Da oben zwischen dem alten Mauerwerk kletterten und spielten wir umher. Hab ich keinen Bekannten, keinen Freund mehr hier? Nein, nicht einen einzigen. Nur Erinnerungen und ein paar Gräber. –
Und wieder streif ich durch das Nest, bis ich zu einem Gäßchen komme. Zwischen alten Scheunen und halbzerfallenen, gelbbraunen Lehmhütten mit verwitterten Strohdächern schlendere ich hinauf, auf die Friedhofskapelle zu. Oben im Dachstuhl, frei in der Frühlingsluft, die alte grünspanige Friedhofsglocke, umspielt von Sonnenschein und Schmetterlingen im Gebälk. Und unten davor die uralte mächtige Linde, die mit ihrem zerklüfteten Wipfel das Ziegeldach überragt. –
Jetzt bin ich oben. Rechts und links zweigt sich die Scheunengasse weiter, und rechts und links von der Kapelle aus auf der anderen Seite, lang, weit die hohe Friedhofsmauer.
Ich stehe vor der Kapelle. Unter den vier Bogenfenstern an den beiden Seiten des breiten Tores – »Eingang zur [pg 13] Ruhe« haben sie darüber gemalt – stehen in altfränkischer Schrift Sprüche eingegraben. Ich suche sie zu entziffern.
»Hier seynd viel dausend neingeschiegt
und warden auf das Jüngste Gericht«
heißt der eine. –
Es ist so still und so einsam, so totenstill hier. Nur die Linde raunt ununterbrochen, und die Bienen summen leise dazwischen umher. Die sonnige Luft, so warm und schläfrig. Mücken und große stahlblaue Schmeißfliegen darin hin und her. Ein schimmlig modriger Geruch von dem Müll und Schutt an den Scheunen hin.
Ich starre auf die dunklen Fenster, und mir ist, wie damals immer, als müßte auf einmal von drinnen heraus aus der grabesstillen, feuchtkühlen Finsternis ein weißer Totenschädel durch die blinden, spinnwebüberzogenen Scheiben grinsen. Ich schreite auf das massive Eisengittertor zu. Wie oft, mit einer, war ich da hindurchgeschritten. – Es ist recht rostig geworden. Wie ich auf die Klinke drücke, kreischt ein Ton schrill und scharf in die sonnenheiße Mittagstille. Es ist zugeschlossen. Hier ist kein Eingang mehr. Ich gehe ein Stück die Mauer hin und finde ein neues, sauberes Tor neben einem neuen Leichenhause.
Ich schreite hindurch, und da merk ich erst, daß ich noch immer diese dumme Zigarre im Munde habe. Schnell laß ich sie hinter meinem Rücken zu Boden gleiten. Ein unerklärliches Gefühl von Scham, Angst und Sehnsucht überkommt mich, und zitternd, mit klopfendem Herzen tret ich ein. Mir ist, als sollt ich in den nächsten Augenblicken von jemand, von einer verhört werden, als sollt ich Rechenschaft ablegen über all die Jahre. –
[pg 14] Kein Mensch da. Ich bin ganz allein auf dem weiten, stillen, sonnigen Friedhof.