[pg 50] Die liebe, schmutznäsige Unschuld, die noch in keine Kirche zu gehen braucht!

Das heißt, küssen möcht ich sie deshalb doch nicht, wie weiland Werther des Amtmanns Gören …

Eine Frau, aus einem niedrigen Fensterchen heraus oder über eine regenverwaschene Halbtür hinweg, die Kirchgänger zu mustern.

Zu drei gehen wir, mitten in der Gasse, andächtigen Schrittes hinauf.

Da ist die Frau Ortsvorsteher. Da das Fräulein vom Gute. Sie trägt sich ein wenig zu auffällig nach der neusten Mode. Sie besitzt ein sehr verwöhntes Spitzhündchen, ist sehr in der Marlitt und Werner belesen, und ihr Lieblingsbuch sind Geroks »Palmblätter«. Im übrigen ist sie hübsch und, wie man sich im Vertrauen mitteilt, vom »Herrn«, dessen Frau zurzeit in Karlsbad ist, viel zu sehr verwöhnt …

Da ist die Frau Gutsbesitzer Soundso. Ah! Und die Frau Amtmann mit ihren beiden Töchtern und dem Herrn Sohn, der in den Ferien da ist! Man hebt die Blicke und grüßt. So geht’s dem Geläute entgegen, das immer deutlicher wird. Nun den Kirchberg hinauf. Die Frau Wirtin keucht ein wenig und bleibt ab und zu stehen, uns auf die schöne Aussicht aufmerksam zu machen, die man nach beiden Seiten über die hellen Hügel und Felder hin hat. Zwischen den grünen Gräbern, zwischen denen ökonomisch Kantors Hühner nach Käferlarven und Würmern picken, drängen sich die dörflich bunten Sommertoiletten.

Die Kirchtür. Zu beiden Seiten, in Schneeballbüschen halb versunken, schief, zwei steinerne Ritter, über welche die Sonne ein Netzwerk von bläulichen Schattenflecken [pg 51] schaukeln läßt. Aus dem niedrigen, weißgetünchten Torgang weht es einem kühl entgegen. Oben versummt der letzte Glockenton. Drinnen setzt mit einem scharfen Ruck die Orgel ein.

Die Kirche dehnt sich in einem sonnigen Dunst. Querdurch, von den Fenstern schräg über die weißen Kirchstühle hin, legen sich drei breite, sonnige Lichtbalken.

Die Frau Pastor mit ihren sämtlichen Töchtern.

»O bitte! Nach Ihnen!«