Es war ein geistiges Erarbeiten, ein Ringen um Wissen, das diese Frau auch im Alter nicht verlor, sie war immer im besten Sinne eine Arbeiterin an sich selbst, so wie sie eine Arbeiterin für andere war. Ihr Geist ging weite Wege, aber sie wußte auch das Schöne zu genießen, das sich ihr darbot, ohne dabei je um eines Genusses willen ihre freiwillig auf sich genommene Arbeitsverpflichtung zu versäumen. Sie erzählte, daß sie einmal auf einer Reise nach Gastein, bei der ihr Mann sich unwohl fühlte, sich selbst Vorwürfe gemacht habe über die unbeschreibliche Freude, die sie beim Anblick der großen Natur ergriff. Überhaupt war es die große Natur, deren Anblick sie begeisterte, sie sagte selbst, für das Idyll hätte sie nicht so viel Sinn. So stand ihr auch Goethe weniger nahe, so tief sie sich in ihn eingelebt hatte, als Schiller, dessen schwungvolle glänzende Sprache sie immer wieder begeisterte.

Das schönste Land war ihr die Schweiz; Italien, das sie erst in späteren Jahren kennen lernte, gab ihr weniger, freilich machte sie die Reise aber auch unter für sie äußerlich ungünstigen Umständen, bedrückt durch eine lange Krankheit einer Enkelin. Den stärksten Eindruck als Stadt hinterließ ihr Paris, das sie in Begleitung ihres Mannes und einer Schwestertochter Ende der siebziger Jahre aufsuchte. Auch hier war es wieder ihr nach Verbindung forschender Geist, der sie antrieb, die Gräber Heines und Börnes zu sehen. Sie schreibt über den Besuch des Père la Chaise und Börnes Grab: „Nun aber noch einen Weg zu den ‚Träumen meiner Jugend‘: ‚Börnes Grab, gesegnet seist du mir!‘ Ein wundervolles Reliefbrustbild mit einem so schönen und sinnigen Ausdruck wie keines der mir bekannten Bilder schmückt seine Grabstätte. Wie gut, daß ich nicht früher meinen Baedeker gelesen, als auf dem P. la Chaise. Meine Nichte, die eigentlich eine preußische Obertribunalratstochter und kein Juden mädchen aus Krotoschin ist, hat dennoch das reiche, unsagbar kampfreiche Leben ihrer Mama so in sich aufgenommen, daß sie auch mit mir die ganze Bedeutung fühlte, die für mich in dem Anblick dieser Grabstätte lag. Schon des Morgens sagte sie: Wir nehmen ein Bukett für Börne mit, – und als sie ein sehr schönes von Heliotrop und gelben Rosenknospen in einem großen Papier ohne die bei uns so beliebten Spitzenmanschetten, die ich in Paris gar nicht gesehen, brachte, sagte sie: Tante, schreib’ doch was hinein. – Ich schrieb etwas von der Verbrüderung des französischen und deutschen Volkes, die er geträumt und die doch zur Wahrheit werden müsse – und als ich an seinem Grabe stand, da sah ich unter einer Büste, die von David d’Angers herrührt, Frankreich und Deutschland sinnbildlich dargestellt, durch die Freiheit vereinigt. – So stand’s im Baedeker und so hatte ich es dem Künstler nachgefühlt. Neben den Statuen, Frankreich und Deutschland in schönen Frauengestalten, sind neben der französischen die Namen der französischen Dichter: Voltaire, Rousseau, Lamennais – neben der deutschen: Lessing, Herder, Schiller, Jean Paul, eingraviert. – Ich wollte in die Nische das Bukett legen, konnte es aber nicht erreichen. Ein gewöhnlicher Arbeiter in der Bluse, der dort beschäftigt war, trat heran und legte es hin: C’etait un poète allemand – je le sais – il nous a tant aimé. –“

Henriette Goldschmidts Reisewünsche blieben aber in der Hauptsache unerfüllt, von ihrer Kindheit an sehnte sie sich, Palästina und Amerika zu sehen: die Heimat ihres Volkes und das Land der Freiheit; sie kam nicht hin; die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie nach ihrer Verheiratung lebte (ihr Vater hatte den größten Teil seines Vermögens verloren), und die Großzügigkeit, mit der sie ihre Kraft und ihre Arbeit für ihre Ziele dahingab, gestatteten ihr den Luxus solcher Reisen nicht. Aber das Reisen an sich blieb ihr stets ein Genuß, sie scheute auch im hohen Alter die Anstrengung nicht; 1913 reiste sie zum letztenmal für einige Sommerwochen nach Friedrichroda. Wie wenig sie Ermüdung fühlte, beweist ein Wort, das die beinahe 79jährige Frau sprach, als sie von einem Frauentag in Köln heimkehrte. Sie war die Nacht über gefahren – nicht etwa im Schlafwagen – hatte in Köln anstrengende Tage durchgemacht und sagte heiter, als sie aus dem Zuge stieg: „So eine Nachtfahrt ist doch recht erfrischend.“

Nachdem sie 1906 aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins ausgetreten war – Luise Otto-Peters starb 1892, Auguste Schmidt folgte ihr 1902 – gedachte sie ihre Arbeitskraft nun ausschließlich ihren Anstalten zu widmen, sie dachte an einen leisen Abbau ihrer Tätigkeit, sah die von ihr gegründeten Anstalten damals in den festen, sicheren Händen von Dr. Agnes Gosche; aber es kam noch einmal eine große Arbeitswelle, in die sich Henriette Goldschmidt mit ganz jungem Eifer stürzte.

Nach ihrem 80. Geburtstag war sie schwer erkrankt, sie meinte, nun käme das Alter, als sie plötzlich das Ziel, das sie bisher nicht erreichen konnte, die Gründung einer Hochschule für Frauen – ähnlich, nur erweitert, wie sie einst Malvida von Meysenbug gedacht hatte – mit der Tendenz „dem mütterlich-erziehlichen Beruf der Frau die wissenschaftliche Weihe zu geben,“ erreichbar vor sich sah. Ein Leipziger Freund, Geheimrat Hinrichsen, stellte die Mittel zur Verfügung, und, obwohl schon im fünfundachtzigsten Jahre stehend, begann Henriette Goldschmidt noch einmal so ruhelos und zielbewußt zu arbeiten wie in der Jugend. Sie fand in Dr. Johannes Prüfer einen tatkräftigen umsichtigen Helfer, und so konnte am 29. Okt. 1911 die Hochschule eröffnet werden. – Es war erreichte Lebenshöhe, wie sie wenigen Menschen beschieden ist.

Da Henriette Goldschmidt ganz und gar Autodidaktin war, sich selbst zu dem gemacht hatte, was sie war, ist es begreiflich, daß in ihrer Arbeitsweise auch eine gewisse Eigenwilligkeit lag, nicht immer ganz bequem für ihre Mitarbeiter. Sie hatte dabei aber immer nur das Werk an sich vor Augen; sie lebte nur – war es der Allgemeine Deutsche Frauenverein oder der Verein für Familien- und Volkserziehung – den Zielen, die sie sich gesteckt hatte. Da wurde ihr manchmal als Eigenwille ausgelegt, was im Grunde doch nur selbstlose Hingabe an das Werk war. Freilich war sie, wie es Menschen sind, die ihr Leben selbst gemodelt haben, die nicht nur aus sorgsam bereitgehaltenen Gefäßen trinken, sondern an die Tiefen der Quellen hinabsteigen, nicht immer nachgiebig. Sie ging wohl in Besprechungen bei Fragen, die ihr für das Ganze belanglos erschienen, rücksichtslos zur Tagesordnung über, aber sie war doch keine Natur, die nur Jasager wollte, im Gegenteil würdigte sie ein freies Neinsagen. Sie schätzte einen logisch begründeten Widerspruch sehr, gab viel jüngeren Menschen nach, wenn sie die Gegengründe einsehen konnte, und besaß die Größe, die nicht viele Menschen haben, begangene Fehler einzugestehen. Da wurde es ihr auch zum Beispiel ihrer jüngeren Freundin, ja selbst ihrem Hausmädchen gegenüber nicht schwer, den ersten Schritt zur Verständigung zu tun und von ihrem Irren zu sprechen. Dieser große Zug ihres Charakters war es zumeist, der ihr im hohen Alter neben ihrem reichen Wissen das gab, was man als „weises Darüberstehen“ bezeichnen kann.

Es ging, besonders in ihren Altersjahren, in denen die intensive Tagesarbeit sie nicht mehr wie sonst vollkommen in Anspruch nahm, selten jemand von ihr, dem sie nicht in kurzem Gespräch etwas gab. Ihre Briefe trugen bis zuletzt das persönliche Gepräge ihres Geistes, die Anmut im Ausdruck, die aus einer vergangenen Zeit stammte und die etwas an die Frauen der Romantik erinnerte.

Innere Treue, die man nicht mit äußerlichem Darandenken verwechseln muß, gehörte zu Henriette Goldschmidts besonderen Eigenschaften, so blieb sie auch im tiefsten Grunde den führenden Geistern treu, denen sie, wie sie erkannte, ihre innere Entwicklung verdankte. Zu ihnen gehörte besonders Friedrich Fröbel, und um ihn hat sie gelitten, wie wohl wenige um Meister leiden. Sie sagte manchmal tief schmerzlich von den neuen Frauen in der Frauenbewegung: sie verstehen die „alte Fröbeltante“ nicht, und sie hatte damit nicht ganz unrecht. So richtig in ihrem Wollen ist Henriette Goldschmidt nicht immer verstanden worden. Selbst nicht von den Fröbelianern, weil sie zu sehr in allem die Idee, die dem Fröbelschen System zugrunde liegt, betonte, und manches darum als nichtig abtat, was anderen eben gerade als wichtig erschien. Sie selbst hatte durchaus kein Talent zur Kindergärtnerin, hätte es nie werden können. Verstanden hat sie darin Berta von Mahrenholtz-Bülow, die Henriette Goldschmidt den Apostel Fröbels nannte, und auch Frau Dr. Jenny Asch in Breslau.

Berta von Mahrenholtz-Bülow, geb. 1810, die noch in regem Verkehr mit Friedrich Fröbel selbst gestanden hatte und dessen Ideen weit über Deutschland hinaus Verbreitung gab, hatte 1849 in Bad Liebenstein Fröbel zum erstenmal mit den dortigen Kindern spielen sehen und gleich das Wort gesagt: „Der Mann wird ein ‚alter Narr‘ von den Leuten genannt! Vielleicht ist er einer von den Menschen, die von ihren Zeitgenossen bespöttelt und gesteinigt werden und denen die Nachwelt Denkmäler errichtet.“

Es kann hier bei dem kleinen Umfang der Schrift nicht auf das nähere Verhältnis zwischen den beiden Frauen eingegangen werden; Henriette Goldschmidt hat der Frau, die sie ihre Lehrerin nannte, in Vorträgen und in der Schrift: „Berta von Mahrenholtz-Bülow, Leben und Wirken“ (Hamburg 1896) ein Denkmal gesetzt. Wie sehr die Ideengänge der beiden Frauen zusammenklangen, beweist das Wort von Berta von Mahrenholtz: „Mit der Erhebung des Kindeswesens ist auch die Erhebung der Frau vorhanden. Mit dieser Weihe der Erzieherin der Menschheit ist alles verknüpft, was die Frau einsetzt in das volle Recht der Menschenwürde.“ Henriette Goldschmidt aber prägte sich als Leitwort für ihre Arbeit: „Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau.“ Und diesem Worte folgte sie, es beherrschte zuletzt ganz ihr Tun, und sie überwand in der festen Zuversicht, den richtigen Weg zu gehen, auch Schwierigkeiten, sie war ganz eins mit ihrer Idee, hatte wirklich aus den vielen Wegen, die sich nach und nach, anfangs langsam, dann immer rascher den Frauen auftaten, den Weg gefunden, der ihrer Veranlagung, ihrer ganzen Geistes- und Gemütsrichtung entsprach.