Die Schule vermittelte der jungen Henriette nur geringe Bildungswerte, sie war aber den noch die Ursache, daß die Greisin, schon fast neunzig Jahre alt, einige kurze Aufzeichnungen machte. Zur Eröffnung der Hochschule für Frauen in Leipzig 1911 sandte nämlich der Direktor der Töchterschule in Krotoschin einen Glückwunsch, verbunden mit einer Einladung zum fünfundsiebzigjährigen Jubiläum der Schule, zu deren ersten Schülerinnen die junge Henriette gehört hatte. Sie schrieb davon später nieder:
„Dieser Rückblick auf die lange hinter mir liegende Vergangenheit brachte mir den Weg zum Bewußtsein, den ich zurückgelegt. Nur einem inneren Drange folgend, bin ich von der kleinen Stadt in der Provinz Posen in die deutsche Kulturwelt hineingewachsen. Ohne einen anderen Unterricht als den dürftigen einer Elementarschule und den Besuch eines Jahreskursus in einer, aus einer Klasse bestehenden Töchterschule, bin ich zur Gründung einer Hochschule für Frauen gelangt in einer der anerkanntesten Kulturstädte des Vaterlandes.
Mit vierzehn Jahren hatte ich meine Schulzeit beendet. Eine große Bereicherung hat sie mir nicht gebracht, dennoch ist sie natürlich nicht ohne Einfluß auf meine innere Entwicklung gewesen, brachte sie mich doch in Beziehung zu Mitschülerinnen aus einem anderen, als dem gewohnten Lebenskreise. Zum erstenmal trat ich Töchtern aus dem deutschen Beamten- und Offizierstand nahe, empfand zum ersten Male, daß diese sich in bevorzugter Stellung den jüdischen Mitschülerinnen, also auch mir gegenüber zu befinden glaubten, und es kam zu kleinen Zwistigkeiten zwischen uns. Einen Streit hatte ich mit einer adeligen Majorstochter, die das vertrauliche Du, das wir fast alle untereinander gebrauchten, auch bei mir anwendete, sich aber berechtigt fühlte, sich von mir den gleichen Gebrauch ihr gegenüber zu verbitten. Ich war darüber derartig entrüstet, daß ich den Eintritt des Lehrers überhörte, so daß er Zeuge des Streites wurde. Zur Ehre dieses Lehrers sei erwähnt, daß er sich meiner, der Herausgeforderten, annahm und das junge Fräulein von Soundso in seine Schranken zurückwies. So jung ich damals war, so hatte ich doch in einer Zeit und in Verhältnissen, in denen es als selbstverständlich galt, die Juden nach Belieben zu behandeln, so viel Persönlichkeitsgefühl, um gegen solche mich beleidigende Behandlungsweise gewappnet zu sein!“
Das starke Gerechtigkeitsgefühl, das leidenschaftliche Temperament rissen die junge Henriette auch manchmal zu unbedachten Äußerungen hin. An den Wortlaut des Streites mit einer Mitschülerin aus einer anderen Gesellschafts schicht erinnerte sie sich nicht mehr genau. An eine Szene aber dachte die Greisin noch mit heiterem Lachen. Der Lehrer wandelte in der Klasse auf und ab, und stieß von Zeit zu Zeit tiefe Seufzer aus und jedesmal sagte er, vor Henriette Benas stehenbleibend, dumpf: „Wem gelten diese Seufzer? Dir, Benas, gelten sie!“ Die Szene machte einen tiefen Eindruck auf die junge Henriette, noch schluchzend trat sie mit der Freundin den Heimweg an und sagte zu dieser, auch einem Jettchen: „Du wirst sehen, daß ich nie mehr im Leben lachen werde.“ Sie hat dann freilich das gute herzbefreiende Lachen wieder gelernt, hat es bis in ihr Alter sich bewahrt und pflegte später lobend von einem Menschen zu sagen: „Er hat so ein gutes Lachen.“
Übrigens blieb sie mit dieser Freundin bis zu deren Tode in tiefster Zuneigung verbunden, und als sich die alten Damen, so um die Wende ihres achtzigsten Lebensjahres herum, endlich einmal wiedersahen, da standen die kleine Stadt, das ganze Leben von damals vor beiden auf, und herüber und hinüber tönte die Frage. „Jettchen, weißt du noch? – Jettchen denkst du noch an unseren sächsischen Klavierlehrer, der immer verlangte, ich sollte mit mehr „Gefiehl“ spielen.“ Jettchen hin, Jettchen her, es war die gute alte Biedermeierzeit, die vor beiden aufstand.
Der große Weise von Weimar lebte noch, als die junge Henriette zum ersten bewußten Leben erwachte, doch seine Sonne stand nicht über ihrer Jugend, ihr kam der Glanz von seinem frühe dahingegangenen Freund, von Schiller. Dieser verklärte ihr Leben, und der Glanz blieb hell, verblich nicht bis zu ihrer Todesstunde; Schiller war und blieb „ihr“ Dichter. Als sie mit 94 Jahren einen Unfall erlitt und sich in ihrer Wohnung eine schwere Kopfverletzung zuzog, die mehrfach genäht werden mußte, fürchtete der treue Arzt nach der Aufregung und dem großen Blutverlust Fieber. Ihre im Hause wohnende jüngere Freundin übernahm die Nachtwache, und als sie an das Bett der Kranken trat, sah diese mit großem tiefen, aus schönen Weiten kommenden Blick zu ihr auf und sagte: „Mein Kind, eben habe ich mir die Ideale von Schiller vorgesagt, wie schön sind sie doch!“
Die junge Henriette lernte ihren Schiller nicht durch Literaturunterricht kennen, sie las, sie erlebte ihn. Als Elfjährige fand sie den Weg zu ihm. Da die Mutter Lesen abends bei Licht für überflüssig hielt, saß sie im Mondenschein auf dem kleinen engen Haushof und las mit klopfendem Herzen, das Buch dicht vor die Augen haltend. Sie trank des Dichters Worte in sich hinein, und sie war Johanna, sie war Maria Stuart, sie lebte und litt mit den Gestalten seiner Werke und einmal ergriff sie sogar im Eifer eine Stange, die auf dem Hofe stand, und rief mit lauter Stimme über den Hof: Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften!
Ein so großes Verstehen der Werke unsrer schöpferischen Pädagogen sie später als Henriette Goldschmidt zeigte, und so viel sie in ihrer Arbeit der Jugend diente, auch einer unserer besten von den älteren Jugendschriftstellerinnen, Emma Wuttke-Biller freundschaftlich nahe trat, so hielt sie doch lange Schillers Werke für die geeignetsten Jugendschriften. Sie fand, die Jugend, die Schiller besaß, brauche keine anderen Bücher. Ihren drei Stiefsöhnen las sie in Krankheitstagen besonders gern Schiller vor, und der eine, damals zehnjährig, fragte sie einmal: „Mutter, warum ist es denn Unrecht, daß Don Carlos seine Mutter liebt, ich liebe dich doch auch!“ Die Begeisterung für Schiller fand auch bei den Geschwistern Widerhall, besonders wurde die fünf Jahre jüngere Schwester Ulrike bald die vertrauteste Freundin der jungen Henriette. Das hochbegabte Mädchen teilte ihre geistigen Interessen frühe, während die anderen Schwestern etwas außerhalb standen, die älteste hatte sehr frühe geheiratet, eine andere Schwester aber war schon als Kind schwer krank. Mit dem Bruder dagegen waren die Schwestern innig vertraut, dennoch fand er sich manchmal zurückgesetzt, und den Vorzug, der einzige Sohn im Hause zu sein, nicht recht gewürdigt. Er klagte dann wohl: „Ich bin doch euer einziger Bruder, den ihr habt.“
In dies herzliche Geschwisterleben fiel ein schwerer, dunkler Schatten, als die älteste Schwester, noch nicht dreißigjährig, während einer Typhusepidemie starb. In ihren Aufzeichnungen schreibt die Greisin darüber: „Meine Schwester hinterließ drei Kinder, deren jüngstes noch bei der Amme war. Wir Geschwister waren tief erschüttert, tiefer und nachhaltiger, als es sonst die Natur solch jungen Geschöpfen gestattet. Mir, der nunmehr ältesten Schwester, fiel die Sorge um die kleinen Nichten zu, während für den Haushalt des Schwagers eine ältere Verwandte eintrat. Es ist bei solch traurigem Familienereignis wohl die beste und einfachste Lösung, wenn die zweite Schwester den Schwager heiratet und die Mutter ersetzt. Mein Schwager war ein gebildeter Mann, er stand vor dem Abschluß seines Studiums, als er meine Schwester kennen lernte. Da entschloß er sich zu verzichten und trat in das Geschäft meines Vaters ein. Wir lebten in gutem geschwisterlichem Verhältnis miteinander und als er nach Ablauf des Trauerjahres mit meinem Vater über die Verbindung mit mir sprach, sagte dieser: „Sie können ja mit meiner Tochter über die Verbindung selbst reden, ich glaube, Sie verstehen sich gut miteinander.“
Und auch ich glaubte es, die ich nur von dem Wunsche beseelt war, die verwaisten Kinder vor dem Schicksal einer anderen Stiefmutter zu bewahren. Es dauerte ziemlich lange, ehe ich mir klar wurde, daß mein Gefühl für die Kinder sich nicht auf den Vater übertragen ließ. Und so kämpfte ich in jungen Jahren einen harten Kampf, dessen Bedeutung ich erst viel später erkannte. Es war ein Kampf des unbewußten Gefühlslebens, das sich zu behaupten suchte, trotz des eigenen Widerstandes. Dieser Abschnitt meines Lebens könnte in einer Biographie einen Raum einnehmen, der für die Kenntnisse des Seelenlebens wertvollen Stoff lieferte.“