Am ehesten noch hoffte Henriette Goldschmidt den inneren Sinn der Schülerinnen erschließen zu können durch die kulturhistorische Begründung, die sie der Fröbelschen Pädagogik gab. Sie ging dabei aus von dem Wort Fröbels: „In der Entwicklung des inneren Lebens des einzelnen Menschen spricht sich die geistige Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechts aus, so daß das gesamte Menschengeschlecht als ein Mensch angeschaut werden kann, da in ihm die Entwicklungsstufen des Einzelnen nachzuweisen sind.“ Also: Die Entwicklung des Einzelnen gleicht der Entwicklung der Gesamtheit, oder wie Karl Lamprecht es einmal ausgedrückt hat: „Der heutige Stand der Wissenschaft läßt keinen Zweifel mehr daran bestehen, daß die Entwicklung des Einzelmenschen nicht nur physisch, sondern auch psychisch im allgemeinen analog der Entwicklung der Rasse verläuft. Die natürliche Konsequenz dieser Tatsache ist, daß, um die Entwicklung der Rasse zu verstehen, es nötig ist, die Wissenschaft der Entwicklung des Einzelmenschen zu Hilfe zu nehmen und umgekehrt. Insbesondere kommt hier in Betracht der seelische Werdegang des Kindes, in vielen Punkten verläuft er parallel zu jenen Zeiten der Kulturgeschichte, die man als Prähistorie bezeichnet, nicht minder weist er Merkmale auf, die auch den Kulturen der heute noch auf niedrigen Entwicklungsstufen stehenden Naturvölker eigentümlich sind.“

Dieses biogenetische Grundgesetz, wie man es in der Wissenschaft genannt hatte, spielte in der Pädagogik bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Rolle. Der Leipziger Universitätsprofessor Ziller wollte die Verteilung des Lehrstoffes für die Volksschule auf Grund dieses Gesetzes vornehmen. Er meinte damit dem jeweiligen Fassungsvermögen der Kinder am besten Rechnung zu tragen. So kam er zu seinen bekannten acht „Kulturstufen“. Den gesamten Unterricht während eines Schuljahres gruppierte er um ein wertvolles Kulturerzeugnis, das ungefähr der geistigen Reife der Kinder des betreffenden Jahrgangs entsprach, und zwar hatte er ausgewählt:

für das erste Schuljahr:
zwölf Märchen der Gebrüder Grimm,

für das zweite Schuljahr:
Robinson,

für das dritte Schuljahr:
die Geschichten der biblischen Patriarchen,

für das vierte Schuljahr:
die Geschichte von Moses usw.

Es ist hier nicht der Ort, die Richtigkeit des biogenetischen Grundgesetzes nachzuprüfen oder die Berechtigung seiner Anwendung auf die praktische Erziehungs- und Unterrichtsarbeit zu erörtern. Uns interessiert hier nur die Art und Weise, wie Henriette Goldschmidt mit Hilfe dieses Gesetzes die zukünftigen Kindergärtnerinnen in das Verständnis der Fröbelschen Pädagogik einführte. Hören wir sie selbst! – In ihren „Ideen über weibliche Erziehung“ (1882) gibt Henriette Goldschmidt einige Andeutungen darüber, wie sie sich diesen Unterricht denkt. Sie schreibt: „Die Freiheitsgeschichte des Menschen, sowie die unstreitige Ursache der Ungleichheit und aller aus ihr resultierenden Übel hat mit dem Bebauen des Bodens begonnen. Das erste Korn, von Menschenhand in die Erde gelegt, enthielt auch den Kern ‚mit der Frucht geschwellt‘, die unser vielgestaltiges Kulturleben birgt. Der Ackerbau bedingt den festen Wohnsitz, der feste Wohnsitz ermöglicht ein inniges vertrauliches Familienleben. Der Kranke, der Schwache, der Alte, das Kind, jetzt sind sie nicht die Last, die auf Streifzügen gar nicht mitgenommen werden konnten, deren Tötung als Wohltat betrachtet wurde – sie können in den Räumen versorgt, gepflegt, behütet werden, die eine bestimmte Umgrenzung, eine Wohnung bilden. Tugenden der Geduld, der Nachsicht werden entwickelt, Neigungen werden zu Empfindungen, Liebe verbindet sich mit Treue und wird zu edler Gesinnung. Die Frau wird schon dadurch zur Gehilfin des Mannes, wenn die Speise nicht mehr roh, sondern zubereitet genossen wird. Der Wohnungsraum, der Kochtopf, das sind die wichtigsten Bedingungen für die Kultur. Alles andere ergibt sich bei einigem Nachdenken von selbst. Dem Familienleben folgt das Gemeinde-, das Volks- und Staatsleben. Der Ackerbau erfordert Werkzeuge. Es entsteht der Handwerkerstand, es folgt der Handels-, Kaufmannsstand, ‚der Güter zu suchen ausgeht, an dessen Schiff das Gute sich knüpft‘. Die religiöse, die wissenschaftliche, die künstlerische Bildung gewinnt die ersten Anregungen, die ersten Anschauungen durch die Beobachtung und durch die Beschäftigung mit der Natur und schreitet fort zur Ahnung, zur Erkenntnis des Göttlichen – zu dem ‚über Zeit und Raum thronenden höchsten Gedanken.‘

Haben wir mit diesem Ausgangspunkte, den wir als den kulturgeschichtlichen bezeichnen, einen festen Punkt für die Erziehung des Einzelnen in unserer Zeit gewonnen? Was hilft uns die Erkenntnis von dem naturgemäßen Ausgangspunkte der Kultur der Gesamtheit in Rücksicht auf die Erziehungsaufgabe im einzelnen? Ent wicklung bedeutet ja bei dem Menschen nicht Wiederholung derselben Stadien wie bei Naturwesen, wozu nützt es uns, auf die primitiven Stufen zurückzugehen? Wir werden nicht jedes Kind erst Ackerbau treiben lassen, damit es den richtigen Ausgangspunkt für die Kultur empfängt. Gewiß, so wenig ‚Entwicklung‘ bei dem Menschen Wiederholung derselben Stadien bedeutet, so wenig können wir uns von den allerersten Bedingungen unserer Existenz so loslösen, daß wir nicht mit ihnen anfangen müßten. Die ersten Kulturstufen können niemals von den folgenden ganz überwunden werden, sie sind auch für die nächsten zu benutzen. Jeder Mensch fängt noch heute als ein Kind an und deshalb als ein ‚Naturwesen‘, und so steht das Kind bei seiner Geburt viel näher dem Zustande der Naturvölker als dem seiner gebildeten Eltern. Wir werden demnach, wenn wir an die Erziehung des Kindes herantreten, es als ‚Naturwesen‘ zu achten und zu beachten haben und zunächst die Bedingungen erfüllen, auf die es als Naturwesen ein Recht hat. Die Existenz um der Existenz willen, ist das Recht des Geschöpfes. Doch wir werden diesen Bedingungen in der Erkenntnis zu entsprechen suchen, die wir aus der Beachtung eines naturgemäßen sittlich-geistigen Entwicklungsganges gewannen. Wir sehen, daß auch die sittlich-geistigen Einflüsse durch die verschiedene Art der Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse bedingt sind, und wir werden folgerichtig schließen, daß die sittliche Gewöhnung des Kindes schon hier, bei der Verabreichung von Nahrung zu beginnen hat.“ (S. 53 ff.)

„Das Eleusische Fest“ von Schiller diente ihr meist als Ausgangspunkt für diese kulturhistorischen Besprechungen. In ihrer größeren Schrift „Was ich von Fröbel lernte und lehrte“ hat sie sich über diesen wichtigen Teil ihres Unterrichts weiter verbreitet.

b) Allgemeine Frauenbildung.