Leipzig, November 1898.

Der Vorstand des Bundes deutscher Frauenvereine.
Auguste Schmidt, Vorsitzende.

Henriette Goldschmidt,
Vorsitzende der Erziehungskommission des
Bundes deutscher Frauenvereine.“

Ein reiches Programm! Jeder einzelne Punkt desselben beweist, wie gründlich Henriette Goldschmidt die Kindergartenarbeit kannte, wie sehr die Mißstände auf diesem Gebiet sie schmerzten und wie sie auf Besserung sann. In der dieser Petition beigefügten „Begleitschrift“ geht sie noch ausführlicher auf alle diese Einzelheiten ein. Es würde zu weit führen, auch den Inhalt dieser Begleitschrift hier wiederzugeben.

Nur darauf sei noch ausdrücklich hingewiesen: Für Henriette Goldschmidt ist der Kindergarten – wie übrigens auch für Fröbel – nicht eine Einrichtung der Not. Er ist in erster Linie eine pädagogische Anstalt. Die Kleinkinderbewahranstalten Oberlins entstanden aus wirtschaftlichen und sozialen Notständen heraus, der Kindergarten Fröbels aber verdankt seine Existenz einer pädagogischen Idee (vgl.S. 93 ff. ). Das darf man nie aus dem Auge verlieren.

b) Streitschrift gegen K. O. Beetz.

Die Eingabe des „Bundes deutscher Frauenvereine“ an die deutschen Regierungen veranlaßte den damaligen Schuldirektor in Gotha K. O. Beetz zur Veröffentlichung einer Gegenschrift: „Kindergartenzwang! Ein Weck- und Mahnruf an Deutschlands Eltern und Lehrer“ (Verlag Emil Behrend in Wiesbaden 1900). In scharfsinniger und temperamentvoller Weise greift Beetz in diesem Schriftchen den Kindergarten und die Eingabe des Bundes an. Man spürt es beim Lesen dieser Broschüre, daß hier nicht nur „irgend jemand“ seine Meinung äußert, sondern ein Pädagog von ausgeprägter Eigenart und nicht gewöhnlicher Begabung. Manches in seinen Ausführungen ist prachtvoll. Das Ganze stilistisch gewandt und glänzend geschrieben. Jedenfalls der geistvollste Angriff, der je gegen den Kindergarten geführt worden ist.

Um so größer war die Gefahr, die von dieser Schrift ausgehen mußte. Denn daß Beetz trotz alles Scharfsinns die Ideen Fröbels nicht richtig erkannt und daher das Wesen des Kindergartens falsch aufgefaßt hatte, das konnte höchstens ein Kenner, keinesfalls aber das große Publikum merken. Es war daher dringend nötig, daß der Beetzschen Schrift entgegengetreten wurde. Unbegreiflich ist es, daß dies nicht von der in erster Linie in Frage kommenden Stelle, vom damaligen Vorstand des „Deutschen Fröbelverbandes“ sofort geschehen ist.

Da kein andrer Zeit oder Mut fand, den schweren Angriff auf Fröbel und sein Werk abzuwehren, trat nochmals Henriette Goldschmidt auf den Plan. Und sie schrieb eine Schrift, die in der Geschichte des Kindergartenwesens stets einen Ehrenplatz einnehmen wird: „Ist der Kindergarten eine Erziehungs- oder Zwangsanstalt? Zur Abwehr und Erwiderung auf Herrn K. O. Beetzs ‚Kindergartenzwang‘!“

Mit feinem Spott leitet sie ihre Streitschrift ein: „Kindergartenzwang! Gleich einem Posaunenruf, vor dem die mühsam aufgebauten Fröbelschen Erziehungsstätten niederstürzen müssen, ertönt die Stimme des Herrn Schuldirektor Beetz: