Wie zutraulich nah einem das alles ist!
Was man für eine wunderliche Wegstrecke zurückgelegt hat von da bis hierher!…
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Die Orgel lärmt ein frohlockendes Nachspiel herunter. Ein allgemeines Räuspern, Rauschen, Husten und Scharren. Die letzten Strophen hindurch hatte sich der Gesang eben noch so hingeschleppt, unter allerlei Püffen oben vom Orgelchor her.
[pg 54] Man erhebt sich.
Vorn steht schon der Herr Pastor mitten vor dem Altar, und über dem Goldschnitt seiner Bibel wölbt sich seine breite Brust. Schön von der Sonne beleuchtet sein rotwangiger Lutherkopf, die sauberen weißen Beffchen unter dem runden Unterkinn. Mit altgewohntem, zuverlässigem Pathos verliest er die Liturgie. Die Gemeinde und oben die Jungens antworten prompt nach jedem Satze, wenn sich seine runden, weißen Hände mit dem Buche senken und seine kleinen Augen mit dem unerschütterlichen Blick des Gottesmannes sich zum Chor erheben.
Ein Zwitschern. Hell und fein geben es die Wände wieder. Ein Rotkehlchen, das sich hinten durch die offene Tür hereinverirrt hat und nun ängstlich an den sonnigen Fenstern hinflattert: erschreckt von dem Gesang und dem Orgellärm. In langen, ängstlichen Kreisen zirpt es jetzt um den Altar, und nun setzt es sich ermattet auf die vergoldete, blitzende Dornenkrone des Heilandes, mitten über dem ernsten, gesunden Antlitz des Herrn Pastor.
Gestern abend hab ich ihm drüben einen Besuch gemacht. Er wohnt in einem großen, gelben Hause neben der Kirche mitten im Grünen. Weit im Kreise überblickt man die ganze Landschaft. Er hat mir seinen Obst- und Gemüsegarten gezeigt, seine Blumenbeete und seinen Hühnerhof mit dem großen, schattigen Nußbaum in der Mitte. In einem leeren, gefegten Ziegenstall hatten sich seine drei Jüngsten eine gute Stube eingerichtet. Die Öffnung über der Halbtür war mit einem alten Gardinenfetzen verhängt. Die Puppen und zwei zahme, weiße Hühner waren die Kinder. Nachher haben wir oben in der Pfeifenkrautlaube [pg 55] dicht an der Mauer bei Zigarren und Kaffee um die schlimmen, gottvergessenen Zeiten und die Nuditäten auf der Schloßbrücke zu Berlin herumgeplaudert. Die Sonne glitzerte in den weißen Tassen, auf der Zinnkanne und in dem braunen Trank, und der Rauch unserer Zigarren zog sich schräg in die Landschaft hinein … Ein schöner, stiller, sonniger Winkel!
»Heilig! Heilig! Heilig ist der Herr Gott Ze-ba-oth!
Alle Lande, alle Lande, alle Lan-deee
Sind seiner Ehre voll!«
Oben schreien jetzt wieder die Jungens, und die ganze Gemeinde stimmt jauchzend ein, denn nun braucht man nicht mehr zu stehen, und es kommt die Predigt.