2. Die Anstalt vermeidet bewußt die Einstellung auf die Fachausbildung für nur einen Frauenberuf, wie das die sonstigen Fröbelseminare, sozialen Frauenschulen u. dgl. tun. Die bisherige zehnjährige Erfahrung hat gezeigt, wie vorteilhaft es für die Erweiterung des Gesichtskreises der Schülerinnen ist, wenn sich an derselben Bildungsstätte Lehrer und Schülerinnen mit den verschiedensten geistigen Interessen und Berufszielen zusammenfinden. Aus diesem Grunde wird neben gründlicher theoretischer und praktischer Fachausbildung Gelegenheit geboten zu umfassender allgemeiner Fortbildung der Schülerinnen nach eigener Wahl. Ohne dem eigentlichen pädagogischen Großbetrieb das Wort reden zu wollen, muß doch gesagt werden, daß nun einmal ein pädagogischer Zwergbetrieb – wie ihn die meisten derartigen Anstalten darstellen – von wenigen, besonders günstig liegenden Ausnahmefällen abgesehen, in persönlicher und sachlicher Beziehung nicht die gleiche Leistungsfähigkeit entfalten kann, wie eine große öffentliche Lehranstalt.

Henriette Goldschmidt schrieb 1911 im ersten Plan für die Frauenhochschule: „Es fehlt bisher an einer höheren pädagogisch-sozialen Bildungsstätte für die Frauenwelt.“ – Und sie hatte Recht. Überall bestanden pädagogische und soziale Berufsschulen für Frauen nur getrennt. Unsere moderne Kulturentwicklung aber, besonders der starke soziale Zug unserer Zeit und die jetzt immer mehr sich verbreitende Erkenntnis, daß gewisse Nöte unseres Volkes nur durch großangelegte Erziehungsmaßnahmen beseitigt werden können, macht eine Vereinigung pädagogischer und sozialer Arbeit dringend nötig. Je inniger die Verbindung beider ist, umso reicher werden sich beide Teile gegenseitig be fruchten. Darum müssen schon während der Ausbildungszeit unserer zukünftigen pädagogischen und sozialen Berufsarbeiterinnen so viel als möglich Fäden hinüber und herüber gesponnen werden. Das hatte Henriette Goldschmidt erkannt und erstrebt, das will – getreu seiner Tradition – das Sozial-pädagogische Frauenseminar der Stadt Leipzig in seiner jetzigen Form verwirklichen.

Das Erbe Henriette Goldschmidts ist also nicht aufgegeben worden, es lebt fort, nur in anderer, in zeitgemäßerer Gestalt, es lebt und wirkt fort zum Segen unseres Volkes.

Anmerkungen

1.

In seinen Briefen schrieb später Karl Jatho über Dr. Goldschmidt an seine Eltern:Leipzig, d. 9. 11. 1872.Eine ebenso angenehme wie nützliche und belebende Bekanntschaft habe ich gemacht an dem hiesigen Rabbiner Dr. Goldschmidt – seine Frau hielt vor einigen Jahren in einer Weiberemanzipationsversammlung zu Kassel eine Rede, vielleicht erinnert Ihr Euch dieses Vorfalles noch. Er ist ein Mann von ebenso wahrem Wissen als Gemüt und Herz; seine Religion ist die Menschenliebe, sein Glaube hält sich an einen Gott, der in der Seele vorgebildet ist; im übrigen unerkennbar, also nur demütiger Verehrung zugänglich. Daraus wird es erklärlich, daß er ebenso teilnehmend in seiner nationalen wie in der christlichen Theologie jeder Konfession arbeitet und lebt, überdies aber die Philosophie als Mutter und Grund aller idealen Wissenschaften hoch schätzt und gründlich studiert hat ... Und so kamen wir in ein Gespräch über den Zwiespalt der Bekenntnisse, welcher umso betrübender sei, je klarer sich die Einheit des rein menschlichen, der guten wie schlechten Eigenschaften herausstelle ...Leipzig, d. 21. 12. 72.Da ist hier mein Gönner, der Rabbiner (Dr. Goldschmidt), mit dem ich sehr rege und freudig verkehre, nach wie vor meine innigste Freude und Verehrung. Nicht einmal verlasse ich sein Haus, wo ich nicht eine frische Anregung zum Guten, zum Nützlichen empfangen hätte; er zieht alles Entgegentretende in den Ring seiner Tätigkeit, die rein wie lauteres Gold im Wohl und Glück der Mitmenschen ihren sich selbstumfassenden Abschluß findet. Dabei stehen ihm die Mittel der Gelehrsamkeit, der Weltkenntnis, der eindringlichen Rede zu Gebote, kurz, er besitzt so vielerlei, was ich mit keinem anderen Ausdruck zu benennen weiß als einer gesunden Religiosität, die, frei von aller Dogmatik, nur in der Tat ihr höchstes Ziel erkennt. Wirken ist sein Losungswort, Menschlichkeit der Grundton seines Charakters. Er sucht den Himmel auf der Erde und in seinem Herzen, das im Bewußtsein einer guten Tat den vollen Genuß eines göttlichen Friedens empfindet ...

2.

„Vom Kindergarten zur Hochschule für Frauen. Ein Rückblick auf die Anfänge der deutschen Frauenbewegung und das Erziehungswerk Friedrich Fröbels.“ (Zeitschrift für pädagogische Psychologie 1918.)

3.

Originalgetreue Neuausgabe erschien im Verlag Ernst Wiegandt, Leipzig. Abgeänderte Neuausgabe (bearbeitet von Henriette Goldschmidt) in der Jaeger’schen Verlagsbuchhandlung, Leipzig.