Später wollte sie dieses „Dienstjahr“ ausschließlich auf dem Gebiete der Erziehung abgeleistet wissen. So schrieb sie 1918: „Das Dienstjahr für die weibliche Jugend sei ein Lehrjahr in einer gutgeleiteten Fröbelschule.“ Und sie fügt hinzu, warum sie gerade den Kindergarten für die geeignetste Stätte zur Ableistung der weiblichen Dienstpflicht hält: Der „Schrei nach dem Kinde“ ertönt jetzt lauter denn je. „Hier, im Kindergarten, ist die Stätte, wo der Wille zum Kinde in der keuschesten Weise in den jugendlichen Gemütern erweckt wird und das mütterliche Gefühl in einer unserer Kultur gemäßen Weise sich betätigt.“

Jedenfalls soll die heranwachsende weibliche Jugend zu der Erkenntnis geführt werden, daß die Erziehungsaufgabe eine wichtige allgemein menschliche Angelegenheit ist, insbesondere eine Pflicht des weiblichen Geschlechts, auf deren Ausübung man sich vorbereiten muß. Daß in dieser Beziehung bisher eine Lücke in unserem Schulwesen bestand, brachte Henriette Goldschmidt ihren Lesern bzw. Hörern gern dadurch zum Bewußtsein, daß sie ein Wort des Philosophen Herbert Spencer zitierte, nämlich folgendes: „Wenn durch irgendeinen Zufall keine Spur von uns bis auf die ferne Zukunft erhalten bliebe, außer einem Haufen unserer Schulbücher oder einigen Prüfungsheften der Schule, so könnten wir uns ausmalen, in welche Verlegenheit ein Altertumsforscher jener Periode käme, in ihnen keine Zeichen zu finden, daß die Schüler jemals möglicherweise Eltern werden würden. Wir können uns vorstellen, daß er folgendermaßen schließt: Dies muß der Schulplan für die ehelosen Stände gewesen sein ... ich finde nicht die geringste Berücksichtigung der Kindererziehung. Sie konnten nicht so töricht sein, für diese schwerste aller Verantwortlichkeiten jeglichen Unterricht zu unterlassen. Offenbar also war dies der Schulkursus eines ihrer Klosterorden.“

Die Verwirklichung ihrer Ideen über allgemeine weibliche Höherbildung versucht sie in ihrem, 1878 gegründeten, „Lyzeum für Damen“ in Leipzig (jetzt „Fröbel-Frauenschule“). – 1911 hat sie in ihrer Denkschrift „Vom Kindergarten zur Hochschule für Frauen“, unter Anlehnung an das 1878 erschienene erste Programm dieser Anstalt, das Wesen dieser neuartigen höheren Frauenbildungsstätte in folgender Weise dargelegt:

„Das Lyzeum will der Idee dienen; ‚das instinktive passive Tun der Frau‘ auf ihrem eigensten Gebiete in ein bewußtes zu wandeln: es will die weibliche Jugend der wohlhabenden, der gebildeten Stände mit dem Wissen und Können ausstatten, das der Erziehungsberuf innerhalb der eigenen Familie erfordert. Der Erziehungsberuf der Frau ist als gleichwertig der Berufsbildung des Mannes zu betrachten, er bedarf der Vorbereitung.

Kein Mann beschränkt sich, darf sich auf diejenige Wissenschaft beschränken, die seine Fachbildung erheischt. Der Arzt studiert nicht nur Naturwissenschaften, der Jurist nicht nur Rechtswissenschaft, der Geistliche nicht nur theologische Schriften usf., – sondern ein jeder lernt sein besonderes Fach erst recht kennen, wenn er durch das Studium der Geschichte, Literatur, Philosophie usw. Klarheit über die Stellung gewinnt, die seine Spezialwissenschaft innerhalb der Gesamtwissenschaft einnimmt.

Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, hat das Lyzeum in seinem Lehrplan: Geschichte, Literatur, Kunstgeschichte, Mathematik, Naturwissenschaften und die Fortführung des fremdsprachlichen Unterrichts aufgenommen.

Das Lyzeum wäre aber keine höhere Lehranstalt für die weibliche Jugend, wenn nicht Erziehungslehre, Geschichte der Erziehung, Gesundheitslehre, Psychologie den Mittelpunkt des Planes bildeten.

Das Lyzeum wäre keine höhere Lehranstalt im Sinne und Geiste unserer neuen Pädagogik, wenn es sich mit theoretischen „anschauungslosen Definitionen“ begnügte. „Erziehung“ verlangt: „Willen und Können.“ Dieses Wollen und Können ist durch Fröbels Lehre und Methode gegeben: die letztere verlangt künstlerische Übungen, das Zeichnen, das Tonen usw. – Gymnastik und Gesang.

Das Lyzeum wäre aber auch keine höhere Lehranstalt im Sinne und Geiste unserer auf soziale Hilfsarbeit gerichteten Zeit, wenn es die weibliche Jugend nicht zu solcher Hilfsarbeit erzöge. Das Lyzeum steht in Verbindung mit den Volkskindergärten und gibt den jungen Mädchen Gelegenheit zum Verkehr mit den Kindern des Volkes, – zur Dienstleistung für dieselben. Es bahnt den Weg zum Verständnis und zur Würdigung der sogenannten untern Stände und zur Versöhnung der schroffen Gegensätze innerhalb der verschiedenen Glieder der Volksfamilie.

Das Lyzeum ist bestrebt: