Der Fürst war von Ludwigs Kunst sehr angetan, lobte seine Bilder und bezeigte ihm öfter seine Gunst. Einmal umarmte er ihn sogar vor einer großen Gesellschaft und erklärte, er habe ihn lieb wie seinen eigenen Sohn. Ein andermal überreichte er ihm eine goldene Repetiruhr und bat, dieselbe als ein Zeichen seiner Erkenntlichkeit und Zufriedenheit zu nehmen. Allein es gibt nichts unbeständigeres als die Gunst der Großen, das sollte auch unser junger Freund erfahren. Eines Tages hatte er in Marseille eine majestätische Piniengruppe, hinter welcher eine Pyramide emporstieg, und das blaue Meer sich dehnte, aufs Papier gebracht. Täglich arbeitete er angestrengt an seinen Zeichnungen, während die andern sich ganz dem Genusse der schönen Natur hingaben. Als er beim Nachmittagskaffee dem Fürsten seine Blätter vorlegte, bemerkte er sogleich seine üble Laune; und diese loderte beim Anblick der Pinienlandschaft auf in den häßlichsten Zorn: »Fort, fort, nehmen Sie es weg, ich mag nichts sehen; gehen Sie fort!« Damit wandte er sich heftig ab. Bestürzt legte Richter seine Mappe bei Seite, ohne sich den Unmut des Fürsten erklären zu können.

Ein freundlicher Herr des Gefolges löste ihm nachher das Rätsel. Die Pyramide, ein Grabmal! hatte den Fürsten an den Tod erinnert, und es erschien ihm als ein böses Vorzeichen, daß der Maler für das Album ein solches Bild gewählt hatte. Vom Sterben wollte der Fürst wie viele andere haltlose Menschen, nichts wissen; wehe dem, der ihn irgendwie daran erinnerte!

Von Stund an war Richter in Ungnade gefallen bei der russischen Durchlaucht, und auch die übrige Gesellschaft wandte sich kalt von ihm ab; nur der freundliche Arzt machte eine Ausnahme.

Sie haben dann auch in Paris noch einige Wochen geweilt. Was für bunte Bilder gab es erst dort zu schauen; was für üppige Lust lockte dort von allen Seiten, manchen unschuldigen Jüngling schon hatte sie in ihren Strudel gezogen. Unser Maler aber war gefeit durch einen Begleiter, den er zwar nicht erwählt, den er sogar gerne weggeschickt hätte, welcher aber Engeldienste versah: das war die Armut; und so kam er unversehrt nach Hause zurück, nach siebenmonatlicher Abwesenheit. Als er in Leipzig seinen ausbedungenen Künstlerlohn in 100 goldenen Dukaten vor sich auf dem Tisch blinken sah, nicht ohne einige freundliche Worte des Fürsten, da dünkte der junge Maler sich so reich wie noch nie, schenkte den Kindern, die im Grünen draußen spielten eben am Johannistage, gleich einige Silbermünzen und jubelte dabei in seinem Herzen: ich bin wieder frei! Die schöne Uhr, die er vom Fürsten erhalten, brachte er dem Vater von der Reise mit. Er selbst war um viele Erfahrungen reicher geworden und seinem Ziele ein gut Stück näher gekommen.


5. Ludwig Richter findet einen Schatz.

Richter konnte fortan sein Brot selbst verdienen. Er machte weitere Zeichnungen für Papa Arnold. Dazwischen brachte er seine ersten Ölbilder auf die Leinwand und studirte was er konnte, um sich fortzubilden. Sein großer Wunsch stand nach Italien, dem Sehnsuchts- und Heimatsland aller Künstler. Dort meinte er, müsse ihm eine große, letzte Förderung erblühen.