Weiß, schneeweiß die Kalkwände. Und der Turm, mit den schmalen schwarzen Luken. Das Glockengebälk. Die Glocken und die Balken silbern beleuchtet nach dem Mond zu, auf der anderen Seite tiefschwarz. In dem einen Fenster fängt sich das Mondlicht. Es sieht aus, als wären [pg 21] drin, in dem kahlen stillen Kirchenraum, Lichter angezündet zu irgendeinem mystischen, gespenstigen Gottesdienst.
Ein steiler Hang mit Kalkgeröll. Drüber, einsäumend, Gras, und schwarze Lebensbäume und mondbeschienene Kreuze und weiße Leichensteine dazwischen. Alles so still, so still …
Ob jetzt wohl unten vor über den abschüssigen Weg hin das gespenstige Gespann kommt? Es ist ganz feurig. Der Wagen, der Lenker drauf, die wilden Rosse: alles von rotem, glühendem Feuer. So lodert, flammt es über den Weg hin und unten in den umbuschten, laichgrünen Entenpfuhl hinein. Da findet es seine Ruhe.
Nein! Es ist ja noch nicht zwölf.
Und dann ist das auch nur in ganz schwarzen Nächten, in denen man die Hand nicht vor den Augen sieht, und da auch nur für Sonntagskinder.
Aber wie sonderbar! Es war mir doch wirklich zwei Sekunden so, als könnte das möglich sein. Ich habe, ein wenig zitternd, sogar darauf gewartet.
Man verlernt in einem so kleinen, dummen Neste doch all seine kluge, gute, verständige Großstadtweisheit. Man fühlt und glaubt das Ungereimteste wie ein Kind.
Ach, was ist der Verstand! – Der Verstand? Ach was! Der Verstand ist ein spargellang aufgeschossener, engbrüstiger, bläßlicher Lümmel, einen Kneifer auf spitzer Nase, vor kalten grauen Augen, mit schmalen mokanten Lippen und dünnem, glattgescheiteltem Haar von einem charakterlosen Blond. Das ist der Verstand. – Ein Lokalprodukt von elektrischem Licht, guten Fahrverbindungen, [pg 22] breiten, klaren, sauberen Straßen, modisch geputzten Menschen, Fabrikschornsteinen, Palästen und Telephonen …
Da geht alles so leicht und gut und bequem zu. Das Leben wird klar, plan, systematisch wie ein Rechenexempel, und selbst Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Bis einem gelegentlich ein mondbeschienener Kirchberg einen Strich durch die saubere, zierliche Rechnung macht und das Leben einen wieder einmal in einer stillen, nachdenklichen Stunde als Problem mit seinen geheimnistiefen, rätselhaft unergründlichen Nachtaugen ansieht …
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