Und wie ich ihn mir so recht vorstellte, da wurde es mir mit einem Mal wohler zumut. Ich merkte auf einmal: alles das, was ich heute erlebt hatte, war ja nicht bloß der eine Mißton, den ich zuerst vernahm, sondern ein wunderbares Zusammenklingen von unendlich vielen Tönen, die hinüber verlaufen ins Unendliche, in das große Unbekannte, das, wenn man es in sein Fühlen aufnimmt, Lust und Leid beruhigend zusammenrinnen läßt in ein wundersames, erschauerndes Erstaunen …
Meine Nerven, die es möglichst bequem haben wollten und mußten, hatten sich wieder mal chokiert gefühlt, das war im Grunde alles …
Ach du, mein lieber Junge! – Wir sind so geistreich heutzutage!… Ja, entsetzlich! – Aber mit der Galle, mit unserem dicken Blute, unseren zimperlichen Nerven.
Wir wollen das Leben unter allerlei prätentiöse, philanthropische, psychologische und was weiß ich noch alles für [pg 74] Maßstäbe zwängen, wir »Künstler von heute«, und wir kriegen doch nicht einen Millimeter darunter, ohne daß es nach beiden Seiten weit überragt.
Wir tun uns was zugute, wenn wir ein Stück Leben zu irgendeinem Rechenexempel sophistisch spitzfindig verzwickt haben.
Wir schreien über »blöde Nachahmung«, wenn nicht geistreich aus- und untergedeutelt wird, wenn das quellende Leben nicht mit irgendwelchen »Fragen« malträtiert wird, sondern wenn einer sich begnügt, sein lebendiges Herz hinzuhalten und die tausend und aber tausend Stimmen, die das winzigste Stück Leben redet, widertönen zu lassen ohne weitere Neunmalklugheit und sonstiges Brimborium; wenn einer der »schweren Not der Zeit« gegenüber sich einen gottlos himmlischen Leichtsinn bewahrt hat.
Und doch, wer doch so wäre wie du! Wer doch heute so sein könnte! Einfältig wie ein Kind und mitfühlend doch alles wissen, verstehen und widertönen lassen, von Herz zu Herzen reden könnte, wie du das konntest!…
Zwischen Papieren
Ein Gewitter, das sich während der Nacht um unseren Talkessel herum austobte, hat sich in einen Regen aufgelöst. Seit frühem Morgen schon raschelt er ununterbrochen in langen Fäden vom sackgrauen Himmel herunter und läßt mich nicht aus dem Zimmer.
Ich sitze an meinem Schreibtisch und höre auf die stille, behagliche Musik draußen: das Rascheln der Blätter, das [pg 75] Plätschern der kleinen Gießbäche an beiden Seiten des Fahrwegs die Gasse hinunter in trüben, milchkaffeefarbenen Wirbeln. Dazwischen das Geschrei der Jungens, die sich, die Hosen bis zu den Hüften hinaufgekrempelt, in den breiten Lachen und Pfützen verlustieren, auf denen Hunderte von Blasen aufhüpfen und wieder verschwinden. Der Pudel meiner Wirtin hat sich neben mir auf dem Teppich zusammengekuschelt und schnarcht leise, und von der Wand her tackt die Uhr. Ich freue mich meiner Filzsocken, meines Hausrockes und meines Nasenwärmers.