Das Rotkehlchen hat sich wieder aufgemacht und schwirrt verzweifelt an einem der Fenster auf und nieder.

Der Herr Kantor läßt den Jubel der Heerscharen sich noch ein paar Takte hindurch ausjauchzen, so daß man hinreichend Zeit findet, sich zurechtzusetzen, zu schneuzen, die Brillen zu rücken und das Zwischenlied aufzuschlagen, und dann lenkt er mit einem gewandten Schnörkel zu der neuen Melodie über. Drei Strophen, und nun steht der Herr Pastor wieder oben auf der Kanzel.

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Stehend wird der Text angehört und nun: »Im Herrn Geliebte!« …

Neben mir, ganz allein auf einer weißen Seitenbank unter dem Seitenchor, sitzt Kramers Knecht im bläulichen Halbschatten. Er sitzt vornübergebeugt mit seinem breiten, von der schweren Wochenarbeit niedergezwängten Rücken.

[pg 56] Zwischen den knorrigen, rotbraunen Fingern hält er das dicke, altfränkische Gesangbuch andächtig vor sich auf den dicken, knochigen Knien. Aus der schwarzen Halsbinde heraus sein braunes, verrunzeltes, frisch rasiertes Gesicht, blau angelaufen um das Kinn herum, ein schwarzes Stück Schwamm auf die Backe geklebt, weil der Barbier ihn geschnitten hat. Seine strohblonden, graumelierten Haare sind mit Wasser glatt an den kleinen Spitzkopf angekämmt, in die niedrige Stirn hinein und an den Seiten, hinter den abstehenden, großen, biederen Ohren vor, über die Schläfe hinweg. Aus dem breiten, runzligen Munde blinken die Zähne hervor. Seine kleinen, wasserblauen Augen starren, unter den dicken, hellblonden Brauen vor, zu dem Pastor hinauf. Jetzt blinken seine weißen Wimpern, der Kopf nickt. Die Lider werden schwerer und schwerer. Jetzt fallen sie zu. Er ist eingeschlafen.

Oben erzählt der Herr Pastor von Maria und Martha, die andachtbeflissen zu des Herrn Füßen saßen. Sein schöner, ruhiger Baß tönt in schmeichelnden Perioden über die Gemeinde hin. Warm und goldig liegt die Sonne zwischen den stillen Kirchstühlen. Meine Frau Wirtin hat ihr rundes Gesicht seitwärts geneigt und schnauft leise durch die Nase. Die Frau Amtmann, das Fräulein vom Gute: eins nach dem anderen riskiert sein Nickerchen; einen nach dem andern um mich her wiegt das gute Gotteswort in wohlverdienten Schlummer.

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»Amen!«

Der Herr Pastor schneuzt sich vernehmbar. Dreimal hintereinander.