Monate vergingen. Richter schien in Rom am Ziel seiner Wünsche. Natur und Kunst boten im alles, was er für sein Studium brauchte; auch fand er Kunstgenossen und Freunde genug. In der Tat, er war glücklich. Und doch, was war das für ein Heimweh in seiner Brust? Warum überwältigte ihn zuweilen das Gefühl, als ob ihm alles fehle? Und er kam sich vor wie ein einsamer Schiffer, der ohne Steuer und Kompaß von Wind und Wellen getrieben wird, am Himmel Nacht und kein leuchtendes Sternlein. Da fiel im einst ein merkwürdiges Buch in die Hand: Stillings Jugend- und Wanderjahre, darin fesselte ihn ein Wort und traf ihn ins Herz; es lautete: »Wenn der Mensch nicht dahin gelangt, daß er Gott mit einer starken Leidenschaft liebt, so hilft ihn alles nichts, und er kommt nicht weiter.«
Aber wie sollte er zu solcher Liebe gelangen? Diese Frage bewegte ihn unausgesetzt viele Tage lang. Und Gott sandte ihm einen Freund zur Hilfe. Ein junger Maler, Ludwig von Maydell war aus Schweden kürzlich nach Rom gekommen. Richter fühlte sich sogleich wunderbar zu dem schlichten, festen, fleißigen Manne hingezogen. Am Sylvesterabend des Jahres 1824 hatte er ihm versprochen von 10 Uhr ab bei ihm zuzubringen. Zur verabredeten Stunde suchte er ihn auf und findet ihn nicht gleich. Schon lenkt er seine Schritte in die nächste Straße wo viele junge Künstler sich zu einem lustigen Feste versammelt hatten; schon erblickt er die leuchtenden Fenster und hört ihren Gesang, da schaut er nochmals zurück zu den beiden Dachfenstern, hinter denen der ernste Freund wohnte. Ein geheimer Zug des Herzens entschied für diesen. Er versuchts noch einmal, dringt durch das Dunkel der schmalen Gänge und Treppen durch und findet Maydell in der Küche, den Tee bereitend. Lachend über Richters Irrfahrt, führt er ihn in die Stube, wo noch zwei andere junge Maler warteten. Bald saßen die vier bei traulichem Gespräche um den Tisch. Zuletzt um Mitternacht las Maydell auf Bitten der andern den 8. Psalm.
»Wenn ich schau den Himmel, Deiner Finger Werk,
Den Mond und die Sterne, die Du bereitet, –
Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest,
Und das Menschenkind, daß Du Dich sein annimmst?«
Aus den einfachen warmen Worten, die die Freunde daran schlossen, merkte Richter, daß sie hatten, was ihm noch fehlte: Der Glaube an Gott und Christum war der Mittelpunkt ihres Lebens und Strebens. Stillbewegt hörte er zu. In dieser Nacht ging eine große Umwandlung mit ihm vor. Als die Freunde zum Schluß den alten schönen Choral anstimmten: Nun danket alle Gott – da konnte auch unser Ludwig Richter freudigen Herzens mitsingen. Und als am Neujahrsmorgen die Sonne ihre ersten Strahlen in Richters Kämmerlein sandte und der Ton des Morgenglöckleins vom benachbarten Kirchlein in sein Fenster drang – erwachte er aus tiefem Schlafe mit dem Gefühl eines unaussprechlichen Glückes, das ihm zu Teil geworden, Friede und Freude erfüllte sein Herz, er fühlte sich wie neugeboren und es war ihm als müsse er die ganze Welt an sein Herz drücken. Wie ein Blitz durchdrang ihn das Bewußtsein: »ich habe Gott, ich habe meinen Heiland gefunden, nun ist alles gut, nun ist mir ewig wohl.«
Es läßt sich denken, daß er von da an mit Maydell durch innigste Freundschaft verbunden blieb bis an sein Ende. Zeitlebens hat er Gott gedankt für den Schatz, den er damals bei jenem Freunde gefunden. Im Alter schrieb er einmal am Sylvesterabend in sein Tagebuch: Heut um die Mitternacht wird es fünfzig Jahre, ein halbes Jahrhundert, daß ich in Rom mit Maydell beisammen war und mir in der Finsternis, die mich mit Bangen erfüllte, ein helles Licht ausging. In jener Nacht fand ich den Weg zu Gott und zu unserm Herrn Jesu Christo.