Und überall, wo Kinder sind, da sollte ein solcher Garten der Kindheit entstehen. Das ist Fröbels sehnlichster Wunsch. Darum ruft er: „Baut das Haus zum frohen Kindergarten!“ – Können daran unsere deutsche Familie und unser Volk zugrunde gehen, wie Beetz befürchtet? Das Gegenteil würde eintreten. Darum sollten wir alles tun, um möglichst viele solcher Mütter zu erhalten. Damit führt Fröbels Kindergartenidee hinüber ins Gebiet der Frauenbildung.

3. Ihre Reform der Frauenbildung.

a) Kindergärtnerinnen-Ausbildung.

Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich mit Notwendigkeit, daß zunächst echte Kindergärtnerinnen herangebildet werden müssen, die in der Frauenwelt dann gleichsam als Sauerteig wirken können. Denn erst, wenn in jeder Gemeinde eine von wahrer Gärtnergesinnung erfüllte gebildete Frau als Leiterin des Kindergartens tätig ist, erst dann ist ja die Voraussetzung dazu erfüllt, daß alle heranwachsenden Mädchen und jungen Mütter der Gemeinde an ihrem Vorbild und in ihrer Art sich bilden zu wahren Pflegerinnen der Kindheit.

Diese Notwendigkeit hatte schon Fröbel erkannt. Daher bemühte er sich bereits seit 1839, in besonderen Kursen (in Blankenburg, Keilhau, Dresden, Hamburg und zuletzt in Marienthal bei Liebenstein) Mädchen und Frauen zu solchen wahren Kindheitpflegerinnen heranzubilden. Nach seinem Tode setzten seine Freunde (bes. Wilhelm Middendorff), vor allem auch seine zweite Frau (Louise Fröbel), diese Arbeit fort. Später entstanden in vielen Städten Deutschlands besondere „Seminare für Kindergärtnerinnen“. Die preußische Regierung gliederte 1911 solche Ausbildungskurse für Kindergärtnerinnen sogar in die allgemeine Frauenschule ein und erließ besondere Vorschriften für die staatliche Prüfung der Kindergärtnerinnen. Andere deutsche Staaten folgten, z. B. Sachsen 1918.

Auch Henriette Goldschmidt hatte in Leipzig ein solches Seminar für Kindergärtnerinnen gegründet, und zwar bereits im Jahre 1872. Es war eine der ersten derartigen Anstalten in Deutschland. Und zweifellos eine der besten.

Der Ausbau der Kindergärtnerinnen-Seminare stieß auf große Schwierigkeiten. Er war viel schwerer als der einige Jahrzehnte vorher erfolgte Ausbau der Lehrerinnenseminare. Denn bei diesen letzteren war bereits das Vorbild der Lehrerseminare vorhanden und ein Stab vorzüglicher Seminarlehrer, die den Unterricht in sachgemäßer Weise übernehmen konnten. Beim Kindergärtnerinnenseminar fehlte beides. Wie bei jeder völligen Neuschöpfung war auch hier zunächst nur ein chaotischer Zustand vorhanden, aus dem sich erst ganz allmählich festere Formen heraus entwickelten. Daß sich dieser Klärungs- und Gestaltungsprozeß vollzog, daß mehr und mehr die frühere „vom Zufall, von der Gunst oder Ungunst der Verhältnisse abhängige Bildnerei der Kindergärtnerinnen“ einem geordneten systematischen Lehrgang wich, das ist in erster Linie ein Verdienst Henriette Goldschmidts. Sie übte strenge Kritik an sich und anderen. Noch 1909 erklärte sie auf der Hauptversammlung des „Deutschen Fröbelverbandes“ in Magdeburg – also vor den versammelten Leiterinnen der Kindergärtnerinnen-Seminare Deutschlands: „Gestehen wir es uns offen, unsere Seminare, die Fachschulen, die einer Anzahl von jungen Mädchen, die öfter der Not gehorchen als einem inneren Drange, die Vorbereitung zur Kindergärtnerin geben, entsprechen nicht der Idee Fröbels, das weibliche Geschlecht um seiner menschheitpflegenden Bestimmung willen zu ganz gleicher Höhe wie das männliche zu erheben.“ –

Man hatte in der Ausübung des Kindergärtnerinnenberufs eine Erwerbsquelle entdeckt und Seminare aus diesem Grunde ins Leben gerufen. Gewiß hat Fröbel dadurch, daß er einen neuen Beruf für Frauen geschaffen hat, eben den Beruf der Kindergärtnerin, unendlich viel für die „Brotfrage“ des weiblichen Geschlechts getan, aber die Seminare dürfen nicht dieser Brotfrage wegen gegründet werden, sie müssen vielmehr stets der Tatsache eingedenk bleiben, daß sie einer großen Idee entsprungen sind. Verlieren sie diese aus den Augen, dann sinken sie zu einer gewöhnlichen Fachschule herab, in der man sich begnügt, die Schüler äußerlich auf den zu künftigen Beruf zuzustutzen. Diese äußerliche Abrichtung ist aber nirgends gefährlicher als gerade hier, wo es sich darum handelt, Trägerinnen einer neuen Frauenkultur heranzubilden. Für viele Berufe mag es genügen, die Schüler in äußerer Technik zu schulen, für den Beruf der Kindergärtnerin genügt es nicht. In ihr muß der innere Sinn für die Bestimmung des weiblichen Geschlechts geweckt sein, sie muß das spezifische Wesen der Frau erkannt, innerlich erlebt haben, sie muß im Kinde die Kindheit, das Göttliche ahnen: wie kann sie sonst Pflegerin der Kindheit werden? wie kann sie sonst Mädchen und Frauen zum Bewußtsein ihrer menschheitpflegenden Bestimmung verhelfen?

Es genügt also nicht, daß die zukünftige Kindergärtnerin auf dem Seminar in die Handhabung der Fröbelschen Gaben und Beschäftigungen eingeführt wird. Sie muß tiefer eindringen. Also nicht nur enge Berufs- und Fachbildung, sondern allgemeine Vertiefung in Menschen- und Welterkenntnis.

Das hat Henriette Goldschmidt tief empfunden. Und sie hat sich bemüht, dies durch zeitliche Ausdehnung der Lehrgänge und durch Aufnahme allgemeinbildender Fächer in den Lehrplan zu erreichen. Freilich in vollem Umfange ist ihr die Lösung des schwierigen Problems noch nicht gelungen. Dessen war sie sich auch vollkommen bewußt.