[pg 57] Über die Kirchstühle hin geht ein Rauschen. Und nun: »Es hat dem Herrn über Leben und Tod gefallen, die Frau Rosine, Marie, Susanne Küntzel im 56. Jahre ihres Alters hinwegzurufen aus diesem Jammertal« usw. Ein stummes Gebet. Der Segen über die stehende Gemeinde hin: »Der Herr segne euch und behüte euch! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch und gebe euch seinen Frieden! Amen!« – Amen! Amen! Amen!… Das Kirchengebet. Der letzte Vers. Und nun strömt es hinaus in den warmen, sonnigen Mittag …

Zu Hause gibt es ein Süppchen »Hören Sie?«, den pp. Sonntagsbraten, ein deliziöses Kompott von frischen Kirschen, und zu allem ein goldiges, sanftmütiges Moselweinchen …

Helle Nacht

Ich lieg und liege und kann keinen Schlaf finden und mag keinen finden.

Weit steht vor mir das Fenster offen, und die klare Nacht duftet herein.

Das ganze Zimmer: so hell, so hell! Ein übernatürlich helles Zwielicht. Es hält mir die Lider weit auseinander. Ich liege ganz still. Kaum hab ich ein Gefühl von meinem Körper.

Mir ist, als säh ich alles tief, tief in mich hinein; als säh ich in alles, alles tief hinein.

Wie hingenommen bin ich in eine Offenbarung und wüßte doch nichts zu sagen, nichts zu nennen. Aber es quält mich nicht. Mir ist, als ob ich alles wüßte.

[pg 58] Immer bin ich doch noch der alte Träumer. Wie ein Nachtwandler zwischen Schlaf und Wachen, den es zu den Höhen zieht, zu den Gestirnen. Mir ist, als verliefe mein Empfinden mit tausend Fäden in unerkennbaren Zusammenhängen, ein seliges Verwebtsein mit allem.

Die Welt so vor sich hinzuträumen …