Henriette Goldschmidts Leben

1. Jugend.

Zwischen dem Weimar des Jahres 1825 und dem deutsch-polnischen Städtchen Krotoschin von damals, welche ungeheure, geistige Entfernung! In der kleinen Provinzstadt spürten wohl nur wenige den Hauch des Geistes von Weimar; es war ein richtiges Philisternestchen, in dem am 23. November 1825 Henriette Benas als sechstes Kind eines jüdischen Kaufmanns geboren wurde. Das wohlhabende Haus, in dem sie aufwuchs, war durch die kühle Strenge der unmütterlichen zweiten Frau des Vaters der hellen Wärme einer echten Heimstätte beraubt worden. Es ist bezeichnend für die geistige Wertung des Fraueneinflusses in damaliger Zeit, daß der geistig hochstehende Vater, von dem die Tochter sagte, er hätte seinen Kindern „die Anregung für die Auffassung der Lebensverhältnisse über das ewig Gestrige hinaus gegeben“, die zweite Frau wählte, weil sie nicht lesen und schreiben konnte, seinen fünf mutterlosen Kindern also eine fürsorgliche Mutter sein würde, deren Geist nicht durch überflüssige Lek türe abgelenkt werden würde. Trotz ihrer Unbildung besaß die Frau aber eine gewisse Würde des Wesens, sie war sich ihrer Stellung als Hausfrau bewußt, und der Haushalt mit allen seinen Verzweigungen nahm, nicht immer zur Freude der Kinder, ihr ganzes Denken in Anspruch, und sie verlangte dies gleichfalls von den heranwachsenden Töchtern. Henriette schrieb später von dem Einfluß der Stiefmutter: „Leider war unsere Stiefmutter keine mütterliche Natur, und wie alle Vorurteile genährt und gestaltet werden durch die Gedankenlosigkeit der Menschen, so wurde auch dies schwierige Verhältnis der Stiefmutter durch liebevolle Verwandte und Freunde für uns Kinder unnötig bedrückend gemacht. Es entwickelten sich nach und nach alle die Unstimmigkeiten, die in solchem Verhältnis gang und gäbe sind. Ich kann nicht behaupten, daß ich im Verkehr mit meiner Stiefmutter mich als prädestiniert für eine Schülerin Fröbels betrachten kann, doch hatte das Mißverhältnis einen Kampf in mir erzeugt, der mein Wesen, vielleicht mein Leben hätte vernichten können.“

Von ihren Vorfahren wußte Henriette Goldschmidt-Benas nicht allzuviel; an ihre eigne Mutter erinnert sie sich nicht mehr, sie war etwas über fünf Jahre alt bei deren Tode. Den tiefsten Eindruck hat auf ihr Kindergemüt das Schicksal ihres Großvaters gemacht. Sie schrieb von ihm: „Vor meinem geistigen Auge steht mein Großvater so, wie er aus den Erzählungen seiner Frau und seiner Kinder hervortrat. Ich selbst lernte ihn infolge seines frühen Todes nicht kennen. Er war in Krotoschin geboren, wurde, wie es damals üblich war, mit achtzehn Jahren verheiratet und entschloß sich, seine Heimat, Frau und Kind zu verlassen, um sich eine umfassendere Bildung zu verschaffen; seine einzigen Vorkenntnisse waren die des hebräischen Schrifttums. Er wandte sich zuerst nach Berlin an Moses Mendelssohn, den bekannten Philosophen ..... Mein Großvater suchte ihn auf und erhielt durch seine gütige Vermittlung die Stelle eines Hauslehrers in Fridericia in Dänemark. Im Hause eines begüterten Glaubensgenossen, namens Rée, wurde er Lehrer des Hebräischen und blieb mehrere Jahre in dessen Hause. Er nahm teil an dem wissenschaftlichen Unterricht seiner Schüler und hatte somit Gelegenheit, sich ein gründliches Wissen anzueignen. Ja, bei einem Besuche des Königs von Dänemark in Fridericia erhielt er den Auftrag von der dortigen jüdischen Gemeinde, den König in französischer Sprache zu begrüßen. Daß es ihm schwer fiel, das Land und die Verhältnisse, die ihn zum Manne gereift hatten, zu verlassen, ist begreiflich, aber seine Frau war nicht zu bewegen, von Krotoschin fortzugehen, und so mußte er sich entschließen, in seine ihm fremd gewordene Heimat zurückzukehren.“

Dieser Großvater, der in seinen letzten Lebensjahren immer weiß gekleidet ging, stand seiner Frau wie ein höheres Wesen vor Augen, und die Ehrfurcht vor der Weisheit des Mannes ging auch auf die Enkelkinder über. Die Großmutter selbst mit ihrer liebevollen Güte lebte noch lebendig in der Erinnerung der Enkelin. Von den Kindern blieb nur der Vater Henriettes in Krotoschin. Henriette war Art von seiner Art, war es innerlich und wohl auch äußerlich, denn noch in späteren Lebensjahren erinnerten die Greisin selbst manche ihrer Bewegungen an den Vater. Dieser, ein sehr lebhafter, fortschrittlich gesinnter Mann, pflegte manchmal zu sagen, wenn seine Kinder allzu leidenschaftlich in politischen Fragen Partei nahmen: „Ich habe doch sonderbare Kinder!“

Daß er selbst in seiner Art Vorbild der Kinder war und erheblich in seinem Wesen von dem seiner Mitbürger abstach, kam ihm dabei kaum zum Bewußtsein. Seine Tochter schildert ihn im Anschluß an den aus Kaufleuten bestehenden jüdischen Teil der Bevölkerung Krotoschins:

„Meinem Vater sagte der Kleinkram des dortigen Geschäftslebens wenig zu, er konnte sich nicht beschränken, an den zwei Markttagen der Woche von den Bauern Getreide zu kaufen und an den Müller zu liefern, er trat in Beziehung zu Geschäftshäusern in Stettin, Berlin und Hamburg. So waren seine Unternehmungen als Kaufmann großzügiger Natur. Da seine Jugend in den Anfang des 19. Jahrhunderts fiel, erlebte er die Befreiungskriege mit, und sein Sinn blieb stets der Geschichte und den politischen Erscheinungen der Gegenwart zugewendet. So verfolgte er, der überaus beschäftigte Kaufmann, mit wärmster Anteilnahme und lebhaftestem Interesse die innere Bewegung der vierziger Jahre, die auf allen Gebieten des Geisteslebens die Gemüter ergriff.“

Neben dem Vater, der Stiefmutter und den Geschwistern (vier waren zwischen ihr und der zehn Jahre älteren Schwester noch im frühesten Kindesalter gestorben), mit denen die junge Henriette innige Liebe verband, waren es noch einzelne Gestalten, die schattenhaft in der Erinnerung der alten Frau auftauchten. Vor allem war es eine Tante Ninon, an die sie sich lebhaft erinnerte. Diese Tante Ninon hatte offenbar ein großes schauspielerisches Talent besessen, sie wußte ganze Rollen auswendig, mimte sie den Kindern vor und fesselte die kleine Schar auch immer wieder durch phantastische Erzählungen von einer Reise nach – Breslau. Dann lebte noch ein greiser Onkel in der Erinnerung der alten Frau fort, der noch mit etwa neunzig Jahren zu sagen pflegte, wenn jemand vom Tode sprach: „Zu was brauche ich mich zu sputen auf das, was mir so gewiß ist.“

Ganz frühe Kindheitserinnerungen knüpften sich noch an einen Brand, bei dem eine Anzahl Häuser vernichtet wurde, und der ihrem Vater, der sie selbst aus seinem gefährdeten Hause trug, beinahe Freude bereitete, da er in seinem Optimismus bereits an Stelle der engen, ungesunden, winkeligen Quartiere neue helle Heimstätten erstehen sah.

Sonst hatten sich ihr die frühen Kindheitserinnerungen durch ihr reiches späteres Erleben ziemlich verwischt; lebhaft gedachte sie noch eines Gartens, in dem die Kinder für wenige Pfennige so viel Beerenobst essen durften, wie sie wollten, und dabei manchmal des Guten etwas zuviel taten. Es ist bezeichnend für das Kindheitserinnern, daß diese beiden zeitlich auseinanderliegenden, ganz verschiedenen Tatsachen den stärksten Eindruck hinterlassen haben.