An dem halbversunkenen, regenverwaschenen Kapellentor schleich ich vorbei, unwillkürlich einen Augenblick auf den Zehen. Es ist hier schattig von Bäumen, und das alte Gemäuer haucht einen kühlen Moderduft aus.

Ich sehe rechts hinüber. Der alte Ahorn. Da ist das Erbbegräbnis. –

Nein! Ich kann noch nicht gleich so hingehen. Es würgt mir in der Kehle, und es ist, als ob mir die Augen feucht würden. Ein so dummes, sonderbares Gefühl. Die ganzen Jahre her: nein, wohl kaum ein einziges Mal ist mir so zumute gewesen. –

Ich gehe vorbei und schreite zwischen den Gräbern entlang die gelbsandigen, buchsbaumumfaßten Wege hin. Die Sonne blinkert auf der Goldschrift eines Marmorsteins. Überall Grabmäler. Hohe, niedrige, breite, schmale. Uralte, sargähnliche; grünübermoost. Eine Säule mit einem goldumfransten, steinernen Mantel drüber. Zwei verschlungene Hände. Zwei umgekehrte Fackeln, gekreuzt. Eine vergoldete Schlange, die sich in den Schwanz beißt. »Das Symbol der Ewigkeit«, hatte sie mich damals belehrt, als sie mich fast täglich mit hierher nahm und ich über die grünen Gräber weg nach den bunten Schmetterlingen haschte, den Admirals, den Trauermänteln, Totenköpfen und den gelben Buttervögeln … Dort eine wetterverwaschene Grabschrift. Naive Verse, die mit dem »Wiedersehen da drüben« trösten. Die alten, dunkelgrünen Lebensbäume und die hellgrünen Trauerweiden. Birken und Tannen. Goldlack und fliegendes Herz. Rosen und [pg 15] Nelken und Jelängerjelieber. Dazwischen verblichener, silbergrauer Flor um einen welken Kranz. Blumen und Grün, überall Blumen und Grün in der bienensummenden, duftschweren Mittagschwüle. –

Hier standen die alte Mauer und die Pflaumenbäume. Wie oft hatte ich in den Ästen gehockt, während sie da drüben auf der grüngestrichenen, sauberen Lattenbank unter dem Ahorn vor einem Grabe saß …

Und hier, an dieser Stelle, muß es gewesen sein, wo einmal eine kleine Schar Leute im Kreise um etwas herumstand. Es war ein Mann, lang und starr über ein Grab hin. In der Hand hatte er eine Pistole, und da, wo der Kopf sein mußte, hatten sie ihm eine blaue, verwaschene Schürze übergedeckt … Es fällt mir wieder ein. – Hier die Mauer, an der er dann eingescharrt wurde. Drüberhin kann man weit über die Felder und Hügel hinsehen. – Alles streicht an mir vorbei wie im Traume; und endlich steh ich unter dem Ahorn und sinke auf einer alten, regenverwaschenen Bank nieder. Sie ist wacklig und hier und da ausgebessert.

Vor mir drei efeuüberwucherte Gräber und ein schlichter Sandstein in Form einer aufgeklappten Bibel. Auf dem einen Blatte ein Bibelspruch, auf dem anderen ein Name und ein paar Daten. Und da drunter liegen ein paar morsche, braungraue, schmutzige Knochen und ein goldenes Ringelchen … Weiter nichts! –

Du?… Das bist du?…

Und doch – Was, »und doch«? – Ja, und doch ist etwas so lebendig in mir: all diese Erinnerungen.

Wie wunderlich das ist!