6. Ausklang.
Auch dunkle Schatten sind über den Lebensweg von Henriette Goldschmidt geglitten; der Vater verlor einen großen Teil des Vermögens, eine Schwester war immer leidend, 1889 starb ihr Mann, Dr. Goldschmidt, nach langem Leiden, treu von ihr gepflegt. Eine wirklich glückliche Ehe riß damit auseinander, und nach einigen Jahren erlebte die vereinsamte Frau den großen Schmerz, den ältesten, geliebten Stiefsohn Julius ganz plötzlich zu verlieren. Auch die geliebte Schwester und Gesinnungsgenossin Ulrike starb vor ihr. Sie stand aber damals noch mitten in der Arbeit, und die Arbeit trug sie immer wieder aus dem Leidenstal empor.
Bei einem Alter, wie es Henriette Goldschmidt erreicht hat, bei dieser Intensivität des Lebens fragt man sich unwillkürlich, wann begann diese Frau die hohe Altersgrenze zu überschreiten, wann konnte man von wirklichem Altwerden sprechen? Denkt man dieser Frage nach, so kommt wohl allen denen, die sie wirklich genau gekannt haben, und das sind zuletzt nur wenige gewesen, die Antwort: Bei Ausbruch des Weltkrieges. Nicht erst, als die Entbehrungen des Krieges begannen, sondern in den ersten Augusttagen von 1914. Für Henriette Goldschmidt brach da das hohe Ideal der Völkerversöhnung, an das sie, eine überzeugte Pazifistin, stets geglaubt hatte, zusammen. Sie sah nicht mehr eine friedlich fortschreitende Entwicklung aller Völker vor sich, sie sah die ge waltsame Zertrümmerung eines hohen Standbildes.
Von da an wurde sie alt.
Sie leitete noch eine Weile den Verein für Familien- und Volkserziehung, dann legte sie den Vorsitz nieder. Wohl wohnte sie noch weiter den Sitzungen des Vorstandes bei, zeigte bis zuletzt Interesse an allen Anstalten, aber es war doch ein langsames, vielleicht nur den Eingeweihten spürbares Sichloslösen von ihrer Lebensarbeit.
Dazu kam Kummer in der Familie. Die Tragik des hohen Alters, das Überleben einer jüngeren Generation blieb auch ihr nicht erspart. Ihr zweiter Sohn starb, liebe Freunde gingen dahin. Ihren neunzigsten Geburtstag beging sie aber doch noch in einem großen Freundeskreis. Ihr jüngster Sohn, Enkelkinder und vor allem die geliebten Nichten kamen, ihre Pflegetochter Julia, die Tochter ihres Bruders, und die Töchter ihrer Schwester Ulrike, von denen die ältere, Margarete Henschke, die von ihrer Mutter gegründete Viktoria-Fortbildungsschule in Berlin weiterführt. An diesem Tage war es wirklich, wie es ein Künstler gesagt hatte: „Es kann in wenigen Stunden in diesem Gesicht ein Unterschied von vierzig Jahren sich zeigen.“
Mit der ihr eignen geistvollen Anmut beantwortete sie die Glückwünsche der zahlreichen Abordnungen. Von früh bis abends war es ein Kommen und Gehen, sie erfuhr tiefste Liebe, ebenso Anerkennung von Behörden und Vereinen, es war wirklich noch einmal, trotz des Krieges, ein Tag voll Sonne in ihrem Leben. Selbst die greise Großherzogin von Baden sandte ihre Glückwünsche.
Aber dann senkten sich die schwarzen Schatten tiefer. Das Schicksal Deutschlands, die lange Dauer des Krieges bedrückte sie tief. Nicht die Entbehrungen, die der Krieg mit sich brachte, lasteten auf ihr, sie sah des Vaterlandes Zukunft dunkel verhüllt, sagte oft: „Es sind zu viele gegen uns.“ Oft sagte sie auch: „Wenn alle diese ungezählten Millionen, diese angesammelte Kraft für den Ausbau sozialer Einrichtungen verwendet werden würde, wie glücklich könnten viele, viele leben!“
Und dann kam die trübe Wendung in Deutschlands Schicksal. Und kurz vor dem Ausbruch der Revolution erlebte die alte gütige Frau noch den herbsten Schmerz, der ihr werden konnte, sie verlor die geliebte Pflegetochter Frau Dr. Julia Kalbfleisch an der Grippe.
In den ersten Stunden nach dem Eintreffen der Nachricht war es wie ein Aufbäumen der alten Kraft gegen das unbarmherzige Schicksal; es lohte im Schmerz noch einmal das alte Feuer der Jugend auf, dann wurde Henriette Goldschmidt still und gelassen. Und die Revolution, die wenige Tage später ausbrach, zog sie wieder, wie vielfach große politische Ereignisse es getan, von ihrem Ich ab, und noch einmal war es das große Weltgeschehen, das sie in tiefster Seele erschütterte.