Von einschneidender Bedeutung für Ludwigs Zukunft sollte ein Mann werden, der scheinbar zufällig und wider Willen in das Richtersche Haus geführt ward. Der Buchhändler Christoph Arnold wollte jemand anders im gleichen Haus besuchen und kam irrtümlich an die Tür des Zimmers, wo Vater und Sohn bei ihren Zeichnungen saßen. Da er den Vater aus früherer Zeit kannte, so trat er ein und verweilte ein wenig. Während er sich mit dem Vater unterhielt, beobachtete er den Sohn mit einem eigentümlichen Interesse, das diesem auffiel, erkundigte sich auch nach seinen Verhältnissen und Arbeiten. Schließlich bestellte er für ein Werk, das er herausgeben wollte, eine größere Folge malerische Ansichten von Dresden und Umgebung und wünschte ausdrücklich, daß auch Ludwig bei der Aufnahme und Ausführung der Zeichnungen mitarbeiten solle; er sehe, daß er Geschmack habe, nach der Natur zu zeichnen.
Dieser ehrenvolle und gute Bezahlung versprechende Auftrag war Vater und Sohn sehr willkommen. Im Weggehen reichte der freundliche Buchhändler Ludwig mit Tränen in den Augen die Hand. Draußen erklärte er dem verwunderten Vater, er sei durch Ludwigs Anblick an seinen unlängst verstorbenen Sohn, dem er ähnlich sehe, aufs lebhafteste erinnert worden, und schloß daran den Wunsch, daß doch Ludwig einen bestimmten Abend allwöchentlich in seiner Familie zubringen möchte. Der junge Richter wurde in dem wohlhabenden Hause bald heimisch; er fühlte sich ganz wie ein Sohn behandelt, und fand besonders auch für seine künstlerischen Arbeiten und Pläne das liebevollste Interesse. Vater Arnold war es auch, der im geeigneten Moment zu seiner weiteren Ausbildung die Hand bot und die Mittel gewährte.
Für einen künftigen Maler ist es freilich die Hauptsache, daß er hinauskommt aus seinem engen Bereich in die weite schöne Gotteswelt, wo das Auge neue Bilder, das Gemüt mannigfaltige Eindrücke aufnehmen kann. Wie schlug daher unserm jungen Künstler das Herz, als im Jahre 1820 plötzlich die Frage an ihn erging, ob er nicht Lust habe, den reichen russischen Fürsten Narischkin auf einer Reise nach Frankreich, England, Italien zu begleiten. Der Fürst war Oberkammerherr der russischen Kaiserin, reiste mit großem Gefolge in der Welt herum und wünschte dazu auch einen Maler bei sich zu haben, der ihm überall Skizzen nach der Natur aufnehmen könne. Neben freier Verpflegung und Reise sollte Richter noch ein Jahresgehalt von 100 Dukaten dafür erhalten. Sein Glück war groß und sein Ziel, doch einmal ein Landschaftsmaler zu werden, schien ihm viel näher gerückt.
Im November machte sich die Gesellschaft um Mitternacht in mehreren Reisewagen auf den Weg; von Dresden ging es über Weimar, Frankfurt, Heidelberg, Karlsruhe nach Straßburg und von da über Lyon immer weiter südwärts. Ludwig hatte überall Muße, die schönsten Ansichten aufzunehmen, und der Fürst ermunterte ihn, sie gleich recht sorgsam auszuführen, denn er beabsichtigte ein Album daraus zusammenzustellen und es der Kaiserin zu verehren. Was war das für ein Genuß, als unser Freund, der früher kaum über sein Dresden hinausgekommen war, nun mitten im Winter durch das Land der Zypressen und Lorbeeren, der Oliven- und Mandelbäume dahinfuhr und plötzlich in Marseille von der Höhe herab auf das weite Meer hinschaute, auf dessen wundervollem Blau eine Unzahl weißer Segel wie ausgestreute Blütenflocken erglänzten.