Der Krieg von 1870/71 fiel in die erste Zeit des Werbens und Kämpfens. Über diese Zeit hat Henriette Goldschmidt einige kurze Anmerkungen gemacht, es heißt da: „Deutschland unter Preußens Führung – der Staat, dessen ruhmreiche Geschichte ihm ein Recht zu dieser Stellung an Deutschland gab, es war, als stiege die Erfüllung, ‚schönste Tochter des größten Vaters‘, endlich zu uns nieder.“ Und weiter schildert sie ihre Arbeit in dem Kriegswinter: „Den Aufschwung, den die Volksseele erhalten, fühlten auch die Frauen. Er stärkte auch unsere Kraft für weitere Kämpfe auf unserem Arbeitsfelde. Es war im Kriegswinter 1870/71 und die Sorge um unseren zweiten Sohn, der als Arzt im Felde stand, machte auch mich ruhelos. Da faßte ich zur Ablenkung den Entschluß, eine zusammenhängende Reihe von Vorträgen über die Stellung der Frau in den alten Kulturländern zu halten. Ohne rechtes Bewußtsein der Kühnheit dieses Vorhabens, nicht geschützt durch die Tendenz unseres Vereins und seiner Bestrebungen, wagte ich es, in einer Kulturstadt wie Leipzig wissenschaftliche Vorträge zu halten, ohne eingehende Studien gemacht zu haben.“
Henriette Goldschmidt erarbeitete sich das Wissen für ihre Vorträge, sie vertiefte sich in das Frauenleben der Vergangenheit, fand nicht überall Verbesserung in der Gegenwart, sondern eher eine Niedrigerstellung der Frau bei manchen Völkern. Ihre Vorträge fanden großen Anklang, das stärkte ihre Zuversicht und ihren Mut, und sie hatte die Kühnheit, Forderungen aufzustellen in ihren weiteren Vorträgen, wie sie damals noch ganz ungewöhnlich waren, so den in der Einführung wiedergegebenen Ruf nach „Müttern der Stadt“; sie war es aber auch, die zuerst davon sprach, jede Frau hätte die Pflicht, ein Jahr dem Staate zu dienen und soziale Arbeit zu leisten.
In der gleichen Zeit, da Henriette Goldschmidt an ihren Vorträgen schrieb, fand sie ihr zweites großes Arbeitsgebiet, eins, das sich ihr innerlich stets mit ihrer Pionierarbeit in der Frauenbewegung verband, weil es sich auf die Erziehung der Frau zu ihrem mütterlichen Beruf bezog; denn Henriette Goldschmidt hielt von Anfang an den erziehlich mütterlichen Einfluß der Frau für das Besondere, was die Frau ihrer innersten Veranlagung nach im Staatswesen zu leisten hatte. Sie schreibt: „Während meiner Arbeit an den Vorträgen wurde ich immer mehr in der Meinung bestärkt, daß die Frauenfrage nur im Zusammenhang mit dem Familien- und Volksganzen betrachtet werden müsse. Durch ein paar Zufälligkeiten nun, die im Leben eines jeden Menschen eine bedeutsame Rolle spielen, wurde ich der Aufgabe zugeführt, die meinem Leben die Richtung geben sollte.
Auf einem Wege in Leipzigs Straßen kam ich in eine Gasse in der Nähe der Weststraße an ein kleines Haus, dessen Parterre die Inschrift: „Kindergarten“ trug. Ich hatte wohl in Gesprächen manchmal, wenn auch selten, etwas von Kindergärten, Fröbelschen Beschäftigungen reden hören, ohne der Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch blieb ich einen Augenblick vor dem Hause stehen, klingelte und stieg einige Stufen hinunter in einen kellerartigen Raum. Denn wo hätte damals ein Kindergarten anders ein Lokal finden können als in einem irgendwie ungehörigen Raum? Eine junge Dame trat mir entgegen, freudig überrascht, daß jemand es der Mühe für wert hielt, sich nach dem Kindergarten zu erkundigen. Es war noch früh morgens, die Kleinen waren noch nicht da und die Kindergärtnerin hatte Zeit, mir die Fröbelschen Beschäftigungsmittel zu zeigen. Sehr erstaunt sah ich sie an – ich fühlte, hier ist ein Plan, ein System, eine Methode – bald aber kamen die Kleinen, die Kindergärtnerin stellte sie im Reigen auf und spielte mit ihnen einige Bewegungsspiele. Hier fühlte ich nicht nur den Rhythmus, den Takt, die Harmonie, – ich fühlte mit den Kindern die Freudigkeit, die sie beseelte – ‚Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium‘.
Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, holte mir die Fröbelschen Schriften aus der Universitätsbibliothek, und in den Schriften Friedrich Fröbels fand ich nicht nur den Plan für die Praxis des Kindergartens theoretisch begründet – es war mir, als wehte ein Hauch des Geistes aus seinen Worten in meine Seele, als erschaute ich einen Schöpfungsakt, der ein neues, noch nicht dagewesenes Gebilde vor meinen Augen entstehen ließ. Andacht erfüllte mich für das große Ge heimnis der schöpferischen Urkraft, die ihr ‚Es werde‘ der Welt verkündet.“
Eine Offenbarung war Henriette Goldschmidt die Bekanntschaft mit Fröbels Ideen, und sie hat oft es wieder und wieder gesagt, das Fröbelsche Wort von der Menschheit pflegenden Bestimmung des Weibes, um derentwillen die Frau die gleiche geistige Durchbildung wie der Mann erhalten müsse. Sie ist darin nicht immer voll verstanden worden, und vielleicht geht erst in der Not und Verrohung unserer Zeit das volle Verstehen auf für die Wichtigkeit einer gemeinsamen Familien- und Volkserziehung, einer vertieften Durchbildung der Frauen aller Stände zu ihrem mütterlichen Berufe, und zwar einer Ausbildung vor oder nach einer Berufsschulung, sofern die Berufsbildung sich nicht auf den Erziehungsberuf gründet, weil sich der erziehliche Einfluß der Frau durchaus nicht allein auf die Familie, sondern auf das Volksganze erstrecken soll.
In dieser Zeit ihrer Beschäftigung mit Friedrich Fröbels Schriften las Henriette Goldschmidt einen Aufruf in der Zeitung von einem Mann, der alle einlud, die sich für die Kindergartenfrage interessierten. Sie ging hin, meinte in eine große Versammlung zu kommen und fand nur wenige Kindergärtnerinnen, die sich in Klagen über die Schwierigkeit ihres Berufes ergingen. Das war der Anstoß, der Henriette Goldschmidt veranlaßte, den Verein für „Familien- und Volkserziehung“ in Leipzig zu gründen; am 10. Dezember 1871 fand die Gründung mit etwa 150 Mitgliedern statt. Im Herbst 1872 konnte dann der Verein seinen ersten Volks-Kindergarten in der Querstraße eröffnen. Der Aufbau des Vereins vom Kindergarten bis zur Hochschule, die Gliederung der einzelnen Anstalten zu schildern, sei dem zweiten Teil dieser kleinen Schrift vorbehalten.
Henriette Goldschmidt hatte mit dieser Gründung sich nicht abseits von ihren Kolleginnen gestellt, denn ihr schmolz eben immer Frauenfrage und Erziehungsfrage zur Einheit zusammen, aber sie hatte doch ihren besonderen Weg eingeschlagen. Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt wurden wohl Mitglieder des Vereins, aber es war doch kein eigentliches Mitarbeiten von ihrer Seite. Sie verloren aber Henriette Goldschmidts Arbeitskraft auch nicht; die damals beinahe fünfzigjährige Frau stand auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit. Sie war ihrem Manne weiter die verständnisvolle Gefährtin, an dem Ergehen und Ins-Leben-Treten der drei Söhne nahm sie echt mütterlichen Anteil; mit ihrer Schwester Ulrike, die in Berlin die „Viktoria-Fortbil dungsschule“ ins Leben rief, verband sie mehr als schwesterliche Zuneigung: eine auf gleichen Lebensansichten beruhende Freundschaft war es.
Sie baute ihren Verein weiter aus; hielt Vorträge, so sechs unter dem Titel: „Ideen über weibliche Erziehung“, die sie später, als sie die 80 schon überschritten hatte, zu ihrem Buch erweiterte: „Was ich von Fröbel lernte und lehrte.“ Sie erteilte in dem bald darauf gegründeten Seminar für Kindergärtnerinnen Unterricht, unternahm Vortragsreisen für den Allgemeinen Deutschen Frauenverein und verstand es weiter, in ihrem Hause eine geistig belebte Geselligkeit zu pflegen. Dabei kam es der kleinen zierlichen Frau zugute, daß sie eine eisenfeste Gesundheit besaß. Sie erzählte, daß sie um vier Uhr früh schon aufgestanden sei, um für sich zu arbeiten – am Waschtisch schrieb sie ihre ersten Vorträge, da sie selbst keinen Schreibtisch besaß. Abends hat sie es einmal fertig gebracht, ihrem Manne nach einem reichen Arbeitstag fünf Stunden hintereinander vorzulesen.
Bei der Arbeit an ihren Vorträgen erkannte Henriette Goldschmidt mehr und mehr die Lücken in ihrer Ausbildung, und mit eisernem Fleiß strebte sie, diese auszufüllen. Sie studierte – sie las nicht nur die großen Pädagogen, vertiefte sich in Goethe, Kant, Humboldt, Schelling, Hegel, Fichte; sie las Geschichte und Literaturgeschichte, suchte auf jedem Gebiet ihr Wissen zu erweitern, ihr außerordentliches Gedächtnis kam ihr zur Hilfe, sie schrieb ganze Bücher voll von Aussprüchen nieder, schrieb oft ihre eigenen Gedanken dazu; so steht da z. B. unter dem Worte Herbarts: Geschichte, die man lernen soll, ist ganz verschieden von Geschichte, aus der man lernen soll: „Zunächst muß man Geschichte lernen, später erst in einem Alter, wo man Geschichte kennt, läßt sich aus ihr lernen.“ Oder sie stellt sich selbst nachdenkliche Fragen wie: „Hat es Sinn, die Kraft zu rühmen und im Gefühl der Schwäche mit sich zufrieden zu sein?“