Vor allem war es ein Gedanke, der sie erfüllte, ein Gedanke, den der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ auch mit in sein Programm aufgenommen hatte und den Henriette Goldschmidt bis ans Ende ihrer Tage immer und immer wieder zum Ausdruck brachte, nämlich der: Die Arbeit ist die Grundlage unserer Kultur, die Arbeit ist da her Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts. Alle Hindernisse müssen beseitigt werden, die dem im Wege stehen. – Also in vollem Umfange die schaffende Mitarbeit der Frau an unserem Kulturleben zu ermöglichen, das ist das hohe Ziel, das ihr vorschwebte.
Um das zu erreichen, war es zunächst nötig, der Frau die Rechte zu verschaffen, die die Voraussetzungen für diese Mitarbeit sind, die Rechte, die der Mann von jeher besessen hatte, die aber der Frau bis dahin vorenthalten worden waren. Es seien hier nur genannt: das Recht zum Besuch aller Lehr- und Bildungsanstalten einschließlich der Universität, das Recht zur Übernahme öffentlicher Ämter, das aktive und passive Wahlrecht in Gemeinde, Kirche und Staat u. dgl. Für all das hat Henriette Goldschmidt mit gekämpft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur ihr temperamentvoller Vortrag über „Rechte und Pflichten der Frauen in Gemeinde und Staat“, den sie 1873 auf der Stuttgarter Generalversammlung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ hielt. Im Jahre 1875 sprach sie in Gotha über das gleiche Thema unter Beschränkung auf das Gemeindeleben und verlangte hier die Mitwirkung der Frau bei der Sittenpolizei, in Armen- und Arbeitshäusern, Gefängnissen usw. Aber sie hat ihrem Geschlecht diese Rechte nicht erringen wollen um dieser Rechte selbst willen – nicht „weil der Mann sie hat, muß die Frau sie auch haben“ – nicht Selbstzweck war ihr der Kampf ums Frauenrecht, sondern, wie den besten der Führerinnen der Frauenbewegung, war ihr dieser Kampf ums Recht stets nur Mittel zum Zweck, nur Vorbedingung für die Verwirklichung jener großen Idee der Mitarbeit der Frau an der Kultur der Menschheit.
Ihr war die Frauenfrage in erster Linie eine Kulturfrage. Es war daher kein Zufall, daß ihr erster öffentlicher Vortrag in Leipzig (1867) dies schon im Titel zum Ausdruck brachte. „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ lautete das Thema. Insbesondere war es die Stellung der Frau innerhalb der bürgerlichen Gemeinde, die sie in dem Vortrage behandelte, und sie wies vor allem auf die unberechtigte und schädliche „Nichtbeachtung der Kräfte der Frau“ hin. Ihr damaliger Vortrag gipfelte in den Worten, die sie seitdem oft und gern wiederholt hat: „Wir haben wohl Väter der Stadt, wo aber sind die Mütter?“
„Wo sind die Mütter?“ schreibt sie in ihrem letzten Aufsatz, den sie anderthalb Jahr vor ihrem Tode verfaßte2, „Wo sind die Mütter? Hier ist der Schlüssel für meine Stellung in der Deutschen Frauenbewegung.“
Die „Hälfte der Menschheit“ – das gesamte Frauengeschlecht – war bisher von der bewußten Mitarbeit an der Kultur ausgeschlossen. Was ist Kultur? – Der Niederschlag, das Ergebnis der unaufhörlich schaffenden und gestaltenden Kräfte der menschlichen Seele. Die Kultur ist das Schöpfungswerk der Menschheit, die äußere Darstellung ihres innersten Wesens. Da bisher die Kulturarbeit fast ausschließlich vom Mann geleistet wurde, trägt sie vorwiegend männliche Züge, sie ist fast ausschließlich ein Ausdruck, ein Abbild der männlichen Seele. Die spezifisch männlichen Seelenkräfte haben sich in ihr ausgewirkt. Das wird uns im allgemeinen gar nicht bewußt, weil wir es nicht anders kennen. Bei einigem Nachdenken aber wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß die männliche Seele nicht das Ganze der Menschheit darstellt. Jedem Geschlecht sind Grenzen gezogen. Das Ganze der Menschheit ergibt sich erst aus männlicher und weiblicher Seele zusammen. Die Idee einer vollkommnen Menschheitskultur verlangt daher mit innerer Notwendigkeit die ungehemmte Entfaltung der männlichen und weiblichen Seele, die gleichberechtigte Mitarbeit beider Geschlechter an der Kultur. Erst dann werden die feinsten und tiefsten Anlagen und seelischen Möglichkeiten, die in der Menschheit schlummern, sich im Leben darstellen, das Leben erhöhen und veredeln.
Das spezifisch Weibliche nun, das es zu entfalten und zu stärken gilt, erblickt Henriette Goldschmidt in dem Pflegesinn, in dem mütterlichen Instinkt, der sich helfend und schützend allem Werdenden, allem Schwachen und Kranken zuwendet. Hier unterscheidet sich die weibliche Seele am stärksten von der männlichen. Dem weiblichen Geschlecht diese seine Eigenart zum Bewußtsein zu bringen, ist die nächstliegende Pflicht der Führerinnen. Und dann Freiheit für die Betätigung dieses Instinkts! Ungeahnte Kräfte werden sich dann aus der weiblichen Seele heraus entwickeln, und unsere Kultur wird reicher und schöner denn je. Henriette Goldschmidt glaubte an den Genius der Menschheit, wie nur je ein Idealist an ihn geglaubt hat.
Die Frauenfrage war ihr daher für den Augenblick die wichtigste Kulturfrage überhaupt, ein bedeutsamer Schritt in der Gesamtentwicklung des Menschengeschlechts, der Anfang einer neuen Kulturepoche. Nicht daß sie geglaubt hätte, diese andere Zeit müsse oder könne bereits morgen oder übermorgen beginnen. Dazu war sie zu klug und besaß zu viel Einsicht in historisches Geschehen. Aber den Glauben hatte sie an eine bessere – ferne Zukunft.
Wie sie zur Frauenfrage stand, kann man am besten erkennen, wenn man sie einmal selbst hört, und zwar nicht nur in einigen herausgerissenen Zitaten, sondern in größerem Zusammenhang. Darum sei im folgenden ein geschlossener Gedankengang – unter Weglassung unwesentlicher Einschaltungen – wiedergegeben aus der Rede „Die Frauenfrage innerhalb der modernen Kulturentwicklung,“ die Henriette Goldschmidt am 27. September 1877 auf dem Frauentag in Hannover gehalten hat. Die Rede ist nur in wenig Exemplaren noch vorhanden, verdient aber vor völliger Vergessenheit bewahrt zu werden, zumal sie zu dem Reifsten und Schönsten gehört, was uns Henriette Goldschmidt hinterlassen hat:
„Wie eine höhere als menschliche Macht in allen Ereignissen wirkt, so liegen jeder menschheitlichen Frage tiefere Ursachen zugrunde, als die äußerlich wahrnehmbaren. Das Gesetz über uns und das Gesetz in der Geschichte leitet, ja gebietet uns und wir befolgen nur die Gesetze, wir beherrschen sie nicht. Wie wäre es sonst möglich, daß einige Frauen ohne Rang und Reichtum, ohne glänzende Namen eine anregende Kraft ausgeübt hätten, die eine so hochbedeutsame Frage für ganz Deutschland in Fluß gebracht? Wie wäre es zu erklären, als aus einem inneren Gesetze, das uns oft gegen unsern eigenen Willen, gegen unsere Neigung ergreift, daß Frauen, die nie daran gedacht, ihren häuslichen Wirkungskreis zu verlassen, sich plötzlich gedrängt fühlen, hinauszutreten und sich und ihren Namen dem unzuverlässigen, wenigstens dem unberechenbaren Urteile der Menge preiszugeben? Ja, wie wäre das größere Wunder zu erklären, daß diese Frauen nicht dem Fluche des Spottes und der Verkennung anheimfielen, sondern daß sie in Städten persönlich ganz unbekannt, Schutz und Schirm in der Heiligkeit der Sache fanden, die sie vertreten?! Ja, nicht nur Schutz und Schirm, empfängliche Herzen, begeisterungsvolle Teilnahme kam uns überall, im Süden und Norden unseres Vaterlandes entgegen, und an jedem Orte, an dem der Allgemeine deutsche Frauenverein bisher tagte, hat er eine Stätte errichtet, an welcher sittlich ernste, von Menschenliebe erfüllte Genossinnen im Dienste der Frauenbildung und Frauenarbeit tätig sind.
So sehr man sich bemüht hat und so sehr man noch bemüht ist, gerade die Frauenfrage im Gegensatz zu unsern natürlichen und Kulturbedingungen hinzustellen, so ist doch nichts destoweniger dasselbe Gesetz in ihr tätig, das alle menschlichen Verhältnisse bestimmt. Dieses Gesetz, das unsere allgemeinen und besonderen Verhältnisse regelt, dürfen wir wohl das Gesetz fortschrittlicher Entwickelung nach den gegebenen natürlichen Bedingungen nennen: