In diesem Sinne können wir die Erscheinung Friedrich Fröbels eine providenzielle nennen: Er zeigt uns den Weg, den wir zu beschreiten haben, ‚um von dem instinktiven, passiven Sein zu einem bewußten – und zu ganz gleicher Höhe wie das männliche Geschlecht zu gelangen‘.
Hier ist auch der Grund für das Verständnis vorhanden, mit dem die denkenden Frauen die Erscheinung Fröbels begrüßten. Sie anerkannten und anerkennen, daß echte Kultur keinen anderen Zweck habe, als uns unser eigentliches Wesen und unsere Aufgabe als Menschen besser verstehen zu lehren; auch sie wissen, daß kein Wort so sehr das dem Menschen Angemessene ausdrückt, als das Wort ‚natürlich‘.
Und so beginnt der Prozeß sich zu vollziehen, der zu einem wahren Fortschritt der geistigen und seelischen Entwicklung des weiblichen Geschlechtes führen wird: zur Erkenntnis ihres natürlichen Berufs.
Für den, der seit Beginn der Frauenfrage innerhalb derselben nicht nur tätig ist, sondern auch in objektiver Weise diese Bewegung beobachtet, für den muß die Tatsache hochbedeutsam erscheinen, daß auch diejenigen Führerinnen dieser Bewegung, die seitab von der Fröbelschen Pädagogik stehen, seit einer Reihe von Jahren nichts so sehr betonen, als die Mütterlichkeit der Frau. Es zeigt sich auch hier die Weisheit des Kinderfreundes Fröbel, der zwar kein philosophisches System über das ‚Unbewußte‘ geschrieben, der aber die Bedeutung unbewußt aufgenommener Eindrücke tiefer erkannt hat, als es vor ihm geschehen. Ich stehe nicht an, es auszusprechen, daß die jetzt allseitig so sehr betonte Forderung der Frauen, das Muttergefühl für unsere sozialen Aufgaben in Tätigkeit zu setzen, zu einem großen Teile auf die unbewußt aufgenommenen Ideen Fröbels zurückzuführen ist, wie denn auch die Frau, die als erste – in jedem Wortverstande – die Bedeutung Fröbels erkannt und seine Jüngerin geworden, es ausgesprochen: ‚Die erziehliche Mission, zu welcher Fröbel das weibliche Geschlecht aufruft, wendet sich unmittelbar an die Seite der weiblichen Natur, die den Kernpunkt seines Wesens ausmacht: an die Liebe, die heiligste Liebe, die der Mutter. Diese neue Erziehung soll den weiblichen Genius entfesseln, ihn erheben zur geistigen Mutter der Menschheit. – Die Liebe zur Menschheit soll dem weiblichen Geschlecht zum Kultus werden in der Pflege der Kindheit, in der Pflege des Gottesfunkens, den die Kinderseele birgt‘ (Bertha von Mahrenholtz-Bülow).“ –
Die beiden Schriften von Beetz und Goldschmidt wurden in den Fachkreisen vielfach besprochen. Viele Lehrer und Lehrerinnen wurden dadurch veranlaßt, sich mit der Frage des Kindergartens eingehender zu beschäftigen, um Stellung in dem Streit nehmen zu können. So hat also durch die Entgegnung Henriette Goldschmidts der Angriff des Direktors Beetz im Grunde zur Klärung der Kindergartensache wesentlich beigetragen. Jeder, der die Angelegenheit objektiv prüfte, mußte jetzt zu der Überzeugung kommen, daß die Vorstellung, wie sie Beetz und viele andere Schulmänner vom Kindergarten hatten, unrichtig ist. Die Idee des Kindergartens ist viel größer, als die meisten ahnen. Nicht Sonderanstalten wollte Fröbel schaffen, Sonderanstalten, die neben Schule und Familie ein getrenntes, ein Sonderdasein führten, sondern die gesamte früheste Erziehung wollte er durch die Idee seines Kindergartens auf eine natürliche Grundlage stellen. Gewiß hat Fröbel in vielen Städten Kindergärten als besondere Anstalten gegründet und gewiß müssen in jedem Ort solche Einrichtungen geschaffen werden, das gehört mit zur Idee seines deutschen Kindergartens. Diese einzelnen Kindergartenanstalten sind aber noch nicht die eigentliche Verwirklichung der Idee. Sie sind nur ein Teil der Verwirklichung, sie sind in der Hauptsache nur Mittel zur Verwirklichung der Idee. Als Teil der Verwirklichung muß man sie ansprechen, soweit sie die Familienerziehung ergänzen, d. h. soweit sie Kindern, die in der Familie nicht den für die kindliche Entwicklung nötigen Kreis gleichaltriger Geschwister haben, Kameraden und Gemeinschaftsleben bieten, bzw. indem sie Kindern, die daheim infolge wirtschaftlicher und sonstiger Nöte keine Erziehung genießen können, diese geben. Als Mittel zur Verwirklichung der Idee sind sie dort anzusehen, wo sie Pfleg- und Anschauungsstätten der neuen Erziehungs gesinnung sind. Gerade dieser Gedanke war Fröbel besonders wichtig. In jeder – auch der kleinsten – Gemeinde sollte neben Kirche und Schule ein Kindergarten bestehen – weniger unmittelbar der Kinder, als vielmehr der Frauen und Mütter wegen. Zu ihm sollten die heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen kommen – getrieben von ihrem mütterlichen Instinkt, von dem ihnen angeborenen Pflegesinn, von der höheren Liebe zur Kindheit, um sich hier – als Gärtnerinnen an der Kindheit – zu betätigen, um nach dem Vorbild und unter der Anleitung einer echten Kindergärtnerin tätig zu sein und zu lernen, dadurch ihr Edelstes zu stärken und zu entfalten, sich dadurch ihres Frauen- und Muttertums immer klarer bewußt und auf diese Weise in höherem und geistigerem Sinne Mutter zu werden.
Hier liegt für Henriette Goldschmidt der Kernpunkt der ganzen Frage: Die Entfaltung des innersten weiblichen Wesens, die Erhebung ihres bisherigen instinktiven passiven Tuns zu wirklicher, zu bewußter schöpferischer Kulturleistung ist nur möglich mit Hilfe des Kindergartens. Sie sieht keinen anderen Weg. Hier allein bietet sich dem weiblichen Geschlecht Gelegenheit, durch Tun und Arbeit (an den Kindern) seine ureigensten Kräfte und Anlagen zur Entwicklung zu bringen und im steten Hinblick auf die Idee Fröbels sich des ewigen Wesens der Frau und ihrer tiefsten Bestimmung bewußt zu werden.
Der Frauenwelt dieses hohe Ziel für die Entwicklung gesteckt und ihr im Kindergarten zugleich den Weg zu diesem Ziel gezeigt zu haben, das ist – nach Henriette Goldschmidts Meinung – die große historische Mission Friedrich Fröbels gewesen.
Wer von der Verwirklichung dieser Idee einen Zusammenbruch der Familie befürchtet, wie dies Beetz tut, der kann die Idee in ihrer ganzen Größe nicht erfaßt haben. Wenn irgend etwas, so ist Fröbels Idee des Kindergartens ein Schritt zur Vergeistigung und Erhöhung des Menschengeschlechts.
„Baut das Haus zum frohen Kindergarten!“ hatte Fröbel den Müttern zugerufen. Das sollte nicht heißen – wie das später fälschlicherweise oft ausgelegt wurde – „sammelt Gelder, damit wir das Haus für einen Kindergarten bauen können“, sondern Fröbel meinte damit: Macht euer Haus, macht jedes Haus zu einem Kindergarten! Jede Familienstube ein Garten der Kindheit! Jede Mutter in diesem Sinne eine Kindergärtnerin, ausgezeichnet durch Liebe und echten Pflegesinn, ihren Beruf bewußt als Kulturberuf ausübend, geadelt von der Erkenntnis, daß Geistiges, daß Göttliches ihrer Obhut und Pflege anvertraut ist. Wenn man sich in Fröbels sinnigstes und eigenartigstes Werk vertieft, in seine „Mutter- und Koselieder“, dann wird einem das Ideal dieser Mutter deutlicher.
Wo ein Weib dieser Art wirkt, sei es in der Familie, sei es in einer besonderen Anstalt für Kinder – in einer Kleinkinderbewahranstalt, in einem Waisenhaus, in einer Schule – da ist ein wirklicher Kindergarten.