Noch weiter entfernt sich vom normalen Zustand die Depersonalisation, die Entfremdung des Ich. Jeder einzelne ist an eine gewisse Summe ziemlich gleichbleibender Körperempfindungen und der durch diese bedingten Gefühle gewöhnt. Zusammen mit dem begrifflichen Wissen von unserem Ich und seiner Identität in der Zeit sind sie daran schuld, daß das Ich unserer Auffassung, das „persönliche“ Ich, sich nicht mit jeder neuen Wahrnehmung ändert. Das wird anders bei sehr großartigen und überraschenden Wahrnehmungen. Ein ergreifendes Schauspiel, eine überwältigende Landschaft, ein neuer weitgespannter Gedankengang vermag die Summe der gewohnten Empfindungen in den Hintergrund zu drängen: wir fühlen uns dann als andere Menschen, „wie ausgewechselt“. Ein noch stärkerer Eindruck wird erzielt, wenn die sonst konstanten Körperempfindungen verändert werden. Wasser im Gehörgang, Ohrensausen u. dgl. geben uns schon eine Ahnung von diesem Zustand, wenngleich diese umschriebenen Störungen nach einiger Zeit überwunden werden. Ändert sich jedoch die konstante Empfindungsmasse in höherem Grade, so kommen wir uns selbst als andere vor, leben wie in einer andern Welt, sehen alles wie durch einen Nebel. Man kann heute noch nicht angeben, welche Empfindungen insbesondere in Mitleidenschaft gezogen werden müssen, damit dieser Zustand eintritt. Man hat an die Organempfindungen, an die uns stets begleitenden Reproduktionstendenzen bzw. ihre Spiegelung im Bewußtsein und namentlich an Gefühle (Österreich) gedacht. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird nicht die Alteration einer bestimmten Empfindungs- oder Gefühlsgruppe die Depersonalisation bewirken, sondern der Ausfall, die Änderung oder vielleicht auch die Vermehrung der konstanten Empfindungen, die wir an unserem „persönlichen“ Ich gewöhnt sind, muß in irgendeiner Weise ein bestimmtes Maß erreichen, damit wir uns als andere Menschen fühlen.
Würden die Bewußtseinsinhalte in einem Subjekt sämtlich verändert — womit zugleich die Reproduktion der früheren Zustände praktisch wegfiele —, so wäre zwar das substantielle Ich dasselbe geblieben, das persönliche (und oft auch das gesellschaftliche) Ich des zweiten Zustandes hingegen wäre ein völlig anderes geworden, ohne sich jedoch dieser Spaltung bewußt werden zu können. Lassen wir nun dem Ich einen kleinen Teil seiner konstanten Empfindungen, geben ihm aber im übrigen einen neuen Bewußtseinsinhalt und erschweren ihm die Reproduktion des früheren Bewußtseinsinhaltes, so ist das persönliche Ich dieses Menschen gespalten. Je nachdem er sich nun in dem einen oder in dem anderen Bewußtseinsinhalt bewegt, wird er ein anderer Mensch sein, eine andere Rolle spielen. Und er wird sich der Spaltung seines Ich bewußt werden, sobald ihm irgendwelche Erinnerung an den andern Zustand möglich ist. Wenn diese Bedingungen zu verwirklichen sind, dann muß es nicht nur ein Doppel-Ich, sondern ein drei-, vier- und mehrfaches Ich geben können. In der Tat weist die Pathologie solche Fälle auf. Verändert eine Krankheit die Organempfindungen wesentlich, so beginnt der Kranke ein neues Bewußtseinsdasein, zumeist mit völliger Erinnerungsunfähigkeit (Amnesie) für die Zeit vor der Erkrankung. Ähnliches läßt sich durch Hypnose erzielen und bei Hysterischen auch durch mehr oder weniger freiwillige Autohypnose. Wie ein Schauspieler willkürlich eine von ihm einstudierte Rolle geben kann, so geraten jene Kranken unwillkürlich in eine der Rollen hinein, die ihnen aus ihrer Erfahrung, ihrer Romanlektüre oder ihren Träumereien geläufig ist, doch mit dem Unterschied, daß der Schauspieler sich jeden Augenblick auf sein bürgerliches Ich besinnen kann, während dem Kranken infolge der Konstellation der Rückweg verlegt ist, wie auch der Normale nicht ohne weiteres von einer Melodie in eine beliebige andere übergehen kann.
Literatur
K. Österreich, Phänomenologie des Ich. I. 1910.
ZWEITER ABSCHNITT
Die höheren Gefühle
1. Kap. Die Vergleichung
1. Eigenart der höheren Gefühle
Als elementare Gefühle hatten wir Lust und Unlust kennen gelernt. Nur wenige Psychologen setzen außer diesen beiden noch andere niedere Elementargefühle an, und auch sie beschränken deren Zahl zumeist auf einige wenige. An höheren Gefühlen dagegen werden immer eine fast unübersehbare Menge aufgezählt: Liebe, Haß, Furcht, Vertrauen, Kindesliebe, Elternliebe, Gottesliebe, ästhetische, logische, religiöse, soziale Gefühle usw. So wenig es gelingt, diese Mannigfaltigkeit auf einige Fundamentalgruppen zurückzuführen, so scharf lassen sie sich von den niederen Gefühlen absondern: Lust und Unlust schließen sich völlig grundlos an bestimmte Empfindungen an. Es hat innerhalb der psychologischen Betrachtung keinen Sinn zu fragen, warum uns eine Farbe angenehmer sei als eine andere, warum gewisse Klänge lustvoller sind als andere. Das sind letzte Tatsachen. Auch die Zuträglichkeit eines Reizes gibt dafür keine psychologische Erklärung, allenfalls eine teleologische; denn vor jeder Einsicht in die Zuträglichkeit oder Unzuträglichkeit eines Reizes und selbst wider eine solche Einsicht vermag er eine lust- oder unlustbetonte Empfindung zu wecken. Anders bei den höheren Gefühlen. Sie erscheinen, von seltenen Ausnahmen abgesehen, immer als begründet.
Ihre Erscheinungsweise hat Bain gegenüber den niederen Gefühlen treffend gekennzeichnet. Sie steigen langsamer an als die sinnlichen Gefühle; hängen stark von der herrschenden Stimmung ab; sind leichter willkürlich zu unterdrücken; enthalten mehr Reproduktionen und sind gewissermaßen ausgedehnter und unschärfer als jene, darum auch leichter und länger zu ertragen. Die Richtigkeit dieser Bemerkungen leuchtet sofort ein, wenn man einen körperlichen mit einem seelischen Schmerz vergleicht.