Friedrich Fröbel hatte sich die Veredelung des bisherigen instinktiven Tuns der Frau zu einer bewußten Kulturleistung, also die kulturelle Höherentwicklung des weiblichen Geschlechts „von seinem Wesen aus“ nur mit Hilfe der Kindergärtnerinnen in den, bzw. durch die Kindergärten gedacht. Darum erblickte er in der Ausbildung von echten Kindheitspflegerinnen seine wichtigste Aufgabe.

Henriette Goldschmidt ging in dieser Beziehung über Fröbel hinaus. Sie faßte die Aufgabe weiter. Zwischen Fröbel und ihr lag eben – schon rein zeitlich betrachtet – der An fang der deutschen Frauenbewegung. Von einer neuen, von einer umfassenden Frauenbildung allein erwartete man einen Aufstieg des weiblichen Geschlechts. Diese Gedanken hatten in Henriette Goldschmidt begeisterten Widerhall gefunden. Zu ihrer Verwirklichung beizutragen, galt ihr als heiligste Pflicht.

Um das ganz zu verstehen, muß man bedenken, daß die Mädchen damals noch vom Besuch öffentlicher höherer Schulen ausgeschlossen waren. Es gab für sie nur private – zum Teil recht minderwertige – Fortbildungseinrichtungen.

Durch das berechtigte Streben der Frauen, nicht eine schlechtere Bildung zu erhalten als die Männer, entstand die Gefahr, die für Knaben bestimmten Schulen sklavisch nachzuahmen. Nicht alle Vorkämpferinnen für Frauenbildung sind dieser Gefahr entronnen. Henriette Goldschmidt dagegen erkannte von vornherein, daß es ein Widerspruch wäre, mit den bisherigen (also auf Männer zugeschnittenen) Schuleinrichtungen und Unterrichtsmethoden das tiefinnerste Wesen des Weibes entfalten, den mütterlichen Instinkt zum Bewußtsein erheben zu wollen. Dadurch erhielt ihr Wirken für Frauenbildung die starke, spezifisch weibliche Note. Schon 1871 konnte sie daher in einem in Kassel gehaltenen Vortrage über „die Frau im Zusammen hang mit dem Volks- und Staatsleben“ jede Nachahmung der Knaben- und Männerbildungsanstalten ablehnen und erklären: „Nur durch ein ganz verändertes Prinzip der Erziehung kann die Umbildung unseres Geschlechtes vor sich gehen.“

In Fröbels Pädagogik fand sie diesen neuen Weg. Sie spürte in seiner Idee, den Erziehungsberuf der Frau zu einem Kulturberuf zu erheben, die Keimkraft einer neuen Epoche der Menschheit sich regen. „Zum ersten Male,“ schrieb sie 1909, „erhielten die Frauen (durch Fröbel) nicht nur guten Rat und gute Lehren als Brosamen von der bisherigen wissenschaftlichen Pädagogik, sondern eine Lehre in systematischer Form, eine neue Lehre von einem neuen Quellpunkte aus, aus einer neuen Erkenntnis.“

Anders also sollte der Bildungsgang des Weibes sein als der des Mannes, andersartig aber nicht minderwertiger, nicht „leichter“, nicht „bequemer“, nicht „oberflächlicher“. Im Gegenteil! An Arbeit, an harte Arbeit soll das weibliche Geschlecht sich gewöhnen. Das fand damals – besonders bei den Frauen der höheren Schichten – noch viel Widerspruch. Aber in ihrem tiefsinnigen Vortrag „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870!) zerstreute sie diese Bedenken mit folgenden feinen und klugen Worten: „Die Arbeit, die sich segensreich bewährt auf allen Gebieten des Lebens, die Ausbildung des Geistes, die bei unsern Männern die Gemütsinnigkeit steigert, sollte für die Frau gefährlicher sein als die Ausbildung des Phantasie- und Genußlebens? Ich meine, selbst die weitgehendste wissenschaftliche Ausbildung, selbst eine einseitigste Berufsbildung stellt uns auf den Boden der Pflicht und bildet den Menschen. Denn arbeiten muß der ganze Mensch, weder die Phantasie allein, noch das Herz allein. In der Arbeit kommt Herz und Geist zur Durchdringung, zur Übereinstimmung, zur Einheit; die Arbeit schafft den Charakter, und Charakter sollen auch unsere Frauen haben, nicht willenlose Schwärmerei, nicht Phantasterei, nicht lethargisches Genußleben.“

Die wichtigste Sorge ist ihr nur, daß die Bildung des weiblichen Geschlechts auch Früchte trage, daß sie zu positiven Leistungen führe. Sie hat ein sehr richtiges Gefühl dafür, daß nämlich durch die den Frauen eingeräumten Rechte auf Bildung dem weiblichen Geschlechte auch Pflichten erwachsen, daß man von ihm nun eine tatsächliche Bereicherung bzw. Veredelung unseres Kulturlebens erwarten wird. Ob die Frau, soweit sie in Schule und Beruf in den Bahnen des Mannes wandelt, zu fruchtbarer Kulturarbeit sich wird erheben können, erscheint ihr mindestens zweifelhaft. Wenn sie dagegen „von ihrem Wesen aus“, innerhalb ihrer Bestimmung sich ungehemmt entfalten kann, dann wird sie Kulturleistungen hervorbringen, Kulturleistungen, deren der Mann nicht fähig ist. Das ist Henriette Goldschmidts fester Glaube.

Es kommt also alles darauf an, die Frauenbildung naturgemäß zu gestalten, sie zu gründen auf das Wesen, auf die Natur des Weibes. Darum ist ihr „der Pflegesinn des Weibes, seine seelische Besonderheit, seine ihm eigentümliche Aufgabe“ Mittelpunkt für den Lehrplan und Ziel aller höheren weiblichen Fortbildung (nach Verlassen der Schule!). Pflegen und Erziehen muß dem weiblichen Geschlechte nicht nur als wichtigste, sondern zugleich als schönste Aufgabe des Lebens erscheinen.

Die Entfaltung dieses idealen Sinns denkt sich Henriette Goldschmidt nicht nur mit Hilfe der Fröbelschen Pädagogik – wenn auch durch sie in erster Linie –, sondern auch durch Einführung in die Ideenwelt unserer Klassiker. Sie hat erkannt, daß es von großem erziehlichen Einfluß ist, wenn „unsere Jugend ihre Ideale durch die Erkenntnis der Ideale unserer Klassiker läutert“. In diesem Sinne schreibt sie in ihren „Ideen über weibliche Bildung“ (1882): „Ich bin mir bewußt, daß meine Ansichten dem Geiste einer Zeit verwandt sind, die unmittelbarer unter dem Einflusse unserer klassischen Literatur, eines Herder, Lessing, Schiller sich befand, als die unsrige. Mag eine gelehrte Jugend lächeln über die Träume einer idealistisch gestimmten Vergangenheit. Wir leben der Überzeugung, daß das deutsche Volk mehr als einmal im Laufe seiner Entwicklung zurückkehren wird zu den Idealen jener Zeit, und daß es auch aus dem Drucke unserer pessimistisch-materialistisch gestimmten Gegenwart, die ihren Gegensatz in einem romantisch sinnlich-übersinnlichen Rausche sucht, erwachen muß bei dem Morgenlichte jener einzigen Zeit, die unsere Dichter und Denker heraufgeführt. In diesem Sinne und im Zusammenhange mit den großen Pädagogen außerhalb der Schule hat sich mir das Verständnis der Fröbelschen Erziehungslehre erschlossen, und in diesem Sinne möchte ich zu ihrem Verständnis anregen.“ (S. 26.)

Damit ist in allgemeinen Zügen der Charakter einer höheren Fortbildungsschule für Mädchen bzw. Frauen gezeichnet, wie sie Henriette Goldschmidt vorschwebte. Der Kindergarten und die Arbeit in ihm ist das Fundament, auf dem sie aufgebaut ist. Jedes heranwachsende Mädchen sollte durch ihn hindurchgehen! Eine Art weibliches Dienstjahr schwebt ihr vor. In unseren Tagen wird viel von einem „Freiwilligenjahr der Frau“ geredet. Da ist es nicht uninteressant, festzustellen, daß dieser Gedanke nicht so funkelnagelneu ist, wie manche glauben. Bereits 1868 hat Henriette Goldschmidt auf der Generalversammlung des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins“ in Braunschweig dieser Idee mit folgenden Worten Ausdruck verliehen: „Die Männer zahlen ihre Schuld dem Vaterlande, indem sie es gegen den Feind verteidigen, und indem sie die Bürger gegen Gefahren schützen. Vertreter des Volks, wir Frauen verlangen eine gleiche Last! Alle jungen Mädchen müßten, ehe sie heiraten, wenigstens ein Jahr lang täglich mehrere Stunden in den Hospitälern zubringen, in den Wohltätigkeitsanstalten, in allen Orten, die zum Schutz der Unglücklichen gestiftet sind. Hier müßten sie die augenblickliche und natürliche Erregtheit ihres weichen Herzens, die vorübergehend und deshalb unfruchtbar ist, in ein tätiges Gefühl verwandeln. Die Frauen müßten auch den Eid der Treue leisten, und zwar nicht dem Staat, sondern Gott und den Armen – und nachdem sie ihre Pflicht getan haben, ebensogut und ebenso stolz wie der Soldat sagen können: ‚Ich habe gedient‘.“ –