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»Eins ist not, ach Herr, dies ei-neee …«

Die Schuljungen oben auf dem hellblau gestrichenen Orgelchor schreien aus vollem Halse, daß es einem mit Messerschärfe durch alle Nerven fährt, und dazwischen macht sich der Tenor des Herrn Kantor vernehmbar. Über die Kirchstühle in sanftem, schwebendem Säuseln der Diskant der Gemeinde, hier und da übertönt von einem altväterlichen Tremolo oder einem ungefügen Grundbaß. Bei den Fermaten das Fauchen und Arbeiten der Orgel.

Einen Augenblick stehen wir nebeneinander im Kirchstuhl über all den bunten Hüten und krummen Rücken. Die Damen verrichten sehr andächtig ihr Gebet. Aber ich merke, wie zwei Blicke meine Hände streifen: ein scharfer und ein erschreckter. Ich muß still in mich hineinlachen, lege die Fingerspitzen ineinander und senke den Kopf.

Ein Rauschen, Räuspern und das Blättern der Gesangbücher.

Und nun darf ich mich mit gutem Gewissen umsehen.

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[pg 52] Ich habe eine Anwandlung von Ironie, über die ich mich aber sofort ärgere. Und im nächsten Augenblick überschleicht es mich mit hundert heimlichen Erinnerungen, und nun vertraut sich mir das alles mit hundert Heimlichkeiten. Viel Umstände haben sie mit ihrem Gotteshaus nicht gemacht. Ein mäßig großer, weißgetünchter Raum wie eine große Scheune.

Aber Sonne! Sonne! – Von allen Seiten Sonne, Licht und Luft, und über wippendem Laub draußen der blaue Himmel. Von der blättrigen Decke herab hängt an einer langen, gegliederten Eisenstange ein schwarzverstaubter Kronleuchter mitten über den Köpfen der Gemeinde. Unter den Holzbrüstungen der Chöre mit ihrem plumpen Schnitzwerk in Glaskästen vertrocknete Totenkränze mit weißen, moirierten Schleifen; und mit starren, staubigen Falten ein paar vergilbte, gänzlich zerfetzte Fahnen. Hinten, wo der Raum in einen lichtdunstigen Spitzbogen zusammenläuft, steht in ärmlicher Pracht der kleine Altar. Zwischen den beiden Kerzen das schwarze Kruzifix mit dem vergoldeten Christus dran. Ihre stillen Flammen verbleichen in dem grellen Sonnenlicht. Davor die mächtige Bibel, aufgeschlagen, mit leuchtendem Goldschnitt, und dahinter ein gänzlich verdunkeltes Gemälde, das die Kreuzigung darstellt. Nur ein paar Gewänder leuchten noch grellbunt aus dem Dunkel vor, und schwefelgelb in der Mitte die beiden Schächer mit immensem Muskelwerk, und zwischen ihnen der dürre, verrenkte Leib des Erlösers. Ein schwarzes Altartuch reicht mit schmalen Silberfransen bis auf die rissigen, verwaschenen Steinfliesen herab. Oben, in der Nähe des Altars, die hölzerne, graublau gestrichene, ganz [pg 53] schmucklose Kanzel, zu der von beiden Seiten Treppen mit grobgeschnitzten Geländern hinaufführen. Dahinter an den kahlen, weißen Wänden lange, dunkle Gemälde. Verdiente Pfarrherren aus früheren Zeiten. Aus all dem Schwarz leuchten nur ihre roten Gesichter, die Hände, die goldenen Schnallen ihrer Bibeln hervor und vor allem die weißen Beffchen.

Ach! Mir ist zumute wie nach sämtlichen drei großen Festtagen des Jahres auf einmal! Zwischendurch aber ist es mir, als hört ich Rauschgold knittern und als röch ich angebrannte Wachskerzen, Fichtennadeln und buntlackiertes Spielzeug. Als ständ ich zur Christmette mit frostroter Nase oben auf dem Chor, vor mir, auf der Brüstung, in blecherner Tülle das brennende Wachsstöckchen, und jauchzte mit den anderen in den jubelnden Trompetenschall hinein, über all die roten, in einem Lichtglanz von tausend Kerzen strahlenden Gesichter, und als hört ich die Stimme des Pastors: »Freuet euch mit mir, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids!«