Aber der Glanz von Achtundvierzig lag für sie nicht auf den trüben Novembertagen von 1918, die Deutschland, die das von ihr so heiß geliebte Vaterland der Willkür der Feinde preisgaben. Ihr waren diese Tage keine Erhebung, denn sie sah in ihnen keinen Fortschritt, sie verstand ihre Ursachen, aber sie erblickte keinen Aufschwung.

Und als sie sah, wie langsam so vieles verworfen wurde, das mit innerster Hingabe in freiwilliger selbstloser Arbeit aufgebaut worden war, ergriff sie Angst um den Bestand ihres Lebenswerkes. Da war es ihr eine trostreiche Freude, daß gerade in dem Revolutionswinter es dem Verein für Familien- und Volkserziehung gelang, in einem eignen Hause ein Kindertagesheim zu eröffnen, das ihren Namen trug. Sie sah darin ein Vorwärtsschreiten; den Grundstock hatte eine Sammlung zu ihrem 90. Geburtstag ergeben, Freunde hatten weiter geholfen, so konnte denn in dem trüben Winter 1918/19 das Heim für neunzig Kinder seine Pforten auftun.

Auch die Freude ward ihr noch zuteil, daß die Leitung der Anstalt, die am stärksten ihre persönliche Prägung trug, der Fröbel-Frauenschule, wenn auch nur für wenige Jahre in die Hände ihrer Lieblingsschülerin, Marie Luise Schumacher, überging.

An Sonntagnachmittagen sammelten sich um ihren Tisch noch immer liebe Freunde, die Tochter ihres Bruders wohnte zu ihrer Freude in Leipzig, ein Freund aus alter Zeit saß noch allsonntäglich in dem behaglichen altmodischen Zimmer; im Hause lebten noch immer Menschen, die sich ihr zugehörig fühlten. Das Haus, es heißt jetzt „Henriette-Goldschmidt-Haus“, in der Weststraße in Leipzig, gehörte dem Verein, und sie war, wie sie früher scherzend sagte, lange Jahre in der schwierigen Stellung, Mieterin und zugleich Hauswirtin zu sein. Eine alte treue Hausmannsfrau hatte einmal gesagt: „Bei uns ist alles wie eine Familie“. So war es auch, die kleine weißlockige Frau war des Hauses Seele und Mittelpunkt.

Kurz vor ihrem 94. Geburtstag erlitt Henriette Goldschmidt einen schweren Unfall in ihrer Wohnung, sie erholte sich aber überraschend schnell und verlebte das Weihnachtsfest, zu dem wieder die Nichten aus Berlin gekommen waren, heiterer als im vergangenen Jahre. Es war eine große Sonnensehnsucht in der alten Frau lebendig. Wie oft stand sie am Fenster neben ihrem Schreibtisch und sah still in die sinkende Sonne, still und feierlich sah sie den Glanz am Himmel kommen und vergehen.

Ein sonniger Januartag lockte sie zum erstenmal wieder ins Freie, und sie war über den Spaziergang und die helle Schöne an dem Tag fast kindlich froh. Doch schon in der Nacht stellte sich Fieber ein, und wenige Tage später, in der ersten Frühe des 30. Januar 1920, starb Henriette Goldschmidt, starb ein großer, gütiger, warmherziger Mensch.

Ein sanftes, fast heiteres Hinübergehen war es in die unbekannte Weite, in ihren Krankheitstagen, die schmerzlos waren, ließ sie sich noch Börne vorlesen und besprach noch die politischen Ereignisse des Tages.

Es war eine seltene Lebensvollendung. An ihrem Sarg sprach als letzte ihre Lieblingsschülerin das Goethewort, das sie besonders liebte und wenige Tage vorher selbst ausgesprochen hatte, und das in dem Einklang steht zu ihrem ganzen Wesen, wie sie ihn in allen Erscheinungen des Lebens zu finden suchte:

„Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

die Sonne stand zum Gruße der Planeten