Dann wendet sich Henriette Goldschmidt den Einzelheiten des Beetzschen Angriffes zu. Der Kindergarten entfremde die Kinder der Familie, das Haus sei die einzige Stätte, an der eine wirkliche Erziehung des Kindes möglich sei, behauptet der Gegner. Darauf erwidert die Verteidigerin sehr richtig:
„Bedeutet eine 3 oder 4 Stunden dauernde Abwesenheit vom Elternhause eine Entfremdung von der Familie, so dürfte die Schulzeit, die mit dem sechsten Lebensjahre beginnt, doch ebensowohl schädlich auf die Innigkeit des Familienlebens wirken. Das wird Herr Beetz als ‚Schulmann‘, der die sittlich und geistig bildenden Einflüsse der Schule mit Recht hoch veranschlagt, nicht zugeben. Der Kindergarten aber kann sich mit Rücksicht auf den sittlich bildenden, geistig entwickelnden Einfluß mit der Schule messen: seine Spiele, Liedchen und Beschäftigungen geben Gelegenheit, Sinn und Gemüt des Kindes auf das Familienleben zu lenken. Der Kindergarten entläßt die Kinder keinen Tag, ohne sie auf die Fürsorge der Mutter, auf das von ihr bereitete Mittagbrot usw. hinzuweisen: der Kindergarten festigt das Band, das Eltern und Kinder umschlingt.
Ob jede Mutter, auch die, die ohne genügende Hilfskräfte des Morgens die Wirtschaft zu besorgen, die Kleinen zu waschen – und anzuziehen – vielleicht noch ein Kleines zu pflegen und ihm Nahrung zu reichen hat – ob jede dieser nach Tausenden zählenden Mütter wirklich die körperliche und seelische Kraft hat, trotz dieser aufreibenden Obliegenheiten sich die innere Ruhe und Harmonie zu erhalten, um den Kindern ein erziehliches Vorbild sein zu können? Wieviel wird an Kindern durch die erklärliche Aufregung, die sich der Frau bei Erfüllung von Pflichten bemächtigt, ‚die hundert Männer verbunden nicht ertrügen‘, gesündigt! Ich spreche nur von den mittleren, noch nicht von den unteren Ständen der Bevölkerung, ich spreche nur von normalen Verhältnissen – nicht von denen, wo die Mutter leidend, der Vater ungeduldig, das Verhältnis der Ehegatten zueinander das Gemüt der Kinder in der schlimmsten Weise beeinflußt. Solchem Einflusse die Kinder täglich auf einige Stunden entziehen, ist eine Wohltat in seelischer Beziehung.“ –
Beetz hatte ferner behauptet, eine Mutter brauche keine pädagogische Führung und Belehrung. Es genüge, wenn sie sich von ihrem Instinkt leiten lasse. Hier war der schwächste Punkt des Gegners. Geschickt führte daher Henriette Goldschmidt hier ihren stärksten Gegenschlag, indem sie mit feiner Ironie schrieb:
„Redensarten wie die, ‚die Mutter erzieht mit dem Herzen, sie ist in ihrem dunkeln Drange sich des rechten Weges bewußt, sie ist zur Erzieherin geboren‘, gewinnen nicht an Bedeutung, wenn sie ein ‚Schulmann‘ ausspricht. Alle diese Redensarten von der Unfehlbarkeit des Instinktes der Frau schaffen die Tatsache nicht aus der Welt, daß der weitaus größere Teil der Mütter – auch aus den höheren Gesellschaftskreisen – es nicht versteht, sich mit den Kleinen zu beschäftigen. Die Frauen engagieren die Kindergärtnerinnen nicht aus Menschenfreundlichkeit, sie fühlen, und zwar oft recht schmerzlich, daß ihr ‚Instinkt‘ nicht ausreicht und daß die Kindergärtnerin sich mehr Verständnis und Geschick, ja sogar mehr Geduld für den Verkehr mit den Kleinen angeeignet hat, als sie, die gewiß gern ihre Kinder mit dem ‚Herzen‘ erziehen möchten.
Es ist eine bereits populär gewordene wissenschaftlich begründete Erfahrung, daß der Instinkt um so sicherer leitet, je nie driger das Geschöpf auf der Stufenleiter der Naturwesen steht. Unfehlbarkeit des Instinkts ist das Kennzeichen niederer Organismen.
Ganz gewiß mag in früheren Jahrhunderten, in denen die Frau als Gattungswesen ihr Dasein innerhalb der Aufgabe, die ihrem Geschlechte als solchem zufiel, lebte, einen sicheren Instinkt für die Pflege und Erziehung, namentlich des ersten Kindesalters gehabt haben. Instinkte verlieren an Kraft bei fortschreitender Entwicklung.
Ich würde Herrn Beetz ersuchen, von Zeit zu Zeit in meine Sprechstunde zu kommen, um zu erfahren, wie sicher die Frauen von ihrem ‚Instinkte‘, von ihrem ‚dunkeln Drange‘, von ihrem ‚Herzen‘ bei der Erziehung ihrer Kinder geleitet werden. Die Kindergärtnerinnen, die in Familienstellung sich befinden, erzählen allerdings noch etwas mehr, als man durch einen Blick auf die Straße wahrnehmen kann: den sinnlosen Luxus, die Glacéhandschuhchen, die Schnürstiefelchen, die Spitzenhäubchen, die Federhüte, die Kindergesellschaften, die Kinderbälle – die kostbaren Puppen, die Modelle für Balldamen sein können, samt all dem Trödel, der nicht nur Leib und Seele des einzelnen Kindes schädigt, der einen Keim für den Standeshochmut in seine unschuldige Seele bringt, wohl geeignet, die Kluft zu vergrößern, die die Glieder einer Volksfamilie voneinander trennt.
Die Frau aus dem Volk steht allerdings der Kindesnatur näher, als die durch alle Sprachen und Künste gebildete Mutter: jene befindet sich näher der primitiven Entwicklungsstufe des Kindesalters. Weil aber dem so ist und kein Zurückkehren zu dem Standpunkte des bloßen Natur- und Gattungslebens möglich – deshalb muß die Frau auf dem Wege der Kultur zu der Erkenntnis der Natur und ihrer Aufgabe als mütterliche Erzieherin gelangen.
Nur auf dem Wege wissenschaftlicher Erkenntnis ist es heutzutage der Frau möglich, zu den natürlichen Bedingungen des Lebens zurückzukehren.