Doch ihr fröhlich Auferstehen

kostet eine Höllenfahrt!“

Ja, noch viel später, als sie die 90 schon überschritten hatte, konnte die Greisin wohl eins der Herweghschen Gedichte mit starker, ganz junger Stimme sagen, und in den Augen lag der Glanz jenes Erlebnisses.

Und der junge Reisegefährte?

In den Erinnerungen heißt es von ihm: „Mein Reisegefährte war Julius Behrens, evangelischer Theologe, der aber damals schon entschlossen war, die Theologie mit der Politik zu vertauschen. Er war es, der später als der „rote Behrens“ bekannt wurde und in der ersten Kammer, nach der Revolution, den Antrag auf Anerkennung der Revolution von seiten der preußischen Regierung gestellt hatte. Ich habe ihn in den fünfziger Jahren in Berlin nochmals wiedergesehen, aber die Reaktion war damals schon in vollem Gange, so daß er in sehr gedrückter Stimmung war und den Entschluß ge faßt hatte, nach Australien zu gehen, den er später auch ausgeführt hat. Mein Onkel, bei dem ich in Berlin wohnte, war einigermaßen entsetzt über meine Bekanntschaft mit dem „roten Behrens“, die allerdings eine Aufregung nach sich zog. Man hatte nämlich bei ihm, dem politisch Geächteten, eine Haussuchung abgehalten und dabei einen Brief von mir gefunden, der sich auf eine Erkundigung eines Berichterstatters über die Verhältnisse der Provinz Posen für die Nationalzeitung bezog. So kam auch ich ganz unverdienter Weise zu der Ehre einer Haussuchung, der man in damaliger Zeit sehr leicht teilhaft werden konnte.“

Mit den „Gedichten eines Lebendigen“ als Reiseergebnis kehrte die junge Henriette nach Krotoschin zurück. In dem kleinen Nest waren es mehr oder weniger Seifenblasen, die die Revolution erzeugte. Nur die Juden dort wurden durch die polnische Frage ganz besonders erregt. „Mein Vater,“ schrieb Henriette Goldschmidt, „empfand den Segen der Kultur, den die preußische Regierung der Provinz Posen gebracht. Als der Aufstand 1848 ausbrach, fühlte er sich als preußischer Bürger, ja – wir müssen im Geist jener Zeit sagen, als preußischer Untertan.“ Daß dies nicht buchstäblich zu nehmen ist, sehen wir daraus, daß er sich einen Majestätsbeleidigungsprozeß zuzog.

Der Anlaß war eine Volksversammlung, bei der er das Wort ergriff, um einen Protest zu veranlassen gegen das Reaktionsministerium, das Friedrich Wilhelm IV. an Stelle des März-Ministeriums berufen wollte. Er tat es leidenschaftlich und heftig, denn das Wort sorgsam und vorsichtig abwägen, war seine Sache nicht.“ Der Prozeß verlief ergebnislos im Sande, übrigens nahm ihn der Vater Benas sehr gelassen hin. Es gab damals Petitionen über Petitionen, jeder Stand petitionierte, und die beiden politisch so stark erregten Schwestern wollten auch eine Petition erlassen, im gleichen Sinne wie der Vater gesprochen hatte. Sie schrieben sie nieder, da aber damals die Frauen keinerlei öffentliche Rechte hatten, mußten sie schon die Unterschriften von Männern dazu haben. Henriette Goldschmidt erzählt: „Da wir in einer Stube im Parterre unseres Hauses wohnten, riefen wir vom Fenster aus alle vorübergehenden Männer herein und baten sie, die Petition zu unterschreiben. Wir bekamen eine stattliche Anzahl Unterschriften und sandten die Petition auch nach Berlin. Da unsere Stube durch die vielen Männerstiefel recht unsauber geworden war, baten wir die Mutter, sie scheuern zu lassen, denn wir hatten viele dienstbare Geister im Hause. Sie aber sagte: Ihr könnt sie selbst scheuern, ich habe für solche Sachen keine Bedienung.“ Den Schwestern erschien es nicht allzu schwer, dies Opfer für ihre politische Meinung zu bringen. „Wir schürzten unsere Röcke und scheuerten darauf los. Die Glieder taten weh ob der ungewohnten Arbeit, aber wir lachten und sagten: Wenn man eine Nacht durchtanzt, hat man auch Gliederschmerzen.“

Die jungen Revolutionärinnen haben dann noch einmal herzhaft gelacht in dem tollen Jahr, sie übten eine Schelmerei aus, freilich dazu nur von ihrem Gerechtigkeitsgefühl getrieben; auch davon erzählte die Greisin, immer noch ein wenig mit dem Lachen und dem Glanz in den Augen der für Recht und Freiheit begeisterten Jugend: „Es gab in der Provinz Posen Aufstand und auch in Krotoschin rückte Militär ein. So kam es, daß preußische Offiziere auch in jüdische Familien einquartiert wurden und sich ein gemütlicher Verkehr zwischen den Offizieren und ihren Quartiergebern bildete. Die deutsche Beamtenwelt Krotoschins hatte eine gesellige Vereinigung, Ressource genannt, gegründet und diese veranstaltete einen Ballabend zu Ehren der preußischen Offiziere. Diese sprachen recht angeregt bei ihren Wirten von dem bevorstehenden Vergnügen in der angenehmen Erwartung, mit den jungen Töchtern des Hauses tanzen zu dürfen. Das war eine große Verlegenheit für die guten Kinder, denn sie schämten sich zu gestehen, daß sie keinen Zutritt zu diesem Balle hatten. Wir hörten von andrer Seite, der Vorstand der Ressource hätte in einer Sitzung die Frage aufgeworfen, ob Juden in die Gesellschaft aufgenommen werden sollten. Das Jahr 1848 klopfte mit dieser Frage an die Tore einer neuen Zeit, denn bis dahin dachte niemand an die Möglichkeit, daß Juden zu den Beamten- und Offizierskreisen Zutritt bekämen. Wir hörten nun, daß der Vorsitzende der Gesellschaft sich entschieden gegen die Aufnahme der Juden ausgesprochen hätte. Obgleich die Sache mich persönlich gar nicht berührte, da unser Haus keine Offiziere beherbergte, kränkte meine junge Schwester und mich das Vorkommnis tief und wir beschlossen, dem besagten Herrn Vorsitzenden einen Schabernack zu spielen. Eine große Schlafmütze wurde aus Papier gefertigt, ein dicker Zopf von Stroh geflochten, beides in eine Kiste gelegt und obenauf ein Schreiben: ‚Die Schlafmütze und den Zopf, die Deutschland abgeworfen, senden wir Ihnen zum morgenden Ballabend. Die Gesellschaft ist vorbereitet, Sie in diesem Schmucke zu begrüßen!‘

Die Urheber wurden entdeckt, und der betreffende Herr wandte sich an meinen Vater, der dadurch die Geschichte erfuhr. Dieser nahm die Sache nicht sonderlich schwer, ja im Grunde leitete ihn wohl bei seiner Beurteilung das gleiche Gefühl wie seine Töchter, ähnliche Empörung für eine offenbare Ungerechtigkeit. Und in dem Brausen und Fluten der Zeit, die damals über Deutschland dahinzog, wurde leicht ein törichter Mädchenstreich vergessen.“

Von dem gewaltigen, ihr innerstes Wesen aufwühlenden Eindruck, den diese Zeit aber auf Henriettes ganzes Leben und das Gleichgesinnter gemacht, heißt es in ihren Erinnerungen: „Wie mächtig das Jahr 1848 die Zeitgenossen erregte, zeigt die Nachwirkung, die es ausübte. Kein späteres Ereignis, selbst nicht der Krieg von 1870/71 hat eine gleiche Erschütterung hervorgerufen. Meine beiden Kolleginnen Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, namentlich die erstere, waren gleich mir der Überzeugung, daß die Frauenbewegung der politischen Bewegung jener Zeit ihre Entstehung verdankt.“