Die ersten Jahre in Leipzig waren Lehrjahre für Henriette Goldschmidt; losgelöst von den östlichen Verhältnissen, begann sie nun in Mitteldeutschland Wurzel zu fassen und lernte vieles von einem anderen Gesichtswinkel aus anschauen. Manches, was ihr in Warschau nur eine Unfreude gewesen war, lernte sie jetzt als Genuß kennen, so Theater- und Konzertbesuche. Sie ist dann in der intensiven Arbeit ihrer späteren Jahre oft um diesen Genuß gekommen, brachte ihn ihrem Schaffen als Opfer dar; aber besonders der Besuch einer Gewandhausprobe blieb ihr noch bis in die letzten Lebensjahre, auch als sie schon die Neunzig überschritten hatte, eine tiefe Erbauung.
„Still bewegt“ nannte Henriette Goldschmidt später die Jahre des Einlebens. Es fand sich bald ein Kreis im demokratischen Geiste gleichgestimmter Menschen zusammen, dazu gehörten Professor Heinrich Wuttke und seine geistvolle Frau Emma, geb. Biller, auch Professor Roßmäßler; die Söhne brachten ihre jungen Freunde mit. Von auswärts kamen Gäste, deren Namen Klang und Ruf hatten. Adolf Stahr und Fanny Lewald kamen, Gutzkow war einmal ein etwas schweigsamer Gast, und mit Berthold Auerbach schloß das Ehepaar Freundschaft, sie verlebten gemeinsam ein paar schöne Sommermonate in Bad Kösen. Die Tischrunde bei Goldschmidts erfreute sich allgemeiner Beliebtheit unter den Freunden des Hauses, es ging damals und später immer noch einfach dabei her. Zu Festlichkeiten buk Frau Henriette wohl selbst einen Kuchen, und noch als Greisin erzählte sie von einer sogenannten Linzer Torte, die ihr immer besonders gut geraten sei. Sie war in diesen ersten Jahren in Leipzig nur Hausfrau und Mutter, war aber in allem auch die verständnisvolle Kameradin ihres Mannes und war wie einst seine Schülerin, so nannte sie sich selbst.
Wie sehr die Gatten aneinander Anteil nahmen, beweist eine kurze Notiz in den hinterlassenen Bruchstücken der Aufzeichnungen: Da heißt es aus den siebziger Jahren: „Mein Mann hatte die Einladung zur Einweihung des Lessing-Denkmals in Kamenz erhalten und folgte ihr mit Freuden. Professor Wuttke hatte die Fest rede übernommen und forderte meinen Mann auf, auch das Wort zu ergreifen. Obgleich unvorbereitet, sprach er, erfüllt von Verehrung und Dankbarkeit für den Dichter, der unser war von Kindheit an, in so begeisternder Weise, daß die ganze große Versammlung ihm zujauchzte. Diesen Moment nicht mit erlebt zu haben, ist mir lange Zeit schmerzlich gewesen.“ Doch Henriette Goldschmidt war kein Mensch, der sich mit dem Nurlernen begnügte, sie war im tiefsten Grund eine schöpferische Natur, war auf das Tun gestellt. Sie war auch zu sehr Eigenmensch, um nur in der Familie aufzugehen. Obwohl sie immer einen starken Familiensinn besessen hat, und so sehr sie immer ihre Stiefsöhne und später deren Kinder und Kindeskinder, ebenso die Kinder ihrer Geschwister als ihr zugehörig betrachtete, mit wie warmer Liebe sie auch alle umfing und wie glücklich sie sich auch in dem Leipziger Freundeskreis fühlte, ihre Natur verlangte die Tat. Das Hausfrauenleben allein erfüllte sie nicht, in ihr schlummerten Kräfte, die nach einer anderen Betätigung suchten, und in dieser Zeit des inneren Vorwärtsdrängens, des seelischen Unausgefülltseins lernte sie Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt kennen. Sie begann über die Stellung der Frau im Leben tiefer nachzudenken, und nicht viel später las sie die Schriften Friedrich Frö bels, lernte aus seinen Erziehungsideen und beides floß ihr zusammen, wurde ihr eine Einheit, sie fand den Weg dazu kraft ihres immer die gerade Linie suchenden Wesens, und so verschmolzen sich ihr in den kommenden Jahrzehnten anscheinend getrennte Ziele zu ihrem einen großen Lebensziel.
5. Schaffensjahre.
Luise Otto-Peters hatte 1848 den deutschen Frauen zugerufen: „Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!“ Aber anscheinend war der Ruf, ohne ein Echo zu finden, verhallt, und erst Anfang der sechziger Jahre fanden sich in Leipzig die Frauen zusammen, die erkannten, daß es für die Frauen selbst zuerst ein Reich der Freiheit zu suchen galt, um die Frau aus der engen Gebundenheit jahrhundertalter Vorurteile zu erlösen. Zu diesen Frauen: Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, gesellte sich noch Henriette Goldschmidt. Sie gründeten zusammen im Februar 1865 zuerst einen Frauenbildungsverein. Henriette Goldschmidt selbst stand so wenig unter einem persönlichen Druck, wie die beiden anderen Frauen; ihr Mann ließ ihr völlige Handlungsfreiheit und gerade darum empfand sie besonders tief das Unwürdige, das in der Stellung der Frau lag, die von jeder Teilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen war. Mit ihrer Schwester Ulrike (diese hatte inzwischen den Juristen Wilhelm Henschke geheiratet, nachherigen Präsidenten am Kammergericht in Berlin) hatte sie schon manchmal von der Enge gesprochen, in der viele Frauen leben mußten, besonders von der mangelhaften Vorbildung der Frauen zu ihrem eigentlichen Berufe der Mutterschaft.
Aber gerade weil Henriette Goldschmidt in einer harmonischen Ehe lebte und durch ihren Mann alle geistige Förderung erfuhr, ging sie anfangs nicht ganz mit den beiden anderen Frauen mit. Sie selbst erzählte, daß sie entrüstet heimgekommen sei, als die Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ beraten wurde, weil Luise Otto-Peters es abgelehnt hatte, Männer in den Vorstand zu wählen. Ihr Mann antwortete gelassen, dies wäre ganz richtig, denn wollten die Frauen selbständig werden, dann müßten sie vor allem auch selbständig ihren Weg zu finden suchen. Die Erkenntnis von der Wahrheit dieses Wortes kam der temperamentvollen Frau auch bald, und sie schloß sich enger an die beiden Frauen an, die am 18. Okt. 1865 nach Leipzig eine Konferenz deutscher Frauen einberufen hatten und trotz des geringen Interesses, das diese Versammlung fand, den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ gründeten und die Herausgabe eines Frauenblattes unter dem Titel: „Neue Bahnen“ beschlossen. Die neuen Ideen sollten durch Schriften und Vorträge verbreitet werden. Auguste Schmidt war schon eine geschulte Rednerin, Henriette Goldschmidt dagegen hatte noch nicht öffentlich gesprochen; ihr erster Vortrag war eine politische Aufklärung der Frauen. Sie erzählt davon: „Wir hatten bei unserer Übersiedelung nach Leipzig nur an die Rückkehr nach Deutschland gedacht, und da wir uns als Preußen fühlten, hatten wir keine Veranlassung, zu einem anderen Staate überzutreten. Der Krieg 1866 brach aus und brachte preußische Einquartierung. Ich hatte in meiner Wohnung keinen Platz und sagte zu meinem Hausmädchen, daß wohl die Hausmannsleute die Soldaten aufnehmen könnten. ‚Ach,‘ antwortete dieses, ‚wir können diesen Leuten die preußischen Soldaten nicht anvertrauen, die sind zu bissig.‘ Dabei erfuhr ich von ihr, daß sie selbst Preußin sei und ihr Bruder im preußischen, ihr Bräutigam aber im sächsischen Heere diene. Während ich noch über diese traurige Sachlage nachdachte, besuchte mich Luise Otto-Peters und forderte mich auf, einen Vortrag im Frauenbildungsverein zu halten. Als ich sie zögernd fragte, worüber ich eigentlich sprechen sollte, antwortete sie in ihrer sächsischen Mundart: ‚Nu, was Ihnen der Gänius eingibt.‘ Und ich sagte ihr zu und zu mir: Sprich von der politischen Lage Deutschlands und erkläre den Frauen aus dem Volke, soviel du es vermagst, die Ursachen dieses Bruderkrieges.
Es ist mir beim Niederschreiben dieser Zeilen ein eigentümliches Gefühl, daß mein erstes öffentliches Wort an die Frauen sich auf eine der politischen Fragen bezog, die mich früher beschäftigten, ehe ich an eine Frauenfrage und an die Erziehungsfrage dachte. Ich hielt meinen ersten Vortrag und schloß mit den Worten: ‚Nicht mit zu hassen – mit zu lieben sind wir Frauen da.‘“
Diesem ersten Vortrag schlossen sich bald andere an, die paar Frauen in Leipzig begannen ihre Kreise weiter und weiter zu ziehen, und die Schar der Anhängerinnen wuchs. Aus den Erzählungen einer freilich unberühmten, aber sehr gescheiten Frau weiß die Schreiberin dieses kurzen Lebensbildes, daß die Werbekraft der Reden Henriette Goldschmidts sehr groß war. Sie sprach so gut, mit einem so hinreißenden Feuer, daß in Leipzig das Gerücht entstehen konnte, sie schriebe für ihren Mann, der selbst ein guter und geistvoller Redner war, die Pre digten nieder. Sie selbst gab bescheiden Auguste Schmidt den Preis, diese wäre in hervorragender Weise des Wortes mächtig gewesen. Übrigens galt ihre größte verehrendste Liebe Luise Otto-Peters, zu deren fünfundzwanzigjährigem Schriftstellerinnenjubiläum sie einen Vortrag hielt (erschienen 1868 bei Matthes in Leipzig).
Von ihren ersten Vorträgen, die gedruckt wurden, seien im Anschluß genannt: „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870), „Die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ (1874 bei Amelang).
Zusammenhänge suchen, das war Henriette Goldschmidts stetes Bestreben, und alle ihre Vorträge haben etwas von diesem Suchen nach der großen Einheit in allen Erscheinungen. Immer war es auch die Idee, die sie packte, und mit noch jugendlich unerschöpfter Hingabe an die Idee der Frauenbewegung leistete sie ihre Werbearbeit. Die Geschichte dieser Werbearbeit ist in anderen Schriften schon niedergelegt und es ist hier nicht die Stelle, um Stadt für Stadt anzugeben, die die begeisterten Frauen friedlich zu erobern suchten. Es war nicht immer nur Erhebendes, was sie erlebten, auch starke Abwehr, Unverständnis wurden ihnen zuteil, es fehlte auch nicht an tragikomischen Szenen, die die alte Frau noch lebhaft zu schildern wußte. So setzte der Wirt in einer damals noch kleinen Stadt die mutigen Pionierinnen mit einer – Kunstreitergesellschaft, die im gleichen Ort gastierte, zusammen, weil er dies vermutlich für eine besonders passende Gesellschaft hielt. Da es schwer war, eine Aussprache in Fluß zu bringen, die Frauen sich meist scheuten, ihre Ansichten öffentlich zu sagen, hatten sich die Leipziger Veranstalterinnen bei einem auswärtigen Frauentag vorgenommen, aus ihrem Kreise selbst Fragen aufzuwerfen. Eine Weile hörten die Zuhörerinnen das mit an, endlich verließ eine Anzahl den Saal, sie sagten, „die sind sich ja selbst nicht einig, zu was sollen wir uns den Streit anhören.“