Die Bewegung ebbte ab, die Reaktion der fünfziger Jahre trat ein. Fast gleichzeitig verlor Henriette Benas die Heimat. 1850 siedelte die Familie, gar nicht zur Freude der Kinder, nach Posen über. Sie fühlten sich dort fremd und entwurzelt, und die Schwestern blieben auch fremd in der so viel größeren Stadt. Nur einen kleinen Nachklang des Jahres 1848 gab es noch, die erstmalige Teilnahme an einer sozialen Arbeit. „In Posen habe ich mich“, erzählt Henriette Goldschmidt, „zum erstenmal an freiwilliger sozialer Hilfsarbeit beteiligt. Ein alter Herr hatte die Idee, einen Verein zu gründen für ‚Frauen und Jungfrauen‘, die sich armer Kinder nach den Schulstunden annehmen sollten, ihre Schularbeiten beaufsichtigen, ihnen Handarbeitsunterricht erteilen, ihnen überhaupt Schutz und Pflege angedeihen lassen.“ Die junge Henriette interessierte sich lebhaft für diese Gründung, nicht ahnend, daß sie damit etwas tat, das mit ihrer späteren Lebensarbeit in tiefstem innerem Einklang stand. „Zuerst sollten eine Anzahl junger Damen Mitglieder für diesen Verein werben“, schreibt sie. „Ich unterzog mich in Begleitung eines anderen jungen Mädchens dieser Mission. Wir trugen damals Schuhe, die mit Bändern zusammengebunden waren, die sich leicht lösten. So mußte bald meine Begleiterin stehenbleiben, um wieder zu binden, bald mußte sie warten, weil ich dasselbe vorzunehmen hatte. Ob dieses öfteren Stehenbleibens wurde ich ungeduldig und sagte: Warum können wir nicht, wie die Männer mit Gummieinsatz die Schuhe festhalten?

Da sah mich meine Begleiterin verwundert an und sagte: ‚Was Sie für Ideen haben, Sie werden wohl noch einmal eine Revolution machen!‘ Ich erwiderte lachend, daß diese ja schon gewesen sei.“ Doch hat sie später bei dem Kampf um das Recht der Frau oft an das prophetische Wort denken müssen!

Aber ehe Henriette Benas diesen Kampf begann, ehe die in den vierziger Jahren gesäte Saat reifen konnte, trat erst noch eine große Veränderung in ihrem Leben ein, sie wurde Frau, folgte einem Gatten in die wirkliche Fremde, sie, die Freiheitssehnsüchtige, kam in Europas unfreiestes Land, nach Rußland, und mit dem Gatten zugleich waren es drei mutterlose Kinder, die ihre Sorge und Liebe verlangten, die sie treu an ihr Herz nahm.

3. Die ersten Ehejahre in Warschau.

Henriette Benas heiratete im Jahre 1853 einen Verwandten, den Prediger an der deutsch-jüdischen Gemeinde in Warschau, Dr. Abraham Goldschmidt. Diesmal brauchte es keiner schweren Überlegung, sie fühlte rasch heraus, dieser Mann war ihr geistesverwandt, und in einer langen, beide Gatten beglückenden Ehe hat sie niemals den Schritt bereut, der sie, wie sie es später oft nannte, nach Halbasien führte.

Der Mann ihrer Wahl, ein Neffe ihres Vaters, stammte aus einer kinderreichen, in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie. Auch seine Studien erstreckten sich zuerst wie die des Großvaters auf das Hebräische, doch auch wie dieser strebte er weiter und suchte sich deutsche Geistesbildung anzueignen. Er ging nach Breslau, um dort zu studieren. Er ging im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine beschränkten Mittel reichten nicht zu einer Postfahrt aus. Kümmerlich genug mußte er sich durchschlagen, es gelang ihm aber doch, das Gymnasium zu besuchen, sich weiterzubilden, und nach einigen Jahren erhielt er eine Anstellung an der jüdischen Elementarschule in Krotoschin. Damals wurde kurze Zeit die junge Henriette seine Schülerin, und von diesem Lehrer hörte sie auch die erste Predigt in deutscher Sprache. Es war bei einem Besuche, den er seiner Mutter in Krotoschin machte, als man ihn aufforderte, in einem sehr dürftigen Betsaal eine deutsche Predigt zu halten. Zu dieser nahm der Vater Benas seine kleine Tochter mit, er stellte diese auf seinen Sitzplatz, damit sie in dem überfüllten Saal geschützt blieb. Die Erinnerung an dies Ereignis hielt sie fest, und als nach Jahren der Vetter, ein gereif ter Mann, vor sie trat – er hatte in Breslau weiterstudiert, war jetzt Prediger in Warschau, hatte geheiratet und seine Frau verloren – gab sie ihm nach kurzem Sichkennenlernen das Jawort; es schreckte sie nicht, daß sie gleich die schwere und verantwortungsvolle Pflicht auf sich nahm, drei Knaben zu erziehen, von denen der älteste zehn Jahre alt war1.

Dr. Goldschmidt war ein freigeistiger Mann, dem jede Orthodoxie fernlag, zu ihm konnte seine Frau auch das Wort sagen: „Meine Erzväter sind Schiller, Lessing und Goethe.“

Henriette Goldschmidt hat sich dabei immer zum Judentum bekannt, zu der monotheistischen Weltanschauung. Sie sagte davon: „Wenn auch der Kultus im Lauf der Jahrhunderte verschiedene Formen angenommen hat, so ist doch der innerste Gedanke in der Gesamtheit derselbe geblieben. Das Grundprinzip, der Einheitsgedanke, der Monotheismus bleibt unangetastet. Diese Bemerkung erklärt auch meinen eigenen Standpunkt. Ganz und gar erfüllt von dem, was der deutsche Geist gezeitigt hat, und be geistert von den Idealen, die der deutsche Genius zu gestalten strebt, ist mir die Tradition meiner Väter heilig geblieben. Die Einheitsidee alles Seins ist als religiöse Idee Monotheismus.“

In dieser Grundanschauung fanden sich die Gatten, und Henriette Goldschmidt-Benas hat daran festgehalten. Auch hier zeigte sich die gerade Linie, die durch ihr ganzes Leben geht, dieses unverrückbare Sich-selbst-treubleiben. Bei dieser Denkungsart mußte es später die Greisin, die von jeher allen Auswüchsen des Judentums ganz fern stand, tief schmerzen, als sie den wachsenden Antisemitismus der Kriegsjahre noch erlebte, wie sie ihn schon in den siebziger Jahren erlebt hatte. Ihr reiner, hoher, nur dem Geistigen zugewandter Sinn konnte diese Bewegung einfach nicht verstehen. Zu einer jüngeren Freundin sagte sie einmal, es war kurz vor ihrem Tode bei einer Auseinandersetzung über die Gründe, die zum Antisemitismus führen können, ganz still und feierlich wie ein Gebet das Goethesche Wort:

Gottes ist der Orient!