Diesen starken inneren Anhalt an Mann und Söhne brauchte die junge Frau aber auch. Im Hause saß ihr der Unfriede. Die Mutter der verstorbenen, liebenswürdigen und begabten Frau tat der zweiten Gattin, wie es in alten Volkserzählungen heißt, wirklich alles gebrannte Herzeleid an. Sie erschwerte ihr das Leben in dem düsteren Hause der engen Gasse, und draußen lauerte das Grauen; denn die Aussicht, die Henriette Goldschmidt hatte, wenn sie einmal an das Fenster trat, war das Gefängnis. Die Prügelstrafe war damals ein Hauptbesserungsmittel des zaristischen Rußland, und das Schreien der armen Opfer gellte in die düstere Wohnung hinein.

Glücklicherweise gab es ein schönes geistiges Miteinander der Gatten; in Dr. Goldschmidts Bücherei standen die deutschen Klassiker, stand manch verbotenes Buch der vierziger Jahre. Gleichgesinnte Freunde fanden sich und an manchem Abend ertönten hinter fest verschlossenen Fenstern die deutschen Freiheitslieder. Da wurden mit verteilten Rollen Schillers Werke gelesen und alles in allem, trotz den schweren äußeren Verhältnissen, brachte das Leben in Warschau Henriette Goldschmidt doch auch wieder innere Bereicherung. Eine harte Schule hat sie es selbst genannt. „Einen Höllentraum konnte man mein Leben in Warschau nennen und wiederum ein harmonisch schönes Leben. Daß aber diese Mischung den Wunsch in mir rege erhielt, den Boden zu verlassen, auf dem ich niemals heimisch werden konnte, war natürlich.“

Noch die Greisin hegte eine Abneigung gegen Warschau, und als einmal jemand die Schönheit der Stadt rühmte, sagte sie mit leisem Lächeln: „Sie haben aber nicht unter Nikolaus I. gegenüber dem Gefängnis gewohnt.“ Dieser Eindruck blieb ihr unauslöschlich, und immer sagte sie, längst vor dem grauenvollen Schicksal Rußlands: Man müßte dies Land zerschlagen, ein solches Riesenland unter einem Herrscher ist eine Unnatur. Sie müßten dort jedesmal ein Genie, einen Titanen als Herrscher haben, wenn es einigermaßen erträglich sein sollte. Und sie führte oft das bittere Wort ihres Mannes an: „Es ist furchtbar, in einem Lande zu leben, in dem man sein Recht nur durch das Unrecht der Bestechung erlangen kann!“

Nach reichlich fünfjährigem Aufenthalte schlug der Familie die Stunde der Erlösung. In den Erinnerungen heißt es: „Und wie ein Wunder erschien es mir, als nach fünf Jahren meines Aufenthaltes in Warschau mein Schicksal die Wendung nahm, nach der auch mein Mann sich sehnte. Es war das bedeutendste, folgenreichste Ereignis meines Lebens, als er den Entschluß faßte, die Stellung eines Predigers bei der israelitischen Gemeinde in Leipzig zu übernehmen. Als wir die Grenze überschritten hatten, das unter dem zaristischen Drucke seufzende Land hinter uns liegen sahen, war es mir, als hörte ich das erste Bundeswort am Sinai: ‚Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich geführt hat aus Ägypten, dem Lande der Knechtschaft, in ein freies Land!‘“

4. Die ersten Jahre in Leipzig.

Es ist Henriette Goldschmidt immer bedeutungsvoll erschienen, daß sie gerade im Schillerjahr 1859 nach Deutschland zurückkehren konnte. Freilich in einem wirklich freien Lande lag Leipzig, in das die Familie gerade im Trubel der weltberühmten Messe einzog, auch nicht. Aber befreit fühlten sich die Gatten mit ihren drei Söhnen doch, es war das ein andres At men; Henriette Goldschmidt schrieb darüber: „Zwar ein Land der Freiheit konnte man Deutschland am wenigsten in den fünfziger Jahren nennen, denn dem Jahre 48 folgte die Zeit der Reaktion auf dem Fuße. Jede freie Regung wurde unterdrückt, die besten Männer wurden als Verbrecher ins Gefängnis gesetzt oder sie entzogen sich dem durch die Flucht ins Ausland. Doch nicht schlaff und feige ließ man die Machthaber gewähren; der Kampfplatz, den das Jahr 1848 geschaffen hatte, blieb nicht ohne Kämpfer. Nur die Waffe wurde gewechselt, mit der Waffe, die das Volk von ‚Gottes Gnaden‘ erhalten, mit den Worten seiner Denker und Propheten führte es den Kampf.“

1859 rüstete sich ganz Deutschland, Großstädte und Kleinstädte, ja selbst einsame Landgemeinden zur Jubelfeier von Schillers hundertstem Geburtstag. Und wenn es auch da und dort etwas wie in Raabes Dräumling damit aussah, echte, aus dem Herzen quellende Begeisterung war es doch überall. Henriette Goldschmidt hat den Jubel des Jahres tief innerlich empfunden; sie konnte wohl später mit heiterem Lachen von dem Jüngling erzählen, der bei einer Feier pathetisch ausgerufen hatte: „Wir winden ihm einen Lorbeerkranz aus Veilchen und Rosen,“ und von dichterischen Entgleisungen wie dem Vers:

„Schillers Glocke, Schillers Locke,

Schillers Faust und Schillers Tell“ –

Aber doch war ihr Herz, ihr ganzes Sein erfüllt von dem Erleben dieses Jahres, sie tauchte hinein wie in eine Kraftquelle nach der trüben äußeren Gebundenheit ihrer Warschauer Tage. „Wer damals jung und doch alt genug war“, schreibt sie, „um die Zeichen der Zeit zu verstehen, der mußte am 10. November 1859 den Nachklang des 18. März vernehmen. Es war der deutsche Volksgeist, dem eine Begeisterung für Völkerfreiheit, Menschenliebe, für alles Ideale entströmte, die jeder Beschreibung spottet.