Dem Dichter des hohen Liedes ‚An die Freude‘ galt das Fest – ihm, der selbst freudetrunken in dem Glauben an die Verwirklichung seiner Ideale uns alle mit diesem Zaubertranke berauschte. Es war ein Rausch in dem Sinne, daß er zeigte, was der Trunkene fühlt und denkt. Viele der Männer, die 49 im ersten deutschen Parlament gesessen, waren Festredner bei den öffentlichen Versammlungen. Jakob Grimm und neben ihm die ‚wahrhaft Edlen‘ der Nation gaben Zeugnis von dem Zusammenhang des Volksgeistes mit seinem dichterischen Genius. Man hörte weniger Literarisches, man fühlte nur den Verkünder, den Propheten, den Erlöser, der dem von der Reaktion zurückgedrängten Streben nach Freiheit Worte verliehen hatte.
Als ich in mitternächtiger Stunde des 9. November auf dem Marktplatz in Leipzig mit nur wenigen Bekannten stand und die Hülle von dem hochaufgerichteten Standbild Schillers fiel, da war es mir, als hörte ich die Worte des jetzt längst vergessenen Dichters Karl Beck:
‚Lächle nur, du Mann im Leichenhemde –
Die Freiheit naht – des Frühlings Herrlichkeit –
sie ist dein Zaubermädchen aus der Fremde‘.“
Mit Mann und Söhnen ging Henriette Goldschmidt auf die Leipzig umgebenden Dörfer, die Feiern des Volkes zu sehen; sie erlebte Großes, Erhebendes, sah heiter über unfreiwillige Entgleisungen hinweg, und als Rest blieb ihr doch das große tiefe Erleben. –
Sie feierte Schillers Geburtstag noch bis in ihre hohen Altersjahre hinein, ihr war der 10. November immer ein Abglanz von 1859, sie erlebte aber noch wehmütig ein Abebben der großen Begeisterung. Als ihr an einer dieser Feiern der Urenkel Schillers vorgestellt wurde, kam die Greisin ganz erschüttert von der großen Ähnlichkeit dieses Nachkommen mit „ihrem Schiller“ heim. Auch die Freude erlebte sie, daß die deutschen Frauen sich zusammentaten und zum 100. Todestage Schillers für die Schillerstiftung in Weimar sammelten und dieser über eine viertel Million zuführten. Sie war 1905 mit in Weimar als Ehrenvorsitzende des Schillerverbandes deutscher Frauen und saß bei Tisch neben dem – russischen Gesandten. Und wie Henriette Goldschmidt immer die Zusammenhänge zwischen den Ereignissen zu suchen pflegte, so erfaßte sie auch gleichsam die Schillerfeier von 1859 symbolisch, sie gibt ihren Eindruck in Beziehung zu ihrem Leben in den Worten Ausdruck: „Die Hundertjahrfeier von Schillers Geburtstag war für mich keine Episode, sie war ein Erlebnis. Zum ersten Male war ich als Bürgerin in einer wirklich deutschen Stadt. Ich hatte den Boden gefunden, der mir geliebter Nährboden gewesen war von Kindesbeinen an, ich fühlte den Pulsschlag des Geistes, der mich beseelte.“
Der hohe Aufschwung des Jahres, das sie nach Deutschland zurückgeführt hatte, hallte in Frau Henriette nach, und sie lebte sich rasch in die neuen Verhältnisse ein. Leipzig wurde ihr wirklich Heimat, sie wurde die Stadt ihres Wirkens, die sie nur noch für kurze Reisewochen verlassen hat. Zwischen dem Leipzig von damals und der etwa zehnmal größeren Stadt von heute war freilich ein gewaltiger Unterschied; die Greisin aber meinte oft, es wäre nur ein äußerlicher, ein auf Umfang und Zahl der Bewohner sich bezie hender Unterschied. Von dem Leipzig ihrer ersten Wohnjahre schreibt sie dankbar: „Leipzig war im Jahre 1859 noch eine recht kleine Großstadt, aber sie gehörte zu den bekanntesten Städten des In- und Auslandes. Es war eine Stimmung in ihr für die Lösung politischer, sozialer und kultureller Fragen. So kamen wir bald über den Kreis unserer damals kleinen Gemeinde hinaus in Beziehung zu anderen Kreisen. Ich fand das Wort: ‚Mein Leipzig lob’ ich mir, es bildet seine Leute‘ bestätigt. Während der ersten Tage unseres Aufenthaltes, in denen die Wohnungsnot so groß war, daß wir einige Zimmer, die für Meßfremde bestimmt waren, bewohnen mußten, verlangte die Aufwartefrau eines Tages eine Bürste von mir und anderes Gerät. Ich war betrübt, daß ich ihr damit noch nicht dienen konnte und sie sagte, meine Situation begreifend, mir Trost zusprechend: ‚Es wird Sie schon in unserem Leipzig gefallen, Leipzig ist die Stadt der Humanität.‘
Ich lief zu meinem Manne und fragte ihn: ‚Wovon wirst du sprechen, wenn die Scheuerfrau in Leipzig von Humanität spricht?‘ Ein zweites Wort, das eines Dienstmannes, sei noch erwähnt. Ich übergab ihm eine Anzahl von Dichter- und Denkerbüsten zur Ausschmückung eines Saales mit der Mahnung, recht vorsichtig zu sein; da sagte der Mann einigermaßen verletzt zu mir: ‚Ich werde schon vorsichtig sein, denn das sind jetzt unsere Heiligen.‘“
Ja selbst die größere Enge der Stadt war nach Warschau Henriette Goldschmidt sympathisch. Mann und Söhne – eigene Kinder blieben ihr versagt – teilten ihre Gefühle, auch sie lernten die Stadt bald als Heimat lieben.