Damals von der Gleichberechtigung der Frau im öffentlichen Leben zu sprechen war eine Tat; die Frauen aber, die zuerst diese Tat ausführten, hatten im Grunde wohl viel weniger das stolze Bewußtsein auf einer hohen Lebenswarte zu stehen, wie es dann viele ihrer Nachfolgerinnen bei geringeren Leistungen aufgebracht haben. Sie begannen ihr Werk, weil ihr innerstes Fühlen und Erkennen sie dazu trieb, sie standen im Bann einer großen, sie erfüllenden Idee, und so wurden sie Pionierinnen in jener unbewußten Sicherheit, die das Kind leicht auf einer lose schwankenden Brücke über den Abgrund schreiten läßt.

Eine solche Pionierin, die bei aller Kraft des Wollens, unverrückt ein hohes Ziel vor Augen, doch immer jene Kindlichkeit des Wesens wahrte, die sie Abgründe nicht sehen ließ, war Henriette Goldschmidt. Sie blieb bis über das biblische Alter hinaus eine Kämpferin und wurde dann mehr und mehr die weise, gütige Lebensüberwinderin, die noch mit zitternder Hand nach Lessing das Wort niederschrieb: „Müßte, so lange ich das leibliche Auge hätte, die Sphäre desselben auch die Sphäre meines inneren Auges sein, so würde ich, um von dieser Einschränkung frei zu werden, einen großen Wert auf den Verlust des ersten legen.“

Die Schwere des hohen Alters machte sich auch ihr fühlbar. Das Leben rauschte immer lauter, drängender an ihr vorbei; fremde Melodien tönten auf, die Menschen redeten nicht mehr die Sprache ihrer Jugend, und der Geist von Weimar wurde in Deutschland von anderen Stimmen übergellt, aber Henriette Goldschmidt fand doch immer in der anmutigen Beweglichkeit ihres Geistes die Kraft, Verbindungswege herzustellen, sie fand das weise Lächeln des „Alles verstehen heißt alles verzeihen.“ Bis zuletzt aber blieb ihr auch das ungeteilte Interesse an dem Werk ihres Lebens, dem Leipziger Verein für Familien- und Volkserziehung und seinen Anstalten. Und bis zur letzten Bewußtseinsstunde zehrte an ihr tief die trauernde Sorge um das Vaterland.

Das Leben dieser Frau ist von einer seltenen Geschlossenheit; es geht die ganz klare Linie folgerichtiger Entwicklung hindurch; es gibt keine Brüche, kein sprunghaftes Hinundher in ihren Anschauungen, keine Seitenpfade und Irrwege. Wir begegnen in diesem Leben nicht unbegreiflichen Verwirrungen des Gefühlslebens, es quellen nicht plötzlich aus dunklem Unterbewußtsein seltsame Lebensäußerungen und Empfindungen auf, und schon das junge Mädchen findet ganz klar den Weg heraus aus der Verstrickung, in die es sein Familiensinn für kurze Zeit hineingetrieben hatte.

Wollte jemand diesen Lebensweg bildlich darstellen, er müßte die lange gerade bergansteigende Landstraße wählen, ohne Seitenwege und Biegungen, Baumschatten und Sonnenflecke darüber und in der Ferne das hohe, helle, klare Ziel: die geistige Befreiung der Frauen, die Erziehung der Frau zum tätig bewußten Glied der Volksfamilie, die innerliche Versöhnung dieser Volksfamilie und das Überbrücken sozialer Unterschiede durch den Einfluß und die Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben.

Ehrenbezeigungen, wie Ordensverleihungen vermochten die überzeugte Demokratin, die alte Achtundvierzigerin nicht zu beeinflussen und den Weg des neuen Deutschland ging sie innerlich nicht mit, und vielleicht sah sie gerade darum von Anfang, von der Stunde an, da England in den Weltkrieg gegen Deutschland eintrat, so klar, daß Deutschland unterliegen würde. Bei allem Siegesjubel der ersten Zeit blieb immer ihr Wort: „Ach, ich will mich ja so gern irren!“

Bei der großen Schärfe ihres Verstandes, ihrem philosophischen Erkennen des Lebens war Henriette Goldschmidt immer die Frau voll Anmut und Kindlichkeit, sie besaß eine Grazie des Geistes, die immer ohne Schärfe das richtige Wort fand. Sie sah aber daher auch das Dunkle, Lauernde am Wege nicht; ein Ja war ihr ein Ja, ein Nein ein Nein, und sie hat es nie verstanden, daß im Handumdrehen aus Neinsagern Jasager werden konnten. Und wohl darum ist sie auch mitunter verkannt worden, auch von ihren Mitarbeiterinnen in der Frauenbewegung; ihr unverrückbares Zielsehen wurde nicht immer gewürdigt. Sie suchte immer die Einheit in der Mannigfaltigkeit, nach der Lehre ihres Meisters Friedrich Fröbel. Sie aber war selbst eine Einheit.

Leider sind die Aufzeichnungen, die Frau Henriette Goldschmidt hinterlassen hat, nur lückenhaft. Sie hatte nie das Gefühl der Verpflichtung, über jeden Lebensabschnitt der Nachwelt gewissermaßen Rechenschaft abzulegen. Sie lebte dem Tag und seiner Arbeit, lebte mit großer Leidenschaft ihrem Ziel, und die Vergangenheit war ihr goldenes Buch, das sie selbst, dank ihres glänzenden Gedächtnisses, zu jeder Stunde aufschlagen konnte, sich heiter daran freuend oder nachdenklich darüber sinnend. Selbst schrieb sie darüber: „Ich bin häufig von älteren und jüngeren Freunden, denen ich im geselligen Beisammensein Einzelheiten aus meinem Leben mitteilte, gebeten worden, meine Lebensgeschichte zu schreiben, doch konnte ich mich nicht dazu entschließen. In den Jahren lebensvoller Betätigung war es nicht nur der Mangel an Zeit, es war vielmehr der Mangel an Selbstbewußtsein. Durch meine öffentliche Wirksamkeit sind biographische Notizen in Zeitungen und Zeitschriften gelangt, so daß ich es für überflüssig hielt, meine Persönlichkeit noch öffentlich vorzustellen.“

Über manche Zeit ihres Lebens, so ihre Anteilnahme an der deutschen Frauenbewegung, sind schon Niederschriften vorhanden, und es ist nicht der Zweck dieses kurzen Lebens- und Arbeitsbildes, zu schnell Festgelegtem vielleicht, eine neue Beleuchtung zu geben, vielmehr soll hier das ganz eigene persönliche Wirken Henriette Goldschmidts, besonders, wie sie neben ihrer Pionierarbeit in der deutschen Frauenbewegung sich ihren eigenen Wirkungskreis schuf, in den zwei Abschnitten „Leben“ und „Schaffen“ dargestellt werden.

Aus Niedergeschriebenem, Erzähltem, Erinnerungen, geführten Gesprächen und flüchtig hingeworfenen Worten ist dieses kurze Lebensbild gewoben. Es zeigt nicht die modernen grellen Linien derzeitiger Gewebe, der Hauch der vergangenen, der wirklich guten alten Zeit ruht über diesem Leben, denn seine Wurzeln hingen noch in der klassischen Zeit. Der Geist von Weimar war es, der dieser Frau die Kraft und den Aufschwung gab, sich selbst zu einer Persönlichkeit von ganz eigenartigem Gepräge zu entwickeln. Dem Geist von Weimar blieb sie ihr Leben lang treu, von ihm wich sie nicht um eines Halmes Breite ab, und so lebte sie ihr inneres und in seiner Einfachheit auch ihr äußeres Leben in dem Lichte, das uns von Weimar gekommen ist.