Gefahr ist im Verzuge – Gefahr für die Grundvesten der Gesittung, Gefahr für unser Familien- und Volksleben, Gefahr für den Staat! Alle Mann auf Deck! Eltern, Lehrer, Staatslenker! Die Kindergärten vernichten die Grundlagen jeder menschenwürdigen Gemeinschaft – sie vernichten das Familienleben!“
Freilich, Herr Beetz ist nicht der erste, der dem Kindergarten solche gefährlichen Dinge zutraut. Der preußische Kultusminister von Raumer sah in der Zeit der preußischen Reaktion im Kindergarten das gleiche Gespenst und verbot daher 1851 die Kindergärten für die ganze preußische Monarchie. Ungefähr zehn Jahre hat dieses unsinnige Verbot bestanden5. Dann fiel es, wie so manche Fessel jener bösen Zeit.
Es würde zu weit führen, hier das Duell Beetz-Goldschmidt bis ins Einzelnste – bis auf jeden Hieb und Gegenhieb – zu verfolgen. Nur auf einige wichtige Punkte sei kurz eingegangen.
Beetz hatte im Hinblick auf Fröbels Ideen u. a. ausgeführt: „Der Entwicklungsgang des Menschengeistes gründet sich auf unveräußerliche Naturgesetze, die aus eigner Kraft der Verwirklichung zustreben. Wir können diesen Prozeß durch naturgemäße Eingriffe fördern, durch widernatürliche aufhalten, überhasten, schädigen. Ihm nach Willkür und gegen sein Wesen ein Tempo, eine Richtung aufzwingen, ein Ziel stecken zu wollen ist verkehrt und rächt sich an der Menschheit selbst.“
In dieser allgemeinen Fassung zweifellos ein sehr beachtlicher Einwurf!
Schlagfertig antwortet Henriette Goldschmidt: „Wer bestreitet, daß der Entwicklungsgang des Menschengeistes sich auf unveräußerliche Naturgesetze gründet? Aber wer weiß es nicht, daß es unsere Aufgabe ist, diesen Gesetzen nachzugehen, sie zu erforschen, um aus ihnen die Erkenntnis für die Erziehung zu gewinnen? Und so würde es uns folgerichtiger erschienen sein, wenn Herr Beetz dem Satze: ‚Wir können den Prozeß (der Entwicklung) durch naturgemäße Eingriffe fördern, durch widernatürliche überhasten, aufhalten, schädigen‘ hinzugefügt hätte: Deshalb wäre es so hochwichtig, daß die Frauen, die Mütter, für die Erziehungsaufgabe vorbereitet würden, damit sie fördernd, nicht hemmend, nicht schädigend einwirken; denn die Unkenntnis, die jetzt noch in Rücksicht auf den mütterlich-erziehlichen Beruf des weiblichen Geschlechtes herrscht – rächt sich an der Menschheit selbst.“
Es hätte weiter gesagt werden können, daß Fröbel dem Entwicklungsgange des Menschen geistes ja eben gerade nicht „nach Willkür“ oder gar „gegen sein Wesen“ Tempo und Richtung aufzwingen und ein Ziel stecken will, sondern daß – außer Pestalozzi – wohl kein anderer Pädagog so heiß gerungen hat um die Erkenntnis des innersten Wesens des Menschengeistes – der Menschheit und der Gottheit – wie gerade Fröbel. Wie ernst es Fröbel in dieser Beziehung nahm, dafür nur ein Beispiel! Als junger Mann schrieb er einmal einem Freunde ins Stammbuch: „Dir gebe das Schicksal bald einen sicheren Herd und ein liebendes Weib; mich treibe es rastlos umher, und lasse mir nur so viel Zeit, um mein Verhältnis zu meinem inneren Sein und zur Welt gehörig zu erkennen.“ – Wenn je einer tiefe Blicke ins Innerste der Menschennatur getan hat, dann war es Friedrich Fröbel. Jeder, der Fröbels Schriften wirklich studiert – nicht nur einmal flüchtig gelesen – hat, muß dies bestätigen. Und Fröbels Ideen standen durchaus in Übereinstimmung mit der Philosophie seiner Zeit (Schelling, Krause!). Gewiß kann man über das innerste Wesen der Menschennatur verschiedener Meinung sein, und unser menschliches Wissen wird auch hier, wie in so vielen anderen Dingen, ewig Stückwerk bleiben, aber „Willkür“ und Unnatur kann man den Fröbelschen Ideen in dieser Beziehung nicht vorwerfen. Dieser Angriff der Beetzschen Schrift kann nicht scharf genug zurückgewiesen werden.
In einem weiteren Kapitel hat Beetz dann mit feinem Geschick die große Bedeutung der Familie für das Leben des Einzelnen und des Staates dargelegt; er hat dabei goldene Worte gefunden und damit die Familie in das hellste und schönste Licht gerückt. Er tut es aber nur, damit um so dunklere Schatten auf den Kindergarten fallen. Die Abwehr Henriette Goldschmidts gerade auf diesen gefährlichsten Vorstoß des Gegners bildet den Höhepunkt ihrer Schrift. Sie geht hier – der alten Weisheit folgend: „Die beste Parade ist der Hieb!“ – gleichsam selbst zum Angriff vor und stellt dabei die innere Notwendigkeit des Kindergartens dar. Wir hören sie auch hier wieder am besten selbst:
„In dem vierten Kapitel ‚Kindergartenzwang und Familie‘ stellt Herr Beetz der Familie den Kindergarten als feindliche Macht gegenüber und bedient sich hier einer Waffe, die zur Vernichtung der Kindergärten führen soll. Denn wer wird, wenn von beiden Potenzen die Rede ist, Familie oder Kindergarten, die Familie nicht als die wichtigere anerkennen?, wer wird, wenn es sich in der Tat um eine Schädigung des Familienlebens durch den Kindergarten handelte, nicht dem letzteren den Garaus machen wollen? Wie sehr stimmen wir mit Herrn Beetz überein, daß ‚die Familie das Produkt natürlicher Kräfte ist, daß, wenn die Menschheit heute wieder ihren großen Kulturlauf anträte, die erste Errungenschaft genau wie zum erstenmal die Bildung der Familie sein würde‘? Diese Tatsachen erfahren meine Schülerinnen in der ersten Unterrichtsstunde der Fröbelschen Erziehungslehre. Und all die schönen wohlgefügten Sätze der Schilderung der Familie und ihres Einflusses hätte Herr Beetz noch illustrieren können durch folgenden Ausspruch Friedrich Fröbels über die Familie:
‚Familienleben! Wie so hochwichtig bist du! Du bist das Heiligtum der Menschheit, du bist das Allerheiligste der Pflege des Göttlichen. Familie! lasse es uns unumwunden und offen aussprechen, du bist mehr als Schule und Kirche und mehr noch als alles, was das Bedürfnis als Schutz des Rechtes und des Eigentums hervorrief. Familie! wo du nicht den Geist der Sinnigkeit und Sittlichkeit, des Beachtens und Nachdenkens in die Schulen bringst, da sind sie, und seien sie noch so gefüllt, leer wie ein unfruchtbares Ei, aus dem sich nie neues und frisches Leben entwickelt. Familie! was sind ohne dich Altar und Kirche, wo du ihnen nicht die Weihe gibst und Seele, Herz, Gemüt und Geist, Tun und Leben all der Deinen zum Altar und Tempel des lebendigen Gottes erhebst.‘“ –