen höherer Gefühle, wie Furcht, Anhänglichkeit u. ä. bei Tieren, entgegen, denen wir bekanntlich die Sachverhaltserfassung abstreiten. Wir müssen also einen andern Weg versuchen.
Wir sahen, Empfindungen sind zumeist von einem stärkeren oder schwächeren Gefühlston begleitet, und zwar faßten wir die Gefühlsreaktion nicht als eine einsichtige Antwort der Seele auf die Empfindung, sondern als den psychischen Parallelvorgang zu einem mit der sensorischen Erregung irgendwie funktionell verbundenen Nervenprozeß auf. Es muß darum auch die Summe von Empfindungen zu irgendwelcher, vielleicht algebraischen Summe von Gefühlen führen. Zwischen den Empfindungen und den Elementen der absoluten Vorstellung ([S. 102 ff.]) machten wir aber keinen Unterschied. Es wird darum auch die Vorstellung eine Gefühlssumme mit sich bringen. Und die Assoziation von Vorstellungen wird auch die Vermehrung der Gefühlsmasse bedeuten. Wir glauben nun, daß aus diesen Gefühlsreserven unser ganzes emotionales Leben gespeist wird. Also jede Gefühlserregung hätte demnach die Mitarbeit des Reproduktionsapparates zur Voraussetzung. Das wird weniger befremden, wenn man bedenkt, daß bei all unserer geistigen Tätigkeit die Reproduktion weit stärker beteiligt ist, als es die uns auffälligen Reproduktionsinhalte vermuten lassen, und wenn man zweitens berücksichtigt, daß die zu einer Reproduktion gehörigen Gefühle weit schneller in den Blickpunkt des Bewußtseins treten als die sie auslösenden Vorstellungen: Sehr oft überflutet uns ein scheinbar unbegründetes Gefühl, und wenn wir rückschauend das Bewußtsein absuchen, finden wir bisweilen einen eben angeklungenen Namen u. dgl., der das Lust- oder Unlustgefühl mit sich gebracht hat. Die Bedeutung der Vorstellungen als Gefühlserreger wächst nun beim Menschen beträchtlich durch seine Fähigkeit zur Beziehungserfassung. Nehmen wir an, es seien ihm zwei Vorstellungen von verschiedenen unlustvollen Sachverhalten gegenwärtig. Nur auf Grund ihrer Gleichzeitigkeit in einem Bewußtseinszustand würden sie sich vielleicht nicht allzu eng miteinander verknüpfen. Erfaßt das Individuum aber ihre Ähnlichkeit oder sonstige Beziehungen zwischen den beiden Sachverhalten, so werden sie fest miteinander assoziiert. Verknüpft sich mit beiden noch der gemeinsame Name „Unglück“, so ist später dieses Wort imstande, den Gefühlston beider Vorstellungen wachzurufen. So gleicht also das Gefühl einem Strome, der um so gewaltiger ist, je zahlreicher die Flüsse und Bächlein sind, die in ihn münden.
Wenn wir keine elementaren höheren Gefühle anerkennen, sondern die Empfindungen die Quellen, die Empfindungskomplexe die Staubecken aller Gefühle sein lassen, so ist damit auch die Einteilung aller Gefühle für uns gegeben: Die nur durch Empfindungskomplexe ausgelösten Gefühle bezeichnen wir als niedere, während höhere Gefühle alle jene sind, bei denen eine Beziehungserfassung ein neues Staubecken anschließt und eröffnet. So hat der Komplex „Mutter“ seine eigenen Gefühlsmassen. Ebenso der Komplex „Totsein“. Die Beziehungserfassung: Mutter ist tot, bewirkt aber nicht nur eine Summierung beider Gefühlsmassen, sondern öffnet das Staubecken „Verlust“. So denken wir uns, in grober Schematisierung dargestellt, das Zustandekommen der höheren Gefühle.
Auch die höheren Gefühle zerfallen in qualitativer Hinsicht nur in die beiden Hauptgruppen der Lust- und Unlustgefühle, an die sich allenfalls noch die gemischten Gefühle anreihen. Mustert man die Beziehungserfassungen, durch welche eine Gefühlsmasse relaisartig angeschlossen wird, so scheinen es nur zwei Arten zu sein: entweder erfaßt man die mögliche Förderung bzw. Beeinträchtigung des Subjektes durch einen Gegenstand, oder die tatsächliche, sich vollziehende oder schon erfolgte Förderung bzw. Beeinträchtigung. Die erste Art der Beziehungserfassung begründet die Wert-, Unwertgefühle, die zweite die Gewinn-, Verlustgefühle, wie wir der Kürze halber sagen wollen. Man darf wohl annehmen, daß die Erfahrung uns einen größeren Vorrat an Gefühlsmassen für die letztere Beziehungserfassung zu Gebote stellt. Alle vier Gefühlsarten können nun aus Ursachen, die später zu besprechen sind, vorübergehend oder dauernd sein. Weiterhin können sie durch untergeordnete, aber recht charakteristische Begleiterscheinungen ausgestattet sein. Es können Empfindungen, insbesondere Organempfindungen, und vasomotorische Veränderungen hinzutreten, ferner Instinktbewegungen, unwillkürliches und willkürliches Streben, unwillkürliche und willkürliche Ausdrucksbewegungen. Überdies können diese Begleiterscheinungen, insoweit sie nicht willkürlich sind, sich auch mit den niederen Gefühlen verbinden. Es ergäbe sich also folgendes Schema:
| Niedere Gefühle | Höhere Gefühle | |||||
| Lust | | aus Empfindungen | Wert-, Unwertgefühle | |||
| Unlust | und Empfindungs- | Gewinn-, Verlustgefühle | ||||
| Gemischte G. | komplexen | Gemischte Gefühle | ||||
| Verbinden | | 1. | miteinander | |||
| 2. | mit | Organempfindungen | ||||
| 3. | „ | Instinktreaktionen | ||||
| 4. | „ | unwillkürl. Streben | ||||
| 5. | „ | willkürlichem Streben | ||||
| 6. | „ | unwillkürlichen Ausdrucksbewegungen | ||||
| 7. | „ | willkürlichen Handlungen | ||||
| 8. | „ | Empfindungen bzw. Einsichten, die selbst nicht gefühlsbetont sind.[9] | ||||
3. Bemerkenswerte Arten der Gefühle
Mit Recht stellt man Schein- oder Phantasie- und Ernstgefühle gegenüber. Es ist nicht das gleiche, ob man sich über Ereignisse in der Phantasiewelt oder über solche in der Wirklichkeit freut oder abhärmt. Es kehren hier übrigens dieselben Betrachtungen wieder, die bei dem Problem Wahrnehmung — Vorstellung angestellt wurden. Der ursprüngliche Zustand ist weder Schein noch Wirklichkeit, sondern einfachhin die Gegebenheit. Alle Gefühle, die diese Gegebenheiten auslösen, sind echt: der seelische Schmerz im Traum des Erwachsenen übertrifft, da alle Hemmungen wegfallen, den im Wachzustand erlebten oft ganz beträchtlich. Das Problem der Schein- und Ernstgefühle besteht hier also noch nicht. Erst wenn wir Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden gelernt haben, sind wir fähig, Scheingefühle zu erleben. Die erkenntnismäßige Grundlage der Ernstgefühle sind dann echte Beziehungserfassungen, die der Scheingefühle nur Annahmen. Darum kann auch niemals ein Scheingefühl dem Ernstgefühl gleichkommen, weil ihm der nur durch eine echte Sachverhaltserfassung mögliche Anschluß neuer Gefühlsmassen versagt bleibt. Und doch enthalten die Scheingefühle mehr als die algebraische Summe der zugrunde liegenden Empfindungskomplexe. Woher dieser Überschuß? Mit den höheren wie mit den niederen Gefühlen verbinden sich gewisse Verhaltungsweisen: man senkt den Blick bei Trauer, erhebt das Haupt bei Freude u. ä. m. Diese Verhaltungsweise lernen wir durch die Erfahrung kennen und führen sie willkürlich ein, insoweit sie sich nicht rein assoziativ von selbst einstellt. Diese Verhaltungsweise selbst aber ist wiederum assoziativ mit Vorstellungen von demselben Gefühlston verbunden: so oft wir diese oder jene Verhaltungsweise einschlugen, beschäftigten uns ja fröhliche oder traurige Dinge.
Unter den Verhaltungsweisen, die sich an Lust oder Unlust anschließen, sind viele angeboren, manche sind sogar eigentliche Instinkte, nur wenige sind anerzogen oder gar von dem Subjekt absichtlich gewählt. Die Verbindung der Empfindungskomplexgefühle mit angeborenen Verhaltungsweisen oder Instinkten täuschen nun die Wesensgleichheit gewisser höherer menschlicher Gefühle mit denen der Tiere vor: ein Hund scheint sich in gleicher Weise zu freuen und zu fürchten wie ein Mensch. Und doch dürfen wir ihm nach unserer Sprechweise keine höheren Gefühle zuschreiben. Es fehlt ihm eben die Beziehungserfassung, welche Freude oder Trauer begründet erscheinen läßt und darum dem Erlebnis neue Gefühlsströme zuleitet. Es ist darum auch das Gefühlsleben der Tiere höchstwahrscheinlich weniger tief als das der Menschen, wenn schon die zu Lust und Unlust gehörenden Instinkte sich hemmungsloser und darum auch lebhafter austoben als beim Menschen. Das Kind nähert sich in dieser Beziehung mehr dem Tiere.
Starke Gefühle, verbunden mit einer Störung des normalen Vorstellungsverlaufes und begleitet von merklichen körperlichen Veränderungen, nennt man Affekte, die passiones der Alten. Der Affekt setzt mit einem Gefühlsstoß ein, dann wird er zumeist stumm, die Vorstellungen werden für Augenblicke gehemmt, um dann bei Lust rascher zu verlaufen und bei Unlust gehemmt zu bleiben. Bei Lustgefühlen ist sodann ein Steigen, bei Unlust ein Sinken der Pulse zu beobachten. Bei manchen Affekten steigert sich die Muskelspannung (sthenische Affekte), so beim Zorn, während sie beim Schreck gehemmt wird (asthenischer Affekt). Bei sthenischen Affekten erhöht sich nach Wundt das Volum der Blutgefäße, die Pulse sind kräftig, die Atmung heftig und unregelmäßig. Im asthenischen Affekt hingegen erscheint die Atembewegung beschleunigt und flach, die Pulse herabgesetzt, das Gesamtvolumen der Gefäße verringert. Einzelne Affekte haben zudem noch ganz charakteristische Begleiterscheinungen, so die Furcht das Herzklopfen, starker Schreck die Erschlaffung der Muskeln.