Da hatten aber vor kurzem eine Magd und ein Knecht im Nachbargarten, wo sie sich gegen die Nacht hin Stelldichein [pg 68] gaben, plötzlich ein merkwürdiges, unerklärliches Winseln und Wimmern gehört. Immer wieder und wieder. Mehrere Abende hintereinander.
Zuerst hatten welche gemeint, es »spuke«, weil es mit dem alten Gehöft sowieso nicht »seine Richtigkeit« hatte. Aber schließlich waren doch Nachforschungen angestellt worden, und da hatten sie das arme Wesen in seinem dumpfen Kellerloch entdeckt.
Und nun lag es da in der hellen Sonne …
Ich beobachtete den Kossäten und seine Frau. Er, leichenblaß bis unter die schwarzen Haare, mit breiten zuckenden Kinnladen und trotzigen kleinen Augen, die unstet hin und wider gingen; die wulstigen Lippen fest zusammengepreßt. Ab und zu zuckte er mit dem Kopf zurück, wenn ihm eine Faust zu nah gegen das Gesicht fuhr. – Sie, eine große, knochige Person, breitschultrig und breithüftig, ein wahres Arbeitstier, strotzend von Gesundheit und Kraft. Sie stierte mit vor Angst dummen quellenden Augen hin und her, bewegte lautlos die Lippen und zitterte über den ganzen Körper. Hin und wieder machte sie eine schützende Bewegung gegen ihren Mann hin, wenn die Leute zu nahe gegen ihn andrängten.
In der Haustür die Kinder. Ein halberwachsener Junge und ein Mädchen in stummer, erstarrter Angst, und auf der sonnigen Türschwelle saß mit ausgespreizten, nackten Beinchen im roten Röckchen ein pausbackiges Krausköpfchen, ein Dreijähriger, der aus vollem Halse in den Lärm hineinschrie. Hinten, aus der Hoftorecke her, zu all dem Aufruhr das wütende, heisere Gekläff des Hofköters, der wie rasend an seiner Kette hin und her sprang.
[pg 69] Es überlief mich. Zwischen den Kindern durch flüchtete ich mich über die stille, heiße Gasse hierher in mein Stübchen.
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Ja, und da lag ich nun: betäubt, verwirrt, wieder einmal ratlos erschauernd vor den »dunklen Abgründen menschlichen Leidens und Lebens« … Wieder einmal lastete es auf mir, bleischwer mit Mißmut, Ekel und Verzweiflung, und zwischen meinen hämmernden Schläfen brannte die alte, böse Frage »Wozu?« Wie heißt es doch? »Ein Narr wartet auf Antwort« …
Schön! Aber vor allem: Was nun?
Soll ich mich abwenden – so stellt sich für mich als Künstler die Frage – mich abwenden und mich in irgendein Idyllchen flüchten, das ich dem Leben abdestilliere aus Mondschein, Fliederduft und Gelbveigeleinliebe, und zeigen, wie »schön trotz alledem« die Welt ist und wieviel des »Erhebenden« sie »immerhin so nebenbei« noch biete? Daß auch das Wirklichkeit ist?